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Am Anfang steht die Entscheidung "Wasserfasten ist weniger gefährlich als Tabletten nehmen"

15.02.2026, 08:29 Uhr
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Beim Wasserfasten sollte man täglich bis zu vier Liter Flüssigkeit zu sich nehmen. (Foto: IMAGO/Thales Antonio)

Für die meisten ist es unvorstellbar, 14 Tage nur zu trinken. Dabei kann jeder gesunde Mensch wasserfasten, betont Professor Peter Schwarz und erklärt im ntv.de-Gespräch, wie das funktioniert und welche Rollen dabei Bauchfett, die Leber und die innere Einstellung spielen.

Depressionen, Demenz und Diabetes sind in den vergangenen Jahrzehnten zu Volkskrankheiten geworden. Eine Ursache dafür ist die ständige Überernährung. Dabei kann man leicht gegensteuern, betont Professor Peter Schwarz, Vorsitzender der International Diabetes Federation und Arzt, im Gespräch mit ntv.de. Sein Tipp: Wasserfasten.

ntv.de: Professor Schwarz, was bedeutet Wasserfasten eigentlich?

Peter Schwarz: Wasserfasten ist ein Weg, seiner Gesundheit einen Neustart zu ermöglichen. Dabei stellt man das Essen vollständig ein und trinkt nur noch, am besten Wasser. Und das ungefähr 14 Tage lang.

Ist das alles?

Nicht ganz. Ich sage immer: Wasserfasten ist ganz einfach. Es ist abführen, bewegen, trinken. Das bedeutet: Zu Beginn des Wasserfastens ist es wichtig, mit Glaubersalz den Darm zu entleeren. Dafür nimmt man einen Esslöffel Glaubersalz auf 500 Milliliter Wasser und trinkt das. Nach ein bis zwei Stunden ist der Darm leer. Denn nur ein leerer und unbewegter Darm schüttet keine Hormone mehr aus, die zu Hunger und Appetit führen. So wird das Fasten leichter. Zusätzlich empfehle ich, alle zwei bis vier Tage ein Klistier zum Abführen zu nutzen, um abgestorbene Zellen und Reste aus dem Darm zu entfernen. Hinzu kommt regelmäßige Bewegung, denn nur dann werden nicht die Muskeln, sondern das Fett abgebaut.

Das erscheint als eine radikale und lange Art, zu fasten. Warum raten Sie dazu?

Weil es die einzige Art des Fastens ist, bei der das Fett der Leber verschwindet. Das ist wichtig. Seit etwa acht Jahren wissen wir, dass eine Fettleber der Auslöser für fast alle chronischen Erkrankungen ist, die eine entzündliche Komponente haben. Dazu gehören auch die Volkskrankheiten Depression, Demenz, Diabetes und Bluthochdruck.

Können Sie die Zusammenhänge genauer erklären?

Natürlich. Die Mehrzahl der Menschen in Europa ist überernährt. Das bedeutet, es wird über die Nahrung mehr Energie aufgenommen, als benötigt wird. Da reichen schon 100 Kilokalorien am Tag aus und über die Jahre wird Fett in den Leberzellen gespeichert. So entsteht, meist unbemerkt, eine Fettleber oder eine Vorstufe davon. Auf jeden Fall gerät die Leber durch das Überangebot an Nährstoffen in eine Art von Stress.

Und eine gestresste Leber hat was zur Folge?

Eine gestresste Leber kann die Entgiftungs- und Stoffwechselfunktionen nicht mehr optimal erfüllen. Dauert der Stress für das Organ an, dann kommt es zu einer Art Dominoeffekt mit einer Reihe negativer Auswirkungen auf die Gesundheit. Doch die Leber selbst schmerzt dabei nicht, da sie keine Schmerzrezeptoren hat und deshalb auch eine Fettleber oft lange als solche unbemerkt bleibt.

Eine Fettleber hat aber zahlreiche Auswirkungen?

Das stimmt. Eine unbehandelte Fettleber kann zu einer Reihe von Folgeschäden führen, manche davon sind irreversibel. Sie fördert zum Beispiel eine Insulinresistenz und erhöht das Risiko, an Diabetes Typ 2 zu erkranken, um das Zwei- bis Fünffache. Wenn also das benötigte Insulin nicht mehr richtig wirkt, schüttet die Leber mehr Fett in Form von freien Fettsäuren und Glucose aus, was sich wiederum in der Bauchspeicheldrüse sammelt. So wird versucht, den Blutzuckerspiegel dennoch konstant zu halten,

Und das hat Auswirkungen worauf?

Eine Verfettung der Bauchspeicheldrüse ist eng mit Übergewicht, einer Fettleber und dem sogenannten viszeralen Bauchfett verbunden. Wir wissen schon länger: Wenn das Bauchfett zunimmt, ist das wie ein entzündetes Organ, das mehr als 800 Hormone produziert, die zu Demenz, Depressionen, Hypertonie (Bluthochdruck – Anm. d. Red.) und Diabetes führen können. Bisher konnten wir aber nicht erklären, warum sich das Bauchfett so verhält.

Das ist nun anders?

Genau. Die Überernährung führt schon bei jungen Menschen zur allmählichen Verfettung der genannten Organe und das wiederum zu den genannten Volkskrankheiten. Als Übeltäter konnten vor allem zwei Dinge ausgemacht werden: Frittiertes und Zuckerersatzstoffe.

Aha, warum?

Wenn Kohlenhydrate bei einer Temperatur von 130 Grad Celsius in Fett frittiert werden, entstehen Verbindungen zwischen Glukose und Fett, die sehr stabil sind. Der Körper muss viel Energie aufwenden, um diese aufzuspalten. Und da wir im Zustand der Überernährung sind, muss er das gar nicht machen und speichert diese deshalb einfach in der Leber ab. Der bereits erklärte Prozess beginnt.

Und wie verhält es sich mit Zuckerersatzstoffen?

Wir wissen, dass sich bei denen, die jeden Tag ein Zero-Zucker-Getränk zu sich nehmen, die Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms ungünstig verändert. Studien deuten darauf hin, dass die Bakterien in dem veränderten Mikrobiom Substanzen produzieren, die dem der frittierten Kohlenhydratverbindungen entsprechen und dass Zuckerersatzstoffe Entzündungen begünstigen, die Darmbarriere schwächen und den Glukosestoffwechsel negativ beeinflussen. Die Effekte sind also vergleichbar mit denen von Frittiertem. Es erklärt, warum diese Probleme vor 50 oder 60 Jahren in dieser Form nicht existiert haben und Diabetes Typ 2 beispielsweise in Indien zu einem weitverbreiteten gesellschaftlichen Gesundheitsproblem geworden ist.

Was passiert in Indien?

Man könnte sagen, dass dort eine "Skinny-Fat-Epidemie" grassiert. Das bedeutet, dass die Menschen bei eigentlich normalem Körpergewicht viel zu viel (Bauch-)Fett im Körper und zu wenig Muskulatur haben. Bereits jeder vierte Erwachsene in Indien ist davon betroffen. Aus diesem Grund explodieren auch die Zahlen der Diabetes-Typ-2-Erkrankungen. Schon 100 Gramm Fett in der Leber reichen nämlich aus, um eine aggressive Diabetesform zu bekommen. Und das ist nicht alles: Diese 100 Gramm Leberfett führen auch dazu, dass man zum sogenannten "Non Responder" für körperliche Aktivität wird. Wenn also jegliche Art von Bewegung nicht mehr oder nur noch bedingt wirkt.

Und dort könnte Wasserfasten helfen?

Auf jeden Fall. Denn die Fettleber kann wieder zu einem normal funktionierenden Organ werden und damit auch der Stoffwechsel wieder ins Lot kommen. Wir wissen bereits, dass das mit dem 14-tägigen Wasserfasten bei mehr als 50 Prozent der Fastenden gelingt. Ich hatte mal einen Patienten, der seit 12 Jahren an Diabetes litt. Dessen Diabetes war nach dem Wasserfasten weg und er war so euphorisch und stolz, dass er gesagt hat, dass er ab jetzt keine schädliche Nahrung mehr in seinen Körper lässt. Wasserfasten kann also ein guter Start für eine Lebensstilveränderung sein. Das ist vergleichbar mit Herzinfarkt-Patienten, die nach der lebensbedrohlichen Erfahrung sofort mit dem Rauchen aufhören.

Aber warum wird es dann nicht als Therapie von Medizinern verschrieben?

Die größte Hürde für die meisten Menschen ist mentaler Natur. In meinen Vorträgen sage ich oft: Jeder in Deutschland kann sich entscheiden, mal zwei Wochen nichts zu essen. Das ist viel weniger gefährlich, als zwei Wochen Medikamente zu schlucken. Natürlich gibt es Ausnahmen. Dazu würde ich Menschen in Psychiatrien oder mit Essstörungen, Schwangere, Stillende und Personen mit Diabetes Typ 1 zählen. Gern würde ich sagen, alle, die sich unsicher sind, sollten mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin darüber sprechen. Das Problem ist jedoch, dass die meisten Mediziner gar keine Erfahrungen mit dem Wasserfasten haben.

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Aber das wollen sie ändern.

Ja, für Interessierte habe ich das Buch geschrieben. Für Kollegen und Kolleginnen halte ich Vorträge. Zudem bin ich dabei, ein Netzwerk zum Wasserfasten aufzubauen. Das Ziel ist es, Leitlinien zu erarbeiten und in drei Jahren alle Daten und Unterlagen zusammenzuhaben, um in die Verhandlungen mit den gesetzlichen Krankenkassen zu kommen. Von den Kosten her dürfte das für Krankenkassen interessant sein, denn fürs Wasserfasten benötigt man lediglich zwei Prozent der Kosten der Abnehmspritzen und wesentlich weniger Zeit.

Mit Professor Doktor Peter Schwarz, Vorsitzender der International Diabetes Federation und Leiter der Arbeitsgruppe zur Prävention und Versorgung des Diabetes mellitus in der Medizinischen Klinik und Poliklinik III der TU Dresden, sprach Jana Zeh.

Quelle: ntv.de

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