"Alles in einem Waschgang"Eine Muse ist auch nur ein Mensch
Von Sabine Oelmann
Florence Kasumba und Marcel Ostertag kennen sich fast zehn Jahre. Ihre Schönheit, sein Design - Zeit, der Freundschaft, der Mode und der Frage "Wann ist man eine Muse?" auf den Grund zu gehen.
"Dancing Flowers" heißt die jüngste Kollektion und ist für Menschen aller Generationen - eine Besonderheit des in Bayern lebenden Designers Marcel Ostertag, der die Ruhe auf dem Land mittlerweile mehr liebt als den Trubel der Großstadt. "Meine Kollektion richtet sich an Menschen, die Mode als Ausdruck von Persönlichkeit, Lebensfreude und Individualität verstehen - unabhängig vom Alter", sagt er ntv.de im Hotel Rothof in München. Ostertag ist einer der wenigen Designer, der das System Diversität weiterhin durchzieht, denn viele seiner Kollegen sind wieder beim Magerlook angekommen, wie die Schauen in Berlin, aber auch Paris, London, New York und Mailand zeigen. Curvy, dünn, alt, jung, grauhaarig war mal - der Trend geht erschreckenderweise wieder in Richtung sehr dünn, eher selten laufen noch andere Körperformen über die Laufstege. Bei Ostertag jedoch werden alle - von junger Träumerin bis zur selbstbewussten Grande Dame - mit Schönheit, Selbstvertrauen und Freiheit versorgt, er ist und bleibt "ein Kind der 70er."
Ostertag pflegt die Beziehungen zu seinen Kundinnen innig, sie fühlen sich gesehen. Aber machen Kleider wirklich Leute? Sowohl der Designer als auch Schauspielerin Florence Kasumba, seit zehn Jahren mit ihm befreundet und seitdem auch seine Muse, sagen "ja": "An einem schlechten Tag gibt dir die richtige Kleidung Halt", sagt sie, und er sieht seine Kundinnen und Kunden oft mit einem Lächeln, das sie zuvor nicht hatten, den Laden verlassen. Wäre es okay, die Schauspielerin als Muse zu bezeichnen? "Absolut", strahlt sie und Ostertag ergänzt: "Florence läuft mit einer Eleganz, als ob sie tanzt. Sie ist die pure Inspiration!"
Kasumba, genauso präsent in internationalen Marvel-Blockbustern wie in zahlreichen deutschen TV- und Filmproduktionen ("Tatort", "Call my Agent"), hat ihre künstlerischen Wurzeln ganz woanders: auf der Musicalbühne. Bereits zu Beginn ihrer Karriere wurde sie von Elton John für die Rolle der Aida im gleichnamigen Musical ausgewählt. Und dorthin kehrt sie auch bald zurück: Kasumba wird ab Winter 2026 in der ikonischen Rolle der Miranda Priestly im Hamburger Musical "Der Teufel trägt Prada" zu sehen sein: ikonisch, cool, klassisch.
"Und alles war bunt!"
Sie trägt nicht schon immer so bunte Kleider wie die ihres Lieblingsdesigners und sie fühlt sich geschmeichelt durch das, was er in ihr sieht: "Grundsätzlich trage ich sehr gerne schwarze Klamotten, auch, weil ich lieber im Hintergrund bin. Außerdem ist es sehr praktisch, wenn alles in einem Waschgang in die Maschine kann (lacht). Doch dann kam ich das erste Mal zu Marcel - und alles war bunt!" Bei ihm und seinem Team fühlt sie sich gut aufgehoben, "sie suchen immer genau das Richtige für mich aus". Bei unserem Gespräch trägt Kasumba ein körperbetontes, langes Kleid mit großen Blüten, sie bewegt sich fantastisch darin und kann auch sitzen - nicht selbstverständlich bei engen Kleidern. "Ich habe gelernt, zu vertrauen. Ich kann anderen die Entscheidung überlassen und beruhigt über einen roten Teppich laufen." Ostertag ist es wichtig, seine Kundinnen nicht zu verkleiden, er möchte, dass sie sich wohlfühlen und man die Person darin erkennt. Und das kennen wir alle: Wenn man sich wohlfühlt, agiert man selbstbewusster.
Mehr als eine Jogginghose
Aber haben wir nicht Klamotten im Überfluss? Die Bilder der Kleider- und Stoffhalden, die in den Wüsten Südamerikas, Afrikas oder Asiens verrotten, sprechen eine ganz klare Sprache. "Meine Mode steht für den bewussten Umgang mit Ressourcen: Mehr als die Hälfte der verwendeten Stoffe stammt aus hochwertigen Deadstock-Beständen", so der Designer. Und schon fühlt man/frau sich wieder ein bisschen besser beim Stöbern.
Ist Deutschland noch immer Entwicklungsland, was Mode angeht? Ein mehrstündiger Aufenthalt in einem Flugzeug oder der Bahn kann diesen Eindruck zumindest erwecken: "Wohlfühlen kann aufregend sein, der Stoff muss stimmen und der Schnitt. Kleidung kann was machen mit dir - und ein Tag kann doch noch gut werden, wenn du das Richtige trägst", so Kasumba. "Wer rausgeht und strahlt, wird zurück angestrahlt", weiß Ostertag. Seine Events, wie zuletzt in München zum 20. Jubiläum seiner Marke, katapultieren in eine andere Welt, ohne zu vergessen, dass die Welt, in der wir leben, momentan nicht wirklich gut funktioniert. Aber selbst wenn Ostertag schwarze Kleider entwirft, dann haben sie nichts Düsteres, sondern immer etwas Besonderes - Glitzer, Spitze, fröhliche Musik und oft sein Markenzeichen: Blumen.
Kann man Stil eigentlich lernen? Kasumba sagt sofort: "Ja, kann man. Es heißt ja, Stil hat man oder hat man nicht, aber man kann sich ausprobieren, sich finden. Es kommt darauf an, wo du lebst, wo du herkommst. Man kann Stil abschauen oder sich beraten lassen. Ich glaube, wenn man offen ist, dann geht da viel. Ich habe mich auf jeden Fall entwickelt, weil andere mich inspiriert haben." Ihr Stil hat eine große Range: "Werde ich mehr stehen oder sitzen, mich bewegen? Bin ich privat oder öffentlich unterwegs? Werde ich mit dem Auto abgeholt oder fahre ich Bus? Danach suche ich aus, was ich anziehe, und danach wähle ich vor allem auch meine Schuhe", sagt sie lachend, denn die Zeiten, in denen Frauen in High Heels durch ihr komplettes Leben stolperten, sind wohl vorbei. "Wir haben die Wahl, es gibt keine Limits", so die 49-Jährige.
"Ich trage das jetzt"
Stil ist also eine Entwicklung und hat mit Lebensphasen zu tun, mit Perspektiven. Oft wird Stil als elegant oder klassisch eingeordnet, dabei kann Stil auch rough sein oder witzig, außergewöhnlich oder traditionell. "Stil ist Ausdruck der Persönlichkeit, ich möchte niemanden in eine Schublade stecken. Stil entwickelt sich. Und wenn ich einige Personen so beobachte über die Jahre, dann ist da ganz viel 'Egal, was die anderen denken, ich trage das jetzt' dabei. Das freut mich jedes Mal", betont Ostertag.
Für den 47-Jährigen gilt, praktisch muss es - meist - sein, und dabei bleibt er seiner Liebe für die 70er treu: "Es gibt Termine, da sind Sneakers und Shirts am besten, genauso wie andere Termine, bei denen ein klassischer Anzug einem eine Art Rüstung verschafft. Ich möchte gern ernst genommen werden, und das schaffe ich bei einem Businesstermin vielleicht besser in einem Anzug als in einer Flatterhose."
Accessoires sollte man nie unterschätzen, Brillen, Broschen und die Frisur spielen große Rollen. Zu Hause hat er eine antike, sizilianische Kommode, in der er seine Brillen-Sammlung aufbewahrt: "Wenn ich die Schubladen aufziehe, bin ich gelegentlich selbst sprachlos", lacht er, "aber Styling macht so viel aus." Stil hat weniger mit Trends als mit Haltung zu tun, und Haltung ist auch das, was bei Kasumba auffällt: In ihrem Instagram-Account kann man sehen, was die in Uganda geborene und in Essen aufgewachsene Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin ausmacht. Alles scheint zu fließen, und selbst, wenn sie in ihren Filmrollen brutal kämpft, ist es eine Augenweide, ihr zuzuschauen.
"Ein anderer Lifestyle"
"Dancing Flowers" jedenfalls machen gute Laune. Die Zeiten sind herausfordernd, die Leute fühlen sich belastet, die Mundwinkel hängen vielerorts, Meckern und Aggressionen sind an der Tagesordnung. "Darauf habe ich keinen Bock", sagt Ostertag, dem die Wertschätzung dessen, was wir haben, fehlt. "Wenn ich nach Italien fahre, dann haben die Leute da ganz ähnliche Themen, aber die gehen mittags ein Gläschen Wein trinken zum Lunch und lachen auch mal. Es ist ein völlig anderer Lifestyle."
Seine nächste Station ist Paris und da setzt er auf Couture: reichlich Besticktes, explodierende Farben, eine Mischung aus Drama und Glück. Kasumba bestätigt, dass allein der Anblick von Ostertags Entwürfen sie glücklicher macht.
"Warum sollte ich das bestellen?"
Klamotten aus Italien lässt sich Kasumba ungern liefern: "Das möchte ich nicht. Wir haben so viele tolle Designerinnen und Designer in Deutschland, gerade in Berlin, wo ich lebe - warum sollte ich da was bestellen?" Kasumba fährt viel Rad und Bahn, ist nicht immer glamourös und gerne ohne Make-up. "Ich habe viel im Ausland bei meinen internationalen Produktionen gelernt", verrät sie. "In Hollywood zum Beispiel sagen sie dir, welche Farbe der 'Red Carpet' haben wird, der ist ja nicht immer rot. Darauf kann ich mich dann einrichten, das ist super."
Worauf Kasumba auch achtet, ist Diversität: "Ich liebe Marcels Laufsteg. Ich kann damit extrem viel anfangen. Die Models sind groß, klein, curvy, schmal, jung, alt - das ermöglicht, sich die Sachen viel besser vorzustellen." Wir gehen jedoch wieder in die andere Richtung, die Diversität lässt nach, alles wird einheitlicher: "Ja, leider. Ich beschäftigte mich echt viel und gern mit Fashion, und bei den Shows ging es jetzt lange, gerade in Berlin, auch immer um Identität. Das ist weniger oberflächlich, da fühle ich mich wohl. Mir fehlt mittlerweile ein bisschen mehr 'Wir schaffen das'." Dieses Motto hatten wir schonmal, und ja, ein bisschen mehr Großzügigkeit, Entspanntheit und Offenheit würde allen guttun.
Ostertag hat jedenfalls große Pläne, er hat auch wieder angefangen, zu malen. Sein Schlafzimmer auf einem Bauernhof hat kleine Fenster - das war ihm zu wenig Licht: "18 Stunden habe ich Farbe auf die Wände aufgetragen", sagt er und ist sichtlich zufrieden mit dem Ergebnis, als er das Foto zeigt und wie ein japanischer Meister die Hände reibt. Was dazu führen wird, dass Kunst demnächst ganz anders in seine Entwürfe einfließen wird. Und zwar schon bald, in Paris - wer da wohl seine Muse sein wird? Wie genau man nun Muse wird? Egal. Manche Dinge passieren faszinierenderweise wohl einfach ganz von selbst.