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Eine für alle"Epäonnistumisen päivä" oder: Die glücklichsten Versager feiern ihr Scheitern sogar

18.10.2026, 07:05 Uhr imageEine Kolumne von Sabine Oelmann
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Da kennt sich einer aus mit Scheitern und verkauft es trotzdem jedes Mal als einen Gewinn - die anderen sind einfach zu blöd, das zu verstehen. (Foto: IMAGO/Kirchner-Media)

Die To-do-Liste lang wie eine Rolle Klopapier, der Zeitrahmen winzig, die folgenden Projekte lauern bereits hinter der nächsten Ecke. Man kann nur scheitern. Das ist aber nicht schlimm, machen Sie's wie die Kolumnistin - finnisch.

Am vergangenen Dienstag war "Tag des Versagens". Bei mir auf jeden Fall, weil ich mal wieder nicht alles erledigt hatte, was auf meiner Liste stand. Ich wollte so viel schaffen: Diverse Texte schreiben, Keller aufräumen, dringende Korrespondenz beantworten, Sport machen - wenn ich das jetzt lese, weiß ich selbst, wie lächerlich das ist. Ich stehe schließlich nicht um fünf Uhr auf, dann ginge das vielleicht. Als ich nach Hause kam, fragte das Kind, was wir essen wollen (es kocht) und ob wir einen Film zusammen sehen (wie lange werden wird das noch gemeinsam tun?). Also warf ich den Keller über Bord, redete mir ein, dass meine Radtour in die Redaktion auch als Sport gilt, ein guter Text besser ist als drei halbgute und machte es mir auf dem Sofa gemütlich. Ich schob alles Unerledigte auf den nächsten Tag.

Da standen natürlich schon andere Dinge auf der To-do-Liste, die dringend erledigt werden mussten. Hatte ich nun ein schlechtes Gewissen, dass ich das alles nicht geschafft habe, so wie ich es mir vorgenommen hatte? Mitnichten. Denn ich wusste mittlerweile, dass ein ganzes Volk damit bestens klarkommt, zu scheitern. Ein Volk übrigens, das im Ranking der glücklichsten Länder der Welt regelmäßig auf Platz eins landet, während Deutschland nicht mal in den Top Ten vertreten ist. Die Rede ist von Finnland.

In Finnland gibt es tatsächlich den Internationalen Tag des Scheiterns (auf Finnisch "Epäonnistumisen päivä"), er wird seit 2010 alljährlich am 13. Oktober begangen. Wie darf man sich das vorstellen? Es ist ein wenig wie katholisch sein, glaube ich, und wie oft habe ich mir gewünscht, katholisch zu sein: Bekreuzigen, Bekenntnis der Sünden, geistlicher Rat durch den Priester, Buße tun, also Gebet oder gute Tat, Absolution, und zack, dann kann es wieder von vorn losgehen. Man macht Fehler, sagt sorry, macht wieder Fehler, Schwamm drüber.

Aus dem finnischen way of life könnte man allerdings noch etwas lernen: Erstens vielleicht, wie man ein und denselben Fehler nicht ständig wiederholt, oder auch, wenn man es größer angeht, wie man zum Beispiel mit der Nazivergangenheit des eigenen Landes und dementsprechend mit dem Wiederaufflammen des Naziwesens im eigenen Land besser umgeht? Also verleugnen? Bekämpfen? Aussitzen? Was würde ein Finne tun? Nun, die Finnen gelten als relativ schweigsames Volk. Das unterscheidet sie vielleicht von den Deutschen, die immer alles ausdiskutieren müssen. Das fängt am Gartenzaun an: Wie Streitigkeiten darüber, ob ein Blatt vom Baum des Nachbarn aufs eigene Grundstück gefallen ist und von ihm nun in den dafür eigens erworbenen Laubsack getan und kostenpflichtig entsorgt werden müsste, bis zum Obersten Gericht gehen können. Und es hört nicht auf im Bundes- oder Landtag, wo lautes Stören der Redenden zu einem probaten Mittel im Demokratiealltag geworden zu sein scheint.

Kotze in der Bio-Tonne

Finnen lassen einander mehr in Ruhe, wie der Finne Antti Soramies in einem Interview mit dem SWR sagte, "man interessiert sich nicht so sehr dafür, ob der Nachbar die Mülltonne zur richtigen Zeit herausstellt oder sein Auto sauber genug wäscht. So etwas gibt es in Finnland nicht." Gut, wenn der Nachbar ein paar Kilometer weit entfernt ist, ist es natürlich auch schwierig zu schauen, ob die Mülltonne richtig herausgestellt ist und dann ist das vielleicht auch wirklich relativ egal. Wenn meine Mülltonnen vor der Tür schief stehen, rücke ich die inzwischen wortlos zurecht, das ist die Finnin in mir. Wenn allerdings jemand in meine Bio-Tonne kotzt, bin ich schon sauer und fluche laut, wissend, dass die kotzende Person mich nicht hört. Nur meine Nachbarn ein paar Meter weiter wissen, wie dumm und verachtenswert ich das finde und welche neuen Schimpfwörter bei mir dazugekommen sind. Ich fühle mich dann jedoch erleichtert, weil ich kein Magengeschwür bekommen möchte, bloß weil ich alles in mich reinfresse.

Aber so sehr ich mich auch bemühen würde, finnischer zu sein - wenn ich wüsste, dass meine Nachbarn AfD wählen, dann würde ich die nicht mehr grüßen. Es wäre mir einfach nicht egal, welcher Gesinnung die sind. Es gibt einen Blödmann bei uns, den grüß' ich eh nicht, das hat aber andere Gründe. Und ich weiß ja auch gar nicht, wer alles AfD wählt. Ich würde sogar so weit gehen, dass ich vielleicht diejenigen nicht mehr grüße, die BSW wählen. Oder die Linken, diese Rumpeltruppe, die es nicht mal schafft, eine wirklich klare Aussage zu Antisemitismus zu treffen und sie dann auch so zu meinen und durchzuziehen. Solange Parteien solche Sauhaufen sind, ist es schwer, überhaupt jemanden zu wählen. Und dann deren Wähler zu grüßen. Kann ich also niemanden mehr grüßen? Weil alle Parteien Sauhaufen sind?

Mann, Mann, Mann, das ist nicht einfach. Finne hilf! Wie geht das mit dem Scheitern und dem Weitermachen denn nun? Der Antti Soramies hat in dem bereits zitierten Interview auch gesagt, dass es immer einfach sei, zu schimpfen. Oder sich über jemanden lustig zu machen, der etwas nicht hinbekommen hat. Aber man solle doch dieses Versuchen lieber fördern und am besten gleich feiern. "Versucht es", sagt er, "und wenn es nicht klappt, dann versucht es noch einmal. Vielleicht ist es nur eine Kleinigkeit gewesen, die nicht geklappt hat. Nicht entmutigen lassen. Es ist immer einfach, nichts mehr zu machen." Sich in die Ecke zu setzen, konform zu sein und zu schauen, dass man einfach durchs Leben kommt, das sollte man also bitte tunlichst sein lassen.

Können wir das auch?

Er findet, und alle anderen Finnen auch, das ist kein Scheitern, sondern Lebenserfahrung. Man könnte also sagen, das war eine tolle Erfahrung, von hier gehe ich weiter. "Das ist es, was der Tag des Versagens in Finnland den Menschen geben soll", so Soramies.

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Scheitern nicht als persönliches Ende oder Schande zu sehen, sondern als wertvolle Lebenserfahrung und wichtiger Motor, um Neues zu wagen und daraus zu lernen - manche haben das schon drauf außerhalb von Finnland. (Foto: IMAGO/Sven Simon)

Zurück nach Deutschland, können wir das auch? Beispiel, dein Opa war ein Nazi: Du bist nicht schuld daran. Du bist auch nicht gescheitert. Du musst dich nicht dein ganzes Leben lang schämen. Du solltest natürlich nicht das Gegenteil behaupten, also dein Opa war ein homosexueller Freiheitskämpfer, der zusammen mit Oskar Schindler jüdische Menschen gerettet hat. Das nicht. Du solltest dazu stehen, wie es war, wenn du es weißt. Und dann solltest du dich einfach anders verhalten, antinazi-mäßig. Du kannst nichts dafür!

Ein Finne würde dir sagen: "Hey, nur Mut!" Du musst ganz andere Sachen ausprobieren. Es muss nicht immer klappen, du darfst ein Scheitern akzeptieren. Dich nicht dafür schämen, sondern eher feiern, dass du es überhaupt versucht hast. Und es nochmal probieren. Oder was anderes. Vergib dir. Dann vergeben dir auch die anderen (wie auch wir vergeben unseren Schuldigern). Vielleicht. Wir sollten es mal ausprobieren. Heute.

Quelle: ntv.de

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