"Hätte dich gern kennen gelernt"Ein Stolperstein für Suse Löwentraut
Von Sabine Oelmann
In der Berliner Katharinenstraße wurde diese Woche ein Stolperstein zum Gedenken an Suse Löwentraut verlegt. Ihr Enkel hat Freunde und Weggefährten eingeladen, diesen feierlichen Moment mit ihm zu begehen. Auch 83 Jahre nach ihrem Tod ist das berührend.
Täglich "stolpern" wir darüber, manchmal bleiben wir stehen, meist hetzen wir weiter. Stolpersteine sind überall in deutschen Städten zu finden. Auf ihnen steht, wer wann wo gewohnt hat. Bis wann. Bis er oder sie oder die ganze Familie deportiert oder umgebracht wurde.
In der vergangenen Woche wurde Suse Löwentraut ein Stolperstein gewidmet. "Endlich ein Ort des Erinnerns", sagt ihr Enkel Andreas Tölke, und: "Jetzt bist du nicht mehr eine von sechs Millionen. Denn das Schrecklichste daran, ein deutscher Jude gewesen zu sein, ist, keinen Ort der Trauer zu haben. Beziehungsweise ein Konzentrationslager oder einen anonymen Ort. Denn wenn jüdische Menschen in Deutschland trauern wollen, dann gehen sie an Orte der Vernichtung. Und die sechs Millionen, die schweben über allem, denn es gibt keinen Ort, der das einzelne Schicksal würdigt."
"Endlich sichtbar"
Löwentraut wurde am 22. Juni 1902 als Suse Löwe in Cosel geboren, lebte zuletzt in Berlin-Halensee und wurde am 23. Mai 1943 in Auschwitz ermordet. Sie wurde 41 Jahre alt. "Der Tod meiner Großmutter schmerzt noch heute – und deswegen ist die Verlegung dieses Stolpersteins für mich ein bedeutender Moment, auf den ich lange gewartet habe", sagt Tölke. "Ich konnte sie nie kennenlernen. Umso wichtiger ist es mir, ihren Namen sichtbar zu machen."
Mit der feierlichen Zeremonie einer Stolpersteinverlegung wurde das Leben einer Frau gewürdigt, die aus dem Leben ihrer Lieben von einem Tag auf den anderen verschwand. "Meine Mutter hat versucht, sich von ihr zu verabschieden, da war sie noch ein Kind. Großmutter war im Gefängnis, doch man ließ sie nicht vor. Meine Mutter, das Mädchen, die Tochter, stellte sich vor das Gefängnis, wo ihre Mutter, meine Großmutter, festgehalten wurde, und rief ihren Namen", erzählt Tölke der Gruppe von Freunden.
Viele von ihnen sind in diesem Moment bei ihm, legen Blumen nieder und gedenken einer Frau, die niemand der Anwesenden kannte und der sich in diesem Moment doch alle nah fühlen. "Nach einer Weile sah sie eine Hand, die aus einem vergitterten Fenster winkte", erzählt Tölke weiter. "Es war das letzte, was meine Mutter von ihrer Mutter sah." Die Geschichte berührt, obwohl sie so lange her ist. Sie ist so oder ähnlich Millionen Male erzählt worden, und doch ist sie einzigartig. Vor allem leider auch deswegen, weil Judenhass in Deutschland wieder "aktuell" ist.
Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln wird seit 1992 an das Schicksal der Menschen erinnert, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Die Steine werden meist vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer in das Pflaster des jeweiligen Gehwegs eingelassen. 2023 verlegte Demnig in Nürnberg den hunderttausendsten Stolperstein.
Daten für seine ersten Steine erhielt der Künstler in Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen "Verein für die Verständigung von Roma & Sinti (Rom e. V.)" und auch weiterhin von vielen Initiativen. Eine wichtige Hilfe ist neben lokalen Archiven und historischen Adressbüchern die Datenbank der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Finanziert werden Stolpersteine durch private Spenden. Ein Stein kostet einschließlich seiner Verlegung 120 Euro (im Ausland 132 Euro). Jeder kann eine Patenschaft für einen Stein übernehmen.
Mit diesem speziellen Stolperstein nun wird eine Frau geehrt, deren alte Hände ihr Enkel gern gehalten hätte. Die Hände einer Frau, von der er vielleicht mehr hat, als er denkt, und doch kann er das nicht einordnen, da er ihr ja nie begegnet ist. "Lasst uns gemeinsam meiner Großmutter gedenken – und zugleich das Leben würdigen, das wir heute führen dürfen", sagt er in der Katharinenstraße in Halensee an diesem sonnigen Tag.
Kantorin Avitall Gerstetter stimmt ein hebräisches Lied an, Psalm 23, und auch die, die nichts verstehen, fühlen, mehr als acht Jahrzehnte nach dem Tod einer Frau von sechs Millionen, dass dies ein besonderer Moment ist. Nicht nur für Suse Löwentraut oder ihren Enkel, sondern für alle, die künftig aus diesem Haus gehen oder über den Stein hetzen. Und für die, die stehen bleiben und lesen.