Panorama

Widersprüche im GerichtssaalGina H.s Aussagen zwischen Lüge und Wahrheit

10.09.2026, 06:16 Uhr imageVon Solveig Bach
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Der Angeklagten Gina H. wird vorgeworfen, Fabian am 10.10.2025 heimtückisch und aus sonst niedrigen Beweggründen getötet zu haben. (Foto: picture alliance/dpa)

Im Mordprozess um den achtjährigen Fabian gibt es Zweifel an Gina H.s Aussagen. Doch was verraten Widersprüche wirklich – und wo endet der Verdacht, wo beginnt der Beweis?

Seit April wird in Rostock gegen die Frau verhandelt, der die Staatsanwaltschaft vorwirft, den achtjährigen Fabian aus Güstrow ermordet zu haben. Es ist in weiten Teilen ein Indizienprozess, in dem die 30-jährige Gina H. die gegen sie erhobenen Vorwürfe zurückweist.

Doch Prozessbeobachter entdecken immer neue Widersprüche in den Aussagen der Angeklagten, sie stellt fragwürdige Behauptungen auf und erhebt schwere Vorwürfe gegen Menschen aus ihrem Freundeskreis, die nun teilweise als Zeugen aussagen. Auch nach ihrer Aussage Ende August gab es große Zweifel am Wahrheitsgehalt ihrer Ausführungen.

Gina H. wiederholte unter anderem die Schilderung, dass ihre Mutter drogenabhängig gewesen sei. "Ich habe selbst erlebt, dass sie bewusstlos im Drogenrausch in der Wohnung lag", las sie aus einer vorbereiteten Stellungnahme vor. Laut Informationen von RTL/ntv soll das jedoch nicht stimmen. Stattdessen sei die Mutter schwer an Krebs erkrankt gewesen und habe starke Medikamente einnehmen müssen.

Keine Lüge ohne Motiv

Für Lügen gibt es meist eindeutige Motive, sagt Michael Saller ntv.de. Der Professor für Wirtschaftsrecht an der Ernst-Abbe-University of Applied Sciences in Jena lehrt unter anderem Verhandlungsführung und Vernehmungstechniken und hat gerade das Buch "Lügen. Wie sie wirken und wie wir sie durchschauen" veröffentlicht. "Menschen lügen gewöhnlich nur, wenn sie irgendetwas erreichen wollen." Das könne das Verstecken von Fehlverhalten sein, der Versuch, sich besser darzustellen, aber auch die Suche nach Aufmerksamkeit.

Über Gina H. wurde im Gericht ein Eintrag aus dem Strafvollzug verlesen. "Die Gefangene versucht immer wieder, durch Lügen Vorteile herauszuschlagen", heißt es da. Sie habe telefoniert und später behauptet, die "Telefonate hätten nicht stattgefunden" - etwa weil ihre Großeltern geschlafen hätten. So habe sie zusätzliche Telefonate erreichen wollen. Ein BKA-Fallanalytiker hatte Gina H. an einem früheren Prozesstag als egozentrisch, eifersüchtig, kontrollierend und mit einem großen Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Anerkennung beschrieben.

"Lügen ist häufig kognitiv anstrengender als die Wahrheit", sagt Saller. Weil man immer kontrollieren müsse, ob das, was man gerade sagt, mit dem übereinstimmt, was man früher erzählt hat. "Lügner versuchen auch mehr, ihre Körpersprache zu kontrollieren, weil sie sich immer fragen: Wirke ich überzeugend? Und sie müssen permanent ihr Gegenüber beobachten, um zu entscheiden, ob ihre Aussagen schon glaubhaft genug sind oder sie noch nachbessern müssen."

Lügen heißt Hürden überwinden

Wissenschaftlich wird zwischen der Glaubwürdigkeit der Person und der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen unterschieden. Viele Menschen dürften die Glaubwürdigkeit von Gina H. erheblich anzweifeln. Beispielsweise die Reitkollegin, deren Sattel verschwunden war. Selbst als die Polizei den Sattel mit Gerichtsbeschluss aus der Wohnung von Gina H. holte, beteuerte diese, sie habe den Sattel nicht gestohlen. Im jetzigen Prozess sagt Gina H. zum Diebstahl des Sattels: "Diese Vorwürfe sind richtig. Obwohl es jeder wusste, habe ich lange gelogen." Sie habe damals den Zeugen "bedrängt, alles auf sich zu nehmen", aus Angst vor dem Jugendamt.

Nicht alle zweifelhaften Aussagen werden so eindeutig ausgeräumt. Beispielsweise behauptete Gina H., an der Glasknochenkrankheit zu leiden. Fabians Vater soll sie von einem Hirntumor erzählt haben. Ihrem Psychotherapeuten habe sie wiederum gesagt, ihre Gebärmutter sei entfernt worden. In ihrer Aussage in Rostock war jedoch die Rede von Beziehungsproblemen mit Fabians Vater, nachdem sie kurz nach dem Kennenlernen eine Schwangerschaft abgebrochen hatte. Ihre jüngere Schwester warf Gina H. vor, sich während der gemeinsamen Jugend mit Lügen in ein besseres Licht gestellt und Aufmerksamkeit erheischt zu haben.

"Es gibt eine gewisse Hürde, Leute anzulügen, und es ist eine noch eine höhere Hürde, Ermittler anzulügen", sagt Saller. "Doch wenn jemand einmal diese Hürde überschritten hat, dann kann das schon ein Zeichen sein, dass die Glaubwürdigkeit dieser Person eingeschränkt ist."

"Ich kann nicht lügen"

Trotzdem könne man daraus nicht eindeutig schließen, dass jemand, der mehrfach bei kleineren Lügen erwischt worden ist, auch über einen Mord lügen würde. Deshalb komme an dieser Stelle die Glaubhaftigkeit der Aussagen vor Gericht ins Spiel. Angeklagte sind nicht verpflichtet, die Wahrheit zu sagen. Sie können schweigen, so werden sie auch davor geschützt, sich eventuell selbst zu belasten.

Die Aufgabe des Gerichts ist es aber, den Wahrheitsgehalt von Aussagen zu prüfen, Widersprüche anhand von Zeugenaussagen oder vorliegenden Beweisen deutlich zu machen, nachzufragen. Denn, obwohl es zahlreiche Studien dazu gibt, wie Lügner oder Lügnerinnen zu entlarven sind, ist die Körpersprache nicht eindeutig verräterisch. "Es gibt leider nicht die Pinocchio-Nase als eindeutigen Beweis", so Saller. Aber es gibt Warnhinweise. Beispielsweise wenn hauptsächlich Vorgänge erzählt werden, die sich kaum objektiv nachprüfen lassen. Oder wenn Menschen, die eigentlich viel reden, auf Nachfragen plötzlich ein sehr schlechtes Gedächtnis haben und einsilbig werden. Saller verweist auf Sätze, die zumindest verdächtig sind. "Ich sage Ihnen die Wahrheit, ich schwöre es. Oder: Ich kann nicht lügen. Leute, die nicht lügen, die die Wahrheit sagen, haben gewöhnlich so was nicht nötig." Von Gina H. steht der Satz im Vernehmungsprotokoll: "Das Problem ist: Ich kann nicht lügen."

Umgekehrt hat die Wahrheit einige Merkmale, die eine Lüge nicht hat. "Lügner versuchen, eine überzeugende Geschichte zu erzählen. Ein Lügner würde nicht auf die Idee kommen, diese Geschichte mit eigentlich unnötigen Details unnötig komplizierter zu machen. Das ist zum Beispiel ein gutes Wahrheitsmerkmal."

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Zumindest Fabians Vater hat vor Gericht beteuert, er glaube der Frau, mit der er inzwischen wieder liiert ist. Gegen den 35-Jährigen wird nach seiner Aussage wegen uneidlicher Falschaussage ermittelt, ohne dass aber der Verdacht einer irgendwie gearteten Beteiligung an der Tat besteht. Saller zufolge ist unter Paaren der Glaube stark verbreitet, der Partner würde einen nicht anlügen und wenn, würde man es durchschauen. "In Tests schnitten Paare beim Erkennen von Lügen aber auch nicht besser ab als andere Menschen."

Am Donnerstag will Gina H. auf Fragen zu ihren bisherigen Aussagen antworten. Ihr Anwalt Thomas Löcker wies bereits darauf hin, dass dies "sehr, sehr strapaziös" für seine Mandantin werde. Der Vorsitzende Richter, Holger Schütt, kündigte an, man werde Rücksicht nehmen und versprach, etwa die Verhandlung zu unterbrechen, wenn das notwendig sei oder gegebenenfalls die Befragung an einem zusätzlichen Tag fortzuführen.

Quelle: ntv.de

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