Panorama

Früher, schneller, heftiger Europa brennt wie nie zuvor

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In Spanien ist es bereits ein Rekordjahr für Waldbrände.

(Foto: picture alliance/dpa/Service Communication-Protocole SDIS 33/AP)

Früher als je zuvor beginnt es dieses Jahr in Europa zu brennen. Bereits im März vernichten die ersten Großbrände weitläufige Waldflächen. Die lang anhaltende Trockenheit und die hohen Temperaturen schaffen fast überall in Europa verheerende Bedingungen für ein außergewöhnliches Waldbrandjahr.

Meterhohe Flammen, die sich gewaltsam durch Wälder fressen, verzweifelte Menschen, die aus ihren Häusern, Dörfern und Städten evakuiert werden müssen, Feuerwehrleute, Hubschrauber und Löschfahrzeuge, die vielerorts vergeblich gegen die Flammen kämpfen: Europa brennt, wie schon lange nicht mehr. Hitze in Kombination mit langen Dürreperioden - das Klima erzeugt in diesem Jahr die perfekten Bedingungen für Brände. Noch nie hat es in den 27 EU-Ländern so früh so viele Feuersbrünste gegeben. Und die zweite Hälfte der Waldbrandsaison dauert noch monatelang an.

In Spanien, Rumänien, Österreich, Ungarn und der Slowakei ist bereits mehr Fläche abgebrannt als jemals zuvor in einem einzigen Kalenderjahr. Das geht aus Daten des Europäischen Waldbrand-Informationssystems (EFFIS) hervor. Das Problem betrifft jedoch nicht nur diese vier Staaten. Ganz Europa sieht sich mit einer außergewöhnlich heftigen Waldbrandsaison konfrontiert. Insgesamt haben Waldbrände in diesem Jahr europaweit bereits mehr Flächen verwüstet als im gesamten Jahr 2021. Auch Deutschland ist massiv betroffen: Hier wurde bereits elfmal mehr Fläche durch Waldbrände vernichtet als im Durchschnitt der letzten Jahre. "Sowohl in Europa als auch in Deutschland befinden wir uns bereits jetzt auf Rekordkurs. Die verbrannte Fläche ist im Vergleich zu den letzten 15 Jahren extrem groß", sagt Michael Ewald, Waldbrandexperte vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Nicht nur die Größe der verbrannten Fläche ist in diesem Jahr außergewöhnlich. Die zeitliche Entwicklung ist ebenfalls auffällig: In Österreich zum Beispiel gab es bereits im März die ersten beiden großen Waldbrände. Ähnlich war die Situation in Ungarn, der Slowakei und Rumänien: Auch dort begann es dieses Jahr schon im März ungewöhnlich früh zu brennen.

Feuer frisst sich früher als je zuvor durch die Wälder

Ein Blick auf die Daten zeigt: In nur sechs EU-Ländern wurde bisher weniger Fläche verwüstet als im langjährigen Durchschnitt von 2006 bis 2021. Die übrigen 21 Länder berichten von überdurchschnittlich großen verbrannten Flächen. Zum Beispiel in Spanien: Die spanische Kanareninsel Teneriffa erlebte 2022 einen ausgedehnten Waldbrand, zahlreiche Einwohner mussten in Sicherheit gebracht werden - 150 Feuerwehrleute waren dort im Einsatz, um die Flammen unter Kontrolle zu bringen. Die bei dem Brand auf Teneriffa zerstörten 2150 Hektar tragen zur außergewöhnlichen spanischen Waldbrandsaison bei. Dort wurde bis zum 16. Juli fast sechsmal so viel Fläche durch Waldbrände zerstört wie im Durchschnitt der letzten 17 Jahre.

Ähnlich ist die Situation in Frankreich, wo bereits 39.812 Hektar verbrannt sind. Der Durchschnitt seit 2006 liegt bei 5658 Hektar. Das ist ein sechsfacher Anstieg.

Aber auch Deutschland, das traditionell nicht so stark von Waldbränden betroffen ist, nähert sich schnell den Zahlen aus dem Rekordjahr 2018, als 97 Waldbrände mehr als 5000 Hektar zerstörten. In diesem Jahr erreichen die Brände schnell diese Zahl, vor allem durch Brände in Brandenburg ist die bereits verbrannte Fläche auf mehr als 3000 Hektar gestiegen. Gegenüber dem langjährigen Durchschnitt ist das bereits jetzt das Elffache.

Temperaturanstieg

Der Waldbrandexperte Ewald führt das ungewöhnliche Brandjahr auf zwei Faktoren zurück, die beide durch den Klimawandel begünstigt werden. Zum einen "beeinflusst die Temperatur die Häufigkeit von Waldbränden", sagt er. Steigt die Temperatur, trocknet die Vegetation schneller aus - und ist leichter entzündlich.

Im Zuge des Klimawandels ist die globale Jahresmitteltemperatur bereits um 1,5 Grad höher als die Durchschnittstemperatur von 1951-1980. Auch in Deutschland nimmt die Zahl der heißen Tage rapide zu. Und obwohl Hitze allein noch kein Feuer auslöst, lässt sich ein Zusammenhang zwischen heißen Tagen und Waldbränden sehr wohl herstellen. In den großen Waldbrandjahren 2018 und 2019 gab es in Deutschland 20,4 bzw. 17 Hitzetage - zum Vergleich: Im Jahr 2021, in dem es fast keine Waldbrände gab, gab es in der Bundesrepublik nur 4,6 Hitzetage.

In diesem Jahr hat der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft bis Ende Juni bereits 12 Hitzetage gemessen. Die Hitzewelle im Juli ist dabei noch nicht berücksichtigt. Das Jahr 2022 ist schon jetzt ein überdurchschnittliches Hitzejahr: "Mit 12 Tagen über 30 Grad liegen wir bereits jetzt über dem Gesamtjahresdurchschnitt von 11,1 Tagen der vergangenen zehn Jahre", sagte Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Extremereignisse

Der zweite Faktor, der für Waldbrände wichtig ist, sind Extremereignisse, sagt Ewald. Extreme Hitze- oder Dürreperioden - entweder weil es sehr lange heiß ist oder weil die Temperatur in kurzer Zeit stark ansteigt - begünstigen die Rahmenbedingungen für Waldbrände. Während Nordeuropa im vergangenen Sommer von einer Jahrhundertflut heimgesucht wurde, könnte in diesem Jahr eine Jahrhundertdürre ausschlaggebend sein. Ein Großteil der Fläche der Europäischen Union ist von Dürre bedroht, teilte die EU-Kommission mit. Ende Juni galt für 46 Prozent eine Dürre-Warnstufe zwei, für 11 Prozent der Fläche sogar die höchste von drei Warnstufen.

Zwar führt Trockenheit allein nicht unbedingt zu Waldbränden. Aber wenn der Wald über einen längeren Zeitraum austrocknet, entsteht perfektes Feuerfutter. Ein kleiner Funke kann dann schnell einen großflächigen Waldbrand auslösen. Und je länger die Trockenheit anhält, desto mehr Regen ist nötig, um die Brandgefahr wieder zu verringern. "Wenn die Vegetation sehr trocken ist, dann wirkt ein Tag Niederschlag wie ein Tropfen auf den heißen Stein", erklärt Ewald.

Alles deutet darauf hin: Beide Brandfaktoren - die Hitze und die extremen Wetterereignisse - werden aufgrund des Klimawandels zunehmen. Hitzewellen sind laut dem Weltklimarat (IPCC) in den meisten Regionen seit den 1950er Jahren häufiger und intensiver geworden. Mit jedem Grad zusätzlicher Erwärmung dürften auch diese extremen Wetterereignisse zunehmen.

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Die vom IPCC angenommene Erderwärmung von 1,2 Grad macht sich in Deutschland jedoch jetzt schon bemerkbar. 2018, 2019 und jetzt auch 2022 gelten als schlimme Waldbrandjahre in der Bundesrepublik - also drei der vergangenen fünf Jahre. Doch Ewald ist zurückhaltend, wenn es darum geht, einen Aufwärtstrend bei Waldbränden festzustellen. Schließlich habe es auch in den 1970er Jahren einige große Waldbrandjahre in Deutschland gegeben. Aber die Häufung, die jetzt innerhalb kürzester Zeit zu beobachten ist, sei schon außergewöhnlich, sagt der Brandexperte.

Einige Wissenschaftler warnen, dass die derzeitige Häufung von Rekord-Waldbrandjahren in kurzer Zeit erst der Anfang ist. "Wenn wir in ein oder zwei Jahrzehnten auf die derzeitige Feuersaison zurückblicken, wird sie im Vergleich dazu wahrscheinlich mild erscheinen", sagte Victor Resco de Dios, Professor für Forsttechnik an der spanischen Universität Lleida, der Nachrichtenagentur Reuters.

Quelle: ntv.de

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