Panorama

Kirchenspaltung ante portasGehen die Piusbrüder den Weg in die Exkommunizierung?

30.06.2026, 18:39 Uhr GuempelVon Udo Gümpel, Rom
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Die Piusbruderschaft geriert sich als wahre Bewahrer des katholischen Glaubens. (Foto: picture alliance / KNA)

Papst Leo XIV. warnt eindringlich vor dem Bruch – doch die Piusbrüder steuern unbeirrt weiter auf die für Mittwoch geplanten und verbotenen Bischofsweihen zu. Droht jetzt die Spaltung und eine radikale Parallelkirche außerhalb Roms?

Mit einem letzten dramatischen Appell an die Piusbruderschaft hat Papst Leo XIV. noch versucht, eine Kirchenspaltung zu verhindern. Er schrieb den "Ehrwürdigen Don Davide Pagliarani, Generaloberen, der Priesterbruderschaft St. Pius X." direkt an: "Voller christlicher Zuneigung bitte ich euch und fordere ich euch von ganzem Herzen auf: Kehrt um!"

Am 1. Juli sollen vier Priester der Bruderschaft in Écône in der Schweiz zu Bischöfen geweiht werden. Diese Weihe ist nach gültigem katholischen Kirchenrecht strikt verboten, weil sie ohne die ausdrückliche Erlaubnis des Papstes stattfindet, ja sogar gegen dessen ausdrücklichen Willen.

Nach katholischem Recht hat die Weihe automatisch die Exkommunikation "latae sententiae" zur Folge, sollten tatsächlich die beiden Bischöfe der Piusbruderschaft, Bernard Fellay und Alfonso Galaterra, vier junge Kandidaten zu Bischöfen weihen wollen. Sie selbst wurden noch vom Gründer der Bruderschaft, Marcel Lefebvre, geweiht. Damit würde eine katholische Parallelkirche entstehen, zu der heute knapp 1500 Priester, Seminaristen, Brüder und Schwestern gehören. Die Anhängerschaft in der Welt wächst seit vielen Jahren, die Piusbrüder bieten eine klare Linie gegen die Moderne, gegen die Demokratie.

Verehrung des Autoritären

Die Theologin Lucia Scherzberg sieht im Gespräch mit n-tv.de nicht wenige Parallelen in der Geisteswelt der Piusbrüderschaft mit evangelikalen Sekten: "Sie picken sich Rosinen aus dem katholischen Glaubenskanon heraus, aus der Liturgie, aus dem Katechismus, so wie die Evangelikalen in den USA, die aus der Bibel nur das zitieren, was ihnen in den Kram passt. Gemein ist beiden die Homophobie, die strikte Ablehnung gleichgeschlechtlicher Liebe, der unbedingte Schutz des Lebens, also das Verbot der Abtreibung, auch wenn das Leben der Mutter dabei gefährdet ist, dann die Islamophobie und bei den Piusbrüdern auch der Antisemitismus. Nicht umsonst war einer der vier von Lefebvre geweihten Bischöfe, Richard Williamson, ein strikter Holocaust-Leugner, der sich zur Behauptung verstieg, dass es gar keine Gaskammern gegeben habe. Bei beiden Gruppierungen sehe ich dazu auch die Verehrung für autoritäre Strukturen, die Ablehnung der Demokratie".

Der Konflikt mit der römischen Kirche schwelt nun seit langer Zeit. Die Piusbruderschaft war 1970 vom Erzbischof Lefebvre gegründet worden, als Reaktion auf die Reform der katholischen Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil. Er hatte am Konzil teilgenommen, lehnte aber alle dort beschlossenen Reformen ab. Für Lefebvres Bruderschaft blieben Juden die Christenmörder, ein Besuch in der Synagoge, wie ihn Johannes Paul II. in Rom unternahm, und die Juden sogar "unsere älteren Brüder im Glauben der Väter" nannte, ein Hochverrat an den christlichen Prinzipien. Die neue Form der Messe unter Papst Paul VI. war für Lefebvre ein Verrat an der Tradition. Mit der Öffnung der Kirche zur Gesellschaft, zu den liberalen Demokratien, trat seiner Ansicht nach der Beelzebub in die Kirche ein. Ein Friedenstreffen mit evangelischen Christen, Islam-Vertretern und Buddhisten wie das von Assisi, Kern der Friedensbotschaft von Johannes Paul II., sind bei den Piusbrüdern undenkbar, weil es in anderen Religionen keinen göttlichen Kern gäbe, sondern diese seien nur Götzendienst. Der polnische Papst sah das ganz anders.

In der katholischen Kirche gilt die Regel des Kirchenrechtes, dass kein Bischof ohne die Zustimmung des Papstes geweiht werden darf. Doch Lefebvre tat genau das und weihte ohne päpstliche Erlaubnis Piusbrüder zu Priestern und vier zu Bischöfen. Papst Johannes Paul II. verurteilte das 1988 umgehend als schismatischen Akt und exkommunizierte die vier Bischöfe. Der deutsche Papst Benedikt XVI. versuchte, die Piusbrüder wieder an die Kirche zu binden und nahm die Exkommunikation der vier Bischöfe zurück. Dieses Hin und Her hat den Piusbrüdern dazu gedient, im katholischen Wasser zu fischen, sich als "eigentlich" echte Papst-Getreue aufzuführen. Jetzt ist der Konflikt nicht mehr innerkirchlich lösbar.

Erpressungsversuch gegen den Papst

Scherzberg weist auf einen grundsätzlichen Widerspruch im Selbstverständnis der Piusbruderschaft hin: "In ihrem ganzen Auftreten gebärden sie sich als die wahrhaften Bewahrer der kirchlichen Tradition, als die echten Papsttreuen. Dabei rebellieren sie doch gerade gegen die Autorität des Papstes, der jeder Bischofsweihe zustimmen muss. Die Weihe bleibt dabei übrigens gültig, aber die Bischöfe sind danach nicht mehr Mitglieder der katholischen Kirche."

Wenn sich die Piusbrüder nicht im letzten Augenblick dem Appell des Papstes beugen und auf die Weihe neuer Bischöfe verzichten, entsteht -nach Kirchenrechtskanon automatisch eine Parallelkirche. Dass dies passiert, ist unwahrscheinlich. Beim Weihe-Event in Écône haben sich schon 15.000 Anhänger angemeldet. Dem Pius-Oberen Pagliarani hatte man Gespräche angeboten, aber anstatt nach Rom zu kommen, setzte er den Weihetermin in der Schweiz fest. In Rom aber wollte man sich nicht erpressen lassen.

Also entweder Absage der Weihe oder Rausschmiss aus der Kirche. Der konservative Gerhard Ludwig Kardinal Müller, früherer Chef der Glaubensbehörde im Vatikan schlug extrem deutliche Töne an: "Die Exkommunikation wegen dieser schweren Straftat gegen die Einheit der sichtbaren Kirche bedeutet als Todsünde auch den Ausschluss vom Gnadenleben und der Gemeinschaft mit Gott und von der Anwartschaft auf das ewige Leben. Hoffentlich ist sich der Obere der Piusbruderschaft mit dem Kreis seiner Mitverantwortlichen dieses Zusammenhanges bewusst."

Eine Bischofsweihe ohne ausdrückliche Erlaubnis des Papstes sei "mit nichts und von niemandem zu rechtfertigen", erklärte Kardinal Müller. Die Piusbrüder könnten sich nicht "auf einen Notstand herausreden" - denn dass die Priestergemeinschaft ohne illegal geweihte Bischöfe nicht fortbestehen könne, stelle keinen solchen Notstand dar.

Theologischer Kampf um die Form der Messe

Die Piusbrüderschaft begründet ihre Kritik am Zweiten Vatikanischen Konzil insbesondere mit der neuen Messe, die die lateinische tridentinische Messe von 1570 abgelöst hatte. Die Piusbrüder stellen die tridentinische Messe als die ältere, echte Tradition dar. Das ist aber einfach nicht wahr, wie die moderne Liturgiewissenschaft zeigt. Die Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanum war keine Neuerfindung, sondern sollte zahlreiche Elemente der frühen Kirche wiederherstellen, die im Mittelalter oder in der nachtridentinischen Entwicklung verloren gegangen waren.

Die Theologin Scherzberg erinnert daran, dass das Messbuch Pauls VI. historisch näher an der Liturgie der ersten Jahrhunderte ist: Während die tridentinische Messe nur den Römischen Kanon aus dem 6. bis 7. Jahrhundert hat, wurden nach dem Zweiten Vatikanum weitere Hochgebete eingeführt. Auch gehörten die Fürbitten der Gläubigen in der Frühkirche selbstverständlich zur Eucharistie: Im Mittelalter verschwanden sie in der römischen Messe fast vollständig. Deren Rückkehr bedeutet also die Wiedereinführung einer altkirchlichen Praxis. Vor 1970 gab es auch nur den Einjahres-Lesezyklus, das neue Messbuch brachte einen Dreijahreszyklus an Sonntagen, einen Zweijahreszyklus an Werktagen. Dazu wurde der Anteil der gelesenen Bibeltexte erheblich erweitert und orientiert sich stärker an der Praxis der alten Kirche, in der kontinuierlich aus der Heiligen Schrift gelesen wurde. Dazu kam eine stärkere Beteiligung der Gemeinde an der Messe, die im tridentinischen Ritus Ministranten übernommen hatten.

Der wieder eingeführte Friedensgruß in der Messe wurde im Laufe der Jahrhunderte auf die Kleriker eingeschränkt. Nach dem Zweiten Vatikanum erhielt er wieder einen festen Platz für die Gemeinde. Scherzberg betont, dass der tridentinische Ritus eine historisch gewachsene Gestalt des 16. Jahrhunderts ist, die mittelalterliche Liturgieformen festschrieb. Dagegen versuchte die Liturgiereform bewusst, ältere Schichten der römischen Liturgie - insbesondere aus dem 2. bis 5. Jahrhundert - wiederzugewinnen. In diesem Sinne enthält die heutige Messe mehrere Elemente, die historisch älter sind als zahlreiche Bestandteile der tridentinischen Liturgie.

Gerade deshalb weist Scherzberg die Behauptung der Priesterbruderschaft zurück, allein die tridentinische Messe sei die "eigentlich traditionelle" Liturgie. "Aus liturgiehistorischer Sicht ist diese Behauptung nach heutigem Forschungsstand nicht haltbar: Die Messe Pauls VI. ist keine Abkehr von der Tradition, sondern in wesentlichen Teilen eine Ressourcement-Reform, also eine Rückbesinnung auf die ältere liturgische Tradition der frühen Kirche."

Leo ermahnte die Piusbrüder in seinem letzten Aufruf, sich auf einen Dialog mit dem Vatikan einzulassen, statt es zum Bruch kommen zu lassen. "Ich bete für euch, denn das Zertrennen des nahtlosen Gewandes Christi ist eine Sünde von äußerster Schwere. Der Herr möge euer Gewissen erleuchten und eure Herzen erwecken." Sollte das nicht geschehen und die Weihe stattfinden, sind die Hauptbeteiligten nach katholischem Kirchenrecht automatisch exkommuniziert.  

Quelle: ntv.de

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