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"Das wird lange dauern" Ex-Ermittler erklärt Details zum Fall Rebecca

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Mit diesem Foto sucht die Polizei seit knapp einem Monat nach Rebecca.

(Foto: Polizei Berlin)

Seit knapp einem Monat fehlt von Rebecca jede Spur. Obwohl täglich neue Hinweise bei der Polizei eingehen, ist das Schicksal des 15-jährigen Mädchen noch immer ungeklärt. Warum gestalten sich die Ermittlungen so schwierig? Ein bekannter Profiler erläutert die Hintergründe.

Der frühere Bremer Mordermittler und Ex-Profiler Axel Petermann sieht die Polizei im Fall der vermissten Rebecca aus Berlin weiter vor einer überaus schwierigen Aufgabe. "So vielen Hinweisen nachzugehen, ist natürlich eine Riesenarbeit. Besonders für diejenigen, die sich beim Überprüfen der Spuren im wahrsten Sinne die Hacken ablaufen", sagte Petermann. "Jede einzelne Spur sollte überprüft werden. Mit jedem Hinweisgeber sollte Kontakt aufgenommen werden, möglichst persönlich und nicht nur am Telefon. Man muss alles schriftlich festhalten, es gibt Spurenakten und Vergleiche mit anderen Hinweisgebern." Bisher erhielt die Polizei 1500 Hinweise zu dem verschwundenen Mädchen.

Petermann, der selber einmal eine Mordkommission leitete und heute als Autor und "Tatort"-Berater arbeitet, betonte: "Das ist nur zu schaffen mit sehr viel Personal. Wenn da nur eine Mordkommission dran ist mit etwa zehn Leuten, ist das schwierig. Das wird lange dauern, bis man alle Hinweise abgearbeitet hat." Die bisherigen Ergebnisse und Indizien der Ermittlungen seien von außen schwer zu beurteilen, sagte Petermann. "Aber sicher brauchen die Ermittler noch mehr. Letztlich muss man beweisen können, was angenommen wird: dass Rebecca im Haus ihrer Schwester von ihrem Schwager getötet wurde. Das könnte über Spuren möglich sein, die beweisen, wie sie getötet wurde oder durch Zeugenaussagen oder ein Geständnis. Auch der Fundort eines Toten sagt viel darüber aus, was mit diesem Menschen geschehen ist und weshalb der Täter diesen Ort aussuchte."

Eine Leiche könne auch nach langer Zeit noch gefunden werden. "Es kommt ja immer wieder vor, dass getötete Menschen gut versteckt wurden, dass jemand sie vergraben hat", sagte er. "Sehen Sie sich den Fall Peggy an, die nach 15 Jahren im Jahr 2016 zufällig in einem Wald gefunden wurde." So könne es auch noch in Jahren sein, dass Rebeccas Schicksal geklärt wird. "Wie weit dann noch Spuren verwertbar sind, hängt vom Zeitpunkt des Auffindens ab. Aber auch, wie der Vermisste bekleidet war und in welcher Umgebung die Leiche lag und in welchem Zustand sie ist", betonte Petermann. Rechtsmediziner, Kriminaltechniker und DNA-Experten könnten manchmal noch erstaunlich gute Ergebnisse erzielen.

Was geschah mit Rebecca?

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Spurensuche im Wald: Bisher haben die Ermittler im Fall Rebecca noch keine belastbaren Beweise.

(Foto: www.imago-images.de)

Der rätselhafte Fall sorgt bundesweit für Aufsehen: Vor knapp einem Monat, am 18. Februar, wurde die 15-jährige Rebecca aus Berlin von ihrer Familie als vermisst gemeldet. Sie hatte bei ihrer älteren Schwester in Britz, einem Ortsteil im Berliner Bezirk Neukölln, übernachtet und kam morgens nicht in die Schule. Drei Tage später gab die Polizei eine Suchmeldung heraus. Am 22. Februar übernahm eine Mordkommission den Fall. Die Polizei hält ein Verbrechen für möglich. Eine Woche später verhaftete die Polizei Rebeccas 27-jährigen Schwager als Verdächtigen. Seitdem kommen die Ermittlungen kaum voran - Rebecca bleibt verschwunden.

Was ist nach Einschätzung der Polizei passiert?

Die Kriminalpolizei nimmt sicher an, dass Rebecca getötet wurde. Das sagte Hauptkommissar Michael Hoffmann, Chef der 3. Berliner Mordkommission, in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY". "Wenn wir die allgemeinen Ermittlungen übereinander legen, hierbei auch das Telefonverhalten von Rebecca beachten und die Auswertung der Routerdaten aus dem Haus des Schwagers, kommen wir zu dem Schluss, dass Rebecca das Haus des Schwagers nicht verlassen haben dürfte", sagte er. "Wenn wir dies voraussetzen, dann war der Schwager mit ihr allein zur fraglichen Tatzeit in diesem Haus."

Wie erhärtete sich der Verdacht gegen den Schwager?

Die Polizei stellte fest, dass es "zwei seltsame und klärungsbedürftige Fahrten mit dem Auto des Schwagers gab", wie Hoffmann sagte. Direkt nach dem Verschwinden von Rebecca und am Abend des nächsten Tages wurde der rote Kleinwagen auf der Autobahn zwischen Berlin und Frankfurt (Oder) von Kameras erfasst. "Zu beiden Fahrten kann er keine Angaben machen", sagte Hoffmann. Zudem soll die Polizei Haare von Rebecca im Kofferraum des Autos gefunden haben.

Bleibt der Schwager in Untersuchungshaft?

Das entscheidet ein Ermittlungsrichter, wenn seine Anwältin einen Haftprüfungsantrag stellt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft geschah das bisher nicht. Ein Prozess gegen den Schwager wäre theoretisch möglich, ohne Leiche aber schwierig.

Könnte es nicht noch andere Erklärungen oder Täter geben?

Rebeccas Familie beteuert die Unschuld des Schwagers. Er habe alle Indizien widerlegt und auch die Fahrten nach Brandenburg erklärt, sagen Vater und Mutter in Interviews. Sie denken, dass Rebecca sich mit einem Internetflirt verabredet haben könnte und entführt wurde. Spekuliert wurde auch, dass Rebecca weggelaufen sein könnte, doch die Familie schloss das in Interviews aus. Rebecca sei zuverlässig gewesen, und es habe keine Konflikte gegeben. Gegen die Theorien spricht, dass Rebeccas Handy sich nicht in Funkzellen außerhalb des Hauses einloggte. Sie hätte ihr Handy im Haus ausschalten und dann losgehen können. Das Telefon wurde aber nicht wieder eingeschaltet.

Warum meldet sich die Familie ständig in der Öffentlichkeit?

Vater, Mutter und die beiden Schwestern von Rebecca haben von Anfang an auch selbst nach der Vermissten gesucht. Sie halten die Ermittlungen der Polizei gegen Rebeccas Schwager für einseitig, wie sie sagten. Sie wollen offenbar ihre Sicht darstellen.

Warum ist die Aufklärung des Falles so schwierig?

Die Polizei geht von einem Mord aus, zu dem bisher die Leiche fehlt. Daher ist auch nichts über eine Todesursache bekannt, und es fehlen Spuren eines Täters, die sonst häufig an Leichen zu finden sind.

Was ergab die aufwendige Suche in Brandenburg?

Fest steht: Eine Leiche fand die Polizei dort bisher nicht. Es gab wohl nach dem Fahndungsaufruf im Fernsehen konkrete Hinweise auf ein bestimmtes Waldgebiet. Möglicherweise sah jemand ein ähnliches Auto dort. Allerdings ist der Wald groß, und es sind Wochen mit viel Regen und Wind vergangen, was die Suche für eingesetzten Leichenspürhunde noch schwieriger macht.

Warum sorgt der Fall für so viel Aufsehen?

Das Schicksal des Mädchens geht vielen schlicht ans Herz. Viele Fragezeichen kamen auch auf, weil es in dem Fall so viele Ungereimtheiten gibt und die Polizei zudem einen Mann aus der Familie des Mordes verdächtigt. Abgesehen davon lenken auch die Eltern mit ihren Interviews immer neue Aufmerksamkeit auf den mysteriösen Fall. Und: Das mögliche Opfer ist eine junge, hübsche Schülerin.

Gibt es vergleichbare Fälle?

Dass Mädchen oder junge Frauen spurlos verschwinden, passiert in größeren Abständen - meist allerdings nicht aus dem Haus von Verwandten, sondern irgendwo in der Großstadt oder auf dem Land. In Berlin wurde der Fall der im Jahr 2006 vermissten Georgine erst nach zwölf Jahren vermutlich aufgeklärt und ein Verdächtiger gefasst. Ihre Leiche wurde bislang nicht gefunden. Von einer 1993 verschwundenen Berlinerin fehlt weiter jede Spur. In seltenen Fällen setzen sich Frauen auch freiwillig ab. Kürzlich tauchte die 18-jährige Maria aus Freiburg wieder auf. Sie war als 13-jährige im Mai 2013 mit einem 40 Jahre älteren Mann weggelaufen. Ihre Familie suchte mehr als fünf Jahre lang nach dem Mädchen.

Wie geht es jetzt in Berlin weiter?

Die Polizei sucht weiter nach der Leiche - und nach jedem anderen sachdienlichen Hinweis zum Verbleib der verschwundenen 15-Jährigen. Um ihren Verdacht zu belegen, brauchen die Ermittler mehr Indizien oder Beweise. Sollte die Leiche nicht gefunden werden, entscheidet die Staatsanwaltschaft, ob trotzdem Anklage gegen den bisher einzigen Tatverdächtigen erhoben wird.

Quelle: n-tv.de, lri/dpa