Panorama

Unruhen in Kolumbien dauern an Hunderte Menschen nach Protesten vermisst

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Stein des Anstoßes war eine geplante Steuerreform, inzwischen richtet sich der nationale Streik gegen Präsident Duque allgemein.

(Foto: picture alliance/dpa/colprensa)

Massive Gewalt überschattet die anhaltenden Demonstrationen in Kolumbien. Dutzende Menschen sterben, viele weitere gelten als verschwunden. Die Regierung ruft zum Dialog auf, doch die Protestführer knüpfen konkrete Bedingungen an ein Treffen.

Nach tagelangen Protesten in Kolumbien gelten mehr als 370 Menschen als vermisst. 379 Personen sind nach Angaben der Sucheinheit für vermisste Personen (UBPD) vom Donnerstag seit dem 28. April im Rahmen des nationalen Streiks als verschwunden gemeldet worden.

"Die Sucheinheit hat die nationale Ombudsstelle und die Staatsanwaltschaft einberufen, um den Familien, die nach im Zusammenhang mit den sozialen Protesten Verschwundenen suchen, schneller eine Antwort geben zu können", sagte UBPD-Direktorin Luz Marina Monzón. Die Sucheinheit wurde gegründet, um nach Verschwundenen im Zusammenhang mit dem jahrzehntelangen Bürgerkrieg in dem südamerikanischen Land zu suchen.

Derweil hat die kolumbianische Regierung die Demonstrationsführer zu Gesprächen eingeladen. Die Regierung sei bereit, sich am Montag mit den Anführern der Proteste, einschließlich des Nationalen Streikkomitees, zu treffen, erklärte der Präsidentenberater Miguel Ceballos am Donnerstag im Radiosender Blu Radio. "Wir müssen auf alle Bereiche des Landes hören, aber das Land muss auch auf die Regierung hören."

Ceballos zufolge werden auch Präsident Ivan Duque und Vizepräsidentin Lucía Ramírez an dem Termin teilnehmen. Die Protestführer stellten Bedingungen für das Treffen. Der Gewerkschaftschef Francisco Maltés erklärte in einem von den Medien veröffentlichten Video, die Gespräche würden erst "nach der Entmilitarisierung der Dörfer und Städte" erfolgen, "wo friedlich protestierende junge Menschen massakriert wurden".

Proteste ebben nicht ab

Seit gut einer Woche gehen Tausende Kolumbianer aus Wut über die Gesundheits-, Sicherheits- und Bildungspolitik der Regierung auf die Straße. Ausgelöst wurden die Proteste von Plänen für eine Steuerreform, die besonders die Mittelschicht hart getroffen hätte. Nach tagelangen Demonstrationen hatte die Regierung die Steuerreform zurückgezogen. Die Proteste gingen aber weiter und richten sich inzwischen allgemein gegen Duques Regierung.

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Die Demonstranten fordern bessere Arbeitsbedingungen, eine Reform des Rentensystems, einen besseren Schutz von Menschenrechtsaktivisten und die vollständige Umsetzung des 2016 mit der Guerillagruppe Farc geschlossenen Friedensabkommens. Die Sicherheitskräfte gehen teils mit großer Härte gegen die Demonstranten vor. Neben der Polizei sind auch Soldaten im Einsatz. Offiziellen Angaben zufolge wurden bisher mindestens 26 Menschen getötet, die Mehrheit von ihnen Demonstranten. Hunderte weitere wurden verletzt.

Kolumbien ist nach Brasilien das zweitbevölkerungsreichste Land sowie der wichtigste Verbündete der USA in Südamerika. Mehr als 50 Jahre herrschte ein Bürgerkrieg, 220.000 Menschen kamen ums Leben, Millionen wurden vertrieben. 2016 schloss die kolumbianische Regierung einen Friedensvertrag mit der Farc-Guerilla, die Wirtschaft erlebte einen Aufschwung, der Tourismus, auch aus Deutschland, boomte. Doch der Frieden ist brüchig, die exzessive Polizeigewalt ein Rückschlag.

Quelle: ntv.de, mdi/dpa/AFP

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