Panorama

GAU machte Praktikum zunichte"Tschernobyl war nicht irgendein Reaktor - viele wollten ihn in Funktion sehen"

26.04.2026, 07:02 Uhr
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Ein Mahnmal vor Reaktor 4 erinnert an die Arbeiter, die bei der Katastrophe von Tschernobyl gestorben sind. (Foto: picture alliance / NurPhoto)

Jörg Müller baut mit Enertrag in Brandenburg Verbundkraftwerke aus Sonne, Wind, Speicher und grünem Wasserstoff. Vor 40 Jahren war eine Karriere in der Atomenergie geplant: Am Energetischen Institut in Moskau studierte er Kerntechnik. Zu dem Studium gehörte ein Praktikum, das Müller 1987 in Tschernobyl absolvieren wollte: "Das war ja nicht irgendein Reaktor, sondern der modernste der Sowjetunion", sagt er im Interview. "Viele wollten dort zum Praktikum hin, um ihn in Funktion zu sehen." Dazu kam es nicht. Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor.

ntv.de: Sie wollten im Juni 1987 ein Praktikum im Kernkraftwerk Tschernobyl machen. Das konnten Sie wegen der Reaktorkatastrophe im Jahr zuvor nicht antreten. Wie haben Sie den GAU erlebt?

Jörg Müller: An dem Samstag, als das Unglück geschah, haben wir nichts mitbekommen. Aber kurz danach war das in unseren Vorlesungen Hauptthema. Ich war ja damals auf der Seite, wo der Wind herkam.

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Jörg Müller ist Gründer, langjähriger Chef und heutiger Aufsichtsratsvorsitzender des Energieunternehmens Enertrag SE. Vor 40 Jahren studierte Müller in Moskau Kerntechnik. Ein dazugehöriges Praktikum wollte er 1987 in Tschernobyl absolvieren. (Foto: picture alliance/dpa)

In Moskau?

Ja. Der Wind blies Richtung Westen - mit nicht geringen Mengen hochradioaktiven Materials, das freigesetzt wurde.

Außerhalb von Tschernobyl wurde die Strahlung zuerst in Minsk wahrgenommen, richtig?

Dort und in Skandinavien. Die haben das auch sehr schnell festgestellt. Deshalb kursierte schnell der Witz "Frage an Radio Eriwan: Hätte man Tschernobyl verhindern können? Antwort: Im Prinzip ja, wenn die Schweden nicht gequatscht hätten."

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von der Reaktorkatastrophe erfahren haben?

Uns war in den Vorlesungen schnell klar: Das war menschliches Versagen. Tschernobyl war ja nicht irgendein Reaktor, sondern der modernste in der Sowjetunion. Viele wollten dort zum Praktikum hin, um ihn in Funktion zu sehen. Aber die haben es tatsächlich hinbekommen, im Zuge eines Tests zur Erhöhung der Reaktorsicherheit sämtliche Sicherheitssysteme außer Kraft zu setzen und die Kontrolle zu verlieren ...

Man wollte den Reaktor sicherer machen und hat das Gegenteil erreicht?

Genau. Das wird auch in der viel später erschienenen Serie richtig dargestellt. Ich habe die Berichte von Hans Blix und der Internationalen Atomenergiebehörde intensiv studiert. Die stehen bis heute in meinem Schrank.

Wann war Ihnen klar, dass es mit dem Praktikum in Tschernobyl nichts mehr wird?

Sehr schnell. Wir wussten wenige Tage später, dass dort niemand mehr hingehen kann - außer der sowjetischen Armee. Die Soldaten wurden dort im Minutentakt beim Wegräumen der Trümmer verheizt. Kein Mensch durfte länger als eine Minute damit in Kontakt kommen.

Die Führung der Sowjetunion ist nicht besonders offen mit der Katastrophe umgegangen. Hatten Sie durch Ihr Studium einen Informationsvorteil und wussten eher Bescheid als die normale Bevölkerung?

Ja. Aber über solch große Unglücke spricht niemand gerne. Als der Reaktor in Fukushima explodiert ist und man am Samstagmorgen die Bilder davon im TV sehen konnte, habe ich sofort gesagt: Das ist eine Kernschmelze. Dort ist Wasserstoff explodiert. Das sieht man. Die japanische Regierung hat anschließend drei Wochen gebraucht, um das zuzugeben. Inzwischen verbreitet sich durch die sozialen Netzwerke aber jedes größere Unglück in Sekundenschnelle.

Haben Sie Ihr Praktikum in einem anderen Kernkraftwerk nachgeholt?

Ich war in Nowoworonesch, Block 5. Das ist ein Druckwasserreaktor, also ein ganz anderer Typ als Tschernobyl. Das war ein Siedewasserreaktor. Aber die Größe war dieselbe. Beide Typen haben 1000-Megawatt-Blöcke.

Sie verdienen Ihr Geld heute mit erneuerbaren Energien. War Tschernobyl für Sie das Ende der Karriere im Bereich der Atomenergie?

Das Risiko war gar nicht der große Grund, warum wir die Kernspaltung aufgegeben haben. Es gab bekanntlich nur zwei wirklich schlimme Unglücke. Der Hauptgrund war, dass wir die Kernfusion nicht in den Griff bekommen haben, denn Uran ist durchaus endlich. Das reicht nicht, um die gesamte Erde mit Energie zu versorgen. Damit kommen wir nicht hin. Die Kernspaltung ist weltweit nie über zwei Prozent am Weltenergieverbrauch hinausgekommen. Das sollte immer eine Brücke zur Kernfusion sein. Auf der Erde gelingt es uns aber bis heute nicht, mehrere Millionen Grad Celsius zu kontrollieren, auch wenn immer wieder jemand hervortritt und meint: In 20 oder 30 Jahren haben wir es geschafft! Ich vermute, in 30 Jahren wird erneut jemand aufstehen und sagen, dass wir es in 30 Jahren geschafft haben … aber ohne Kernfusion ergibt die Kernspaltung keinen Sinn. Aus rein wissenschaftlicher Sicht war 1990 klar: Uns bleibt nur der Weg zur Solar- und Windenergie. Was anderes haben wir nicht.

Mit Jörg Müller sprach Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast anhören.

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Quelle: ntv.de

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