Panorama

"Mal was aushalten"Fasten zwischen Selbsttest und Reset-Maßnahme

15.02.2026, 15:02 Uhr
00:00 / 06:23
Ein-Laib-Brot-mit-einem-Kreuz-und-Obst-und-Gemuese-im-Hintergrund-Themenfoto-vom-24-01-2026
Der christliche religiöse Gehalt geht beim Fasten immer weiter verloren. (Foto: IMAGO/epd)

Fasten war lange eng mit Religion verbunden. Wenn Menschen heute auf Süßes, Fleisch oder Internet verzichten, geht es auch um Gesundheit, Abkehr von Überkonsum, Achtsamkeit oder Selbstoptimierung.

Mindestens fünf Tage lang nimmt er nur Wasser zu sich, danach verzichtet er fast sechs Wochen lang auf Alkohol, Fleisch und Zuckerzusätze. "Ich faste seit über zehn Jahren immer ab Aschermittwoch", sagt Max König aus Gummersbach bei Köln. "Beim Wasserfasten komme ich in einen extremen Zustand, ein bisschen hardcore. Aber ich bin fit und klar im Kopf, und als gesunder Mensch kann man mal was aushalten". Angefangen hatte der heute 33-Jährige mit Anfang 20, damals mit Alkoholverzicht.

"Ich habe gelernt, Nein zu sagen und mir danach immer neue Challenges gesucht", schildert der Wirtschaftsingenieur. Der Zuckerverzicht habe ihm zunächst zugesetzt - mit starken Kopfschmerzen. In manchen Jahren sind für ihn zudem Produkte mit Zusatzstoffen tabu. Das Fasten findet er schon "manchmal hart". Es habe aber nachhaltig einen positiven Einfluss auf seine Ernährungsweise.

"Wenn man heute darauf schaut, auf was die Menschen verzichten, ist es doch sehr komplex", berichtet Eva Barlösius von der Leibniz Uni Hannover. "Es wird bewusst auf etwas verzichtet, was einem liebgewonnen und angenehm ist. Das können Fleisch, Süßigkeiten oder Alkohol sein, aber auch das Smartphone, Fernsehen oder Autofahren." Es gehe mitunter also auch um eine Abkehr von Angewohnheiten, die man wieder unter Kontrolle bekommen wolle.

Nicht selten werden Dinge gestrichen, die "etwas Suchthaftes haben", erläutert die Soziologin. Eine zeitliche Vorgabe bestehe nicht, das sei eine ganz persönliche Wahl. "Es ist egal, wie lange man fastet." Barlösius weist aber darauf hin: "Fasten ist zeitlich begrenzt. Sonst ist es nicht mehr Fasten, sondern ein Lebensstil." Beispiel: Wochenlang keine Wurst und kein Fleisch, ist Fasten. Immer ohne Wurst und Fleisch, ist vegetarischer Lebensstil.

Wie populär und verbreitet ist der freiwillige Verzicht?

In einer von der DAK-Gesundheit beauftragten repräsentativen Forsa-Umfrage sagen 72 Prozent der gut 1000 Befragten ab 18 Jahren, dass sie einen Verzicht aus gesundheitlichen Gründen für sinnvoll halten. Mehr als die Hälfte gab an, schon öfters vorübergehend auf Genussmittel oder ein Konsumgut verzichtet zu haben. Besonders hohe Zustimmung gibt es in der jungen Gruppe 18 bis 29 Jahre. Alkohol, Süßes und Fleisch standen in der Umfrage vom März 2025 ganz oben auf der Verzichtliste.

Laut Barlösius sehen viele Fastende ihren Verzicht "als Möglichkeit, Selbstbefähigung, Selbstkontrolle und Selbstbestimmtheit wiederzugewinnen". Die Form wählten die Menschen heute ganz individuell für sich aus. Motivation und Hintergrund des Fastens haben sich also stark verändert. "Das Fasten war in der Geschichte lange eng assoziiert mit Religion, und das ist sicher der Ursprung."

Aus der katholischen Tradition heraus hat sich als Startpunkt der Fastenzeit für viele der Aschermittwoch etabliert. Auch Max König erzählt: "Ich starte an Aschermittwoch, aber nicht aus religiösen Gründen, sondern weil es da am meisten akzeptiert ist und keine Fragen gestellt werden."

Fasten als komplexes Thema und Wohlstandsphänomen

Das Thema ist vielschichtig, betont Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder. Es gehe vielen darum, etwas für ihre Gesundheit zu tun, sich zu optimieren. "Wir sind in einer Zeit, in der mehr Menschen über Ernährung gut Bescheid wissen. Wir sind in Teilen der Gesellschaft von unachtsamen zu achtsamen Essern geworden." Der bewusste Verzicht passe in diese Zeit.

Zugleich spricht er von einem Wohlstandsphänomen. Das Fasten sei besonders weit verbreitet unter "urbanen jungen und mittelalten Menschen, die eher gebildet und gut situiert" sind. "Es handelt sich häufig um Leute, die das Fasten eigentlich gar nicht nötig hätten." Bei denen etwa Alkohol, Fettes oder Süßes im Alltag sowieso selten auf den Tisch komme. Der Forscher der Uni Regensburg warnt: Kritisch könne es vor allem für junge Leute sein, wenn das Fasten etwa auf Social Media verbunden werde mit "dem Imperativ schlank zu sein und einen bestimmten Normkörper zu erreichen." Und für viele Menschen passe das Fasten schlicht nicht in die Lebensrealität.

Muslime erleben Fasten als Gemeinschaft

Hirschfelder glaubt, dass das "christliche Fasten" heute in weiten Teilen der Bevölkerung sogar eher negativ gesehen wird. Anders sei es beim islamischen Fastenmonat Ramadan, dessen Beginn in diesem Jahr fast zeitgleich zum Aschermittwoch liegt. "In größeren Teilen der islamischen Community hat sich eine neue positive, identitätsstiftende Fastenpraxis herausgebildet."

Das allabendliche Fastenbrechen sei wegen der Gemeinschaft "ein ganz großes Thema", sagt der Forscher. Manche Muslime verzichten im Ramadan tagsüber - nach Sonnenaufgang und bis Sonnenuntergang - auf Essen und Trinken, abends wird dann meistens in größerer Runde zusammen gespeist.

Es gibt allerlei Optionen wie Intervallfasten, Dry January, Heilfasten oder auch Digital Detox - und eben viele individuelle Methoden ohne Label. Max König findet wichtig: "Der Benefit ist nachhaltig." Er kenne sich inzwischen durch das Fasten gut aus in Sachen gesunde Ernährung, seine "Achtsamkeit für Fleisch" habe sich verändert. Und: "Es ist auch mental ein Erfolg, mal länger durchzuhalten."

Quelle: ntv.de, Yuriko Wahl-Immel, dpa

ErnährungReligionenPersönlichkeitsentwicklung