"Extrem selten"Gorilla bringt mitten im Kriegsgebiet Zwillinge zur Welt
Von Simone Schlindwein, Kampala 
Im Kongo hat eine Gorillamutter Zwillinge geboren - ein enorm seltenes Ereignis. Hinzu kommt: Die vom Aussterben bedrohten Berggorillas leben inmitten des Kriegsgebiets. Die Parkverwaltung will nun den Schutz der Neugeborenen gezielt erhöhen - was angesichts der Armut in der Region auch für Kritik sorgt.
Liebevoll schmiegt sich die Gorilla-Dame Mafuko an ihre Babys. Die beiden neugeborenen Jungen liegen schlafend in ihren gewaltigen Armen. Stolz sitzt das 22-jährige Weibchen im Unterholz des dichten Dschungels im Osten der Demokratischen Republik Kongo und blickt in die Kamera.
Tierschützer des kongolesischen Virunga-Nationalparks haben den Nachwuchs vergangene Woche zufällig entdeckt und Videos ins Internet gestellt. Die Geburt von Zwillingen ist bei den vom Aussterben bedrohten Berggorillas "extrem selten", erklärt die Parkverwaltung. Sie werde deswegen nun den Schutz der beiden männlichen Äffchen gezielt erhöhen. "Beide schienen zum Zeitpunkt der Beobachtung in einem gesunden Zustand zu sein", so die Erklärung des Parks.
Vor genau zehn Jahren hat das Gorillaweibchen Mafuko schon einmal Zwillinge geboren. Doch beide starben innerhalb einer Woche. Zwillingsgeburten sind bei Berggorillas extrem selten, nur bei rund einem Prozent des Nachwuchses kommen sie vor. Die letzte Zwillingsgeburt im Virunga-Park geschah 2020, allerdings in einer anderen Gorilla-Familie. Gorillaweibchen gebären im Durchschnitt nur alle vier Jahre nach einer achtmonatigen Schwangerschaft.
Zwillinge zu versorgen, ist für eine Gorillamutter enorm anstrengend, denn sie kümmert sich vorrangig alleine um den Nachwuchs: "Die Milchproduktion und der Energiebedarf für die gleichzeitige Versorgung zweier Jungtiere sind hoch, und allein der Druck auf die Milchproduktion kann die Mutter metabolisch stark belasten", erklärt Laura Parker, Pressesprecherin des Parks, und fügt hinzu: "Gorilla-Jungtiere werden in den ersten Monaten zudem ständig von ihren Müttern getragen. Da Gorillas bei der Nahrungssuche weite Strecken zurücklegen können, ist die Versorgung zweier Jungtiere körperlich sehr anstrengend."
Rebellen und Milizen belagern den Park
Inmitten des Kriegsgebiets im Osten der Demokratischen Republik Kongo sind die ohnehin gefährdeten, seltenen Tiere zusätzlich enormen Gefahren ausgesetzt. Seit Jahrzehnten tobt rund um den Virunga-Nationalpark, direkt an der Grenze zu den Nachbarländern Uganda und Ruanda, ein grausamer Krieg. Seit mittlerweile fünf Jahren besetzten die Rebellen der M23 (Bewegung des 23. März) mit militärischer Unterstützung Ruandas den Landstrich rund um den Park. Die M23 selbst hat bislang die internationalen Richtlinien zum Schutz der Gorillas weitestgehend respektiert und ist nicht in jenes Gebiet in den Vulkanbergen vorgedrungen, wo die Gorillas beheimatet sind. Doch in dem dichten Dschungel verstecken sich weitere Milizen, die die M23 bekämpfen und die in der Vergangenheit in den Lebensraum der Gorillas vorgedrungen sind. Im Jahr 2007 wurden sieben ausgewachsene Berggorillas im Virunga-Park von Milizen getötet, darunter drei Silberrücken.
Unter den getöteten Gorillaweibchen war auch Mafukos Mutter. Mafuko war damals gerade einmal vier Jahre alt und es war ungewiss, ob das junge Gorillaweibchen ohne den Schutz ihrer Mutter überleben würde. Mafuko entstammt der Kabirizi-Familie, gliederte sich nach dem Verlust der Mutter aber in die Bageni-Familie ein, mit derzeit 59 Mitgliedern die größte Gorilla-Familie im Kongo.
Zu jener Zeit waren gerade noch 700 Berggorillas am Leben, 150 von ihnen im Virunga-Nationalpark. Die übrigen in den angrenzenden Naturschutzgebieten entlang der Grenze: in Ruanda und Uganda. Zu jener Zeit herrschte bereits Krieg im Ostkongo. Mithilfe internationaler Gelder, vor allem von der EU und aus Deutschland, wurde Kongos Naturschutzbehörde ICCN, die die Nationalparks verwaltet, modernisiert und ihre Kapazitäten erhöht.
Ranger mit Drohnen ausgestattet
2015 wurde der Virunga-Nationalpark mit Stiftungsgeldern des Milliardärs Howard Buffet teilprivatisiert und als Public Private Partnerschaft neu strukturiert. Die EU hat seitdem weit mehr als 100 Millionen Euro in die Virunga-Stiftung investiert, um die Parkwächter militärisch zu trainieren und die Infrastruktur auszubauen. Es wurden von 2018 an elektrische Zäune um den Park herum hochgezogen, die Ranger mit militärischer Hochtechnologie wie Nachtsichtgeräten, Drohnen und modernsten Waffen ausgerüstet, um gezielt gegen Milizen und Wilderer vorzugehen, die in den Park eindringen.
Offenbar mit Erfolg. Der Anstieg der Gorilla-Population im Virunga und den benachbarten Parks führte letztlich dazu, dass 2018 der Status der Berggorillas von "ernsthaft gefährdet" auf nur noch "gefährdet" reduziert wurde. Die Zwillingsgeburt nährt nun erneut Hoffnungen, dass der Bestand der bedrohten Tiere sich weiter erholt. Insgesamt gibt es heute etwa 1000 gefährdete Berggorillas - sie leben ausschließlich in den Nationalparks rund um die aktiven und erloschenen Vulkane im Dreiländereck zwischen Kongo, Ruanda und Uganda.
Der Virunga mit einer Fläche von knapp 8000 Quadratkilometern ist der älteste Nationalpark auf dem afrikanischen Kontinent und ein Unesco-Welterbe. Er war 1925 von belgischen Zoologen unter belgischer Kolonialherrschaft gegründet und nach dem damaligen belgischen Prinzen Albert benannt worden.
"Tiere besser geschützt als Menschen"
Der Park umfasst eine der Regionen mit der größten Artenvielfalt Afrikas: Er erstreckt sich von den heißen Tiefebenen in der Savanne bis hoch auf über 5000 Meter in die Vulkanberge. Seit 1994 steht er auf der Roten Liste des gefährdeten Unesco-Welterbes. Grund dafür war die riesige Flüchtlingswelle, die damals nach dem Völkermord in Ruanda in die Region drängte. Es wurden viele Bäume des Regenwaldes gefällt, um Feuerholz und Baumaterialien zu gewinnen.
Mittlerweile sind die Parkverwaltung und deren rund 750 Wildhüter auch unter Kritik geraten. Um die seltenen Tiere und die Natur zu schützen, erhielten sie von Kongos Regierung weitreichende Befugnisse, gegen Eindringlinge und potenzielle Wilderer vorzugehen, sie zu verhaften und zu langen Haftstrafen zu verurteilen. Dies führte in der jüngsten Vergangenheit auch dazu, dass sie brutal gegen Frauen und Kinder vorgingen, die im Unterholz nur Feuerholz sammeln. Entlang der Parkgrenzen wurden Häuser und Ernten zerstört, denn die genaue Grenzziehung zwischen dem Naturschutzgebiet und den Dörfern der Einwohner ist umstritten.
Rund um den Park leben Millionen Menschen in bitterer Armut in zum Teil selbst errichteten Vertriebenenlagern, die kaum Zugang zu fruchtbarem Ackerland haben. Sie nennen den Park "die unabhängige Republik Virunga", die mit EU-Naturschutzgeldern etabliert worden sei. Dass der Chef des Virunga, der belgische Kronprinz und Zoologe Emmanuel de Merode, kein Kongolese ist, sondern von der ehemaligen Kolonialmacht abstammt, trägt zusätzlich dazu bei, dass die Bevölkerung den Virunga als Feind betrachtet. Der kongolesische Menschenrechtsanwalt Natalus Makuta von der kongolesischen Umwelt- und Menschenrechtsorganisation CREDDHO (Centre de Recherche sur l'Environnement, la Démocratie et les Droits de l'Homme) beklagt hinsichtlich des Virunga: "Die Tiere im Kongo sind besser geschützt als wir Menschen."