Panorama

Herausforderung Senioren-Schutz In Bayern und Thüringen explodieren Fallzahlen

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Sars-CoV-2 ist in Deutschland wieder auf dem Vormarsch.

(Foto: picture alliance / Zoonar)

Die vierte Corona-Welle türmt sich in Deutschland auf. Angetrieben wird sie vor allem durch rasant ansteigende Neuinfektionen im Südosten - in Thüringen und Bayern explodieren die Fallzahlen geradezu. Bei der Beurteilung der Lage spielen nicht nur die Impfquoten eine Schlüsselrolle.

Deutschland befindet sich im zweiten Corona-Herbst und wie vor einem Jahr steigen die Fallzahlen Ende Oktober rasch an. Doch die Vorzeichen sind diesmal andere, die Impfungen erlauben weit höhere Inzidenzen. Bundesgesundheitsminister Spahn möchte deshalb sogar am 25. November die epidemische Notlage beenden. Einige Bundesländer sehen dies allerdings kritisch, denn bei Neuinfektionen und Impfungen gibt es große Unterschiede.

Während die Lage im Westen noch weitgehend entspannt ist, schießen im Südosten der Republik die Fallzahlen vor allem bei Kindern und Jugendlichen nach oben. Problematisch sind dort auch relativ niedrige Impfquoten, speziell bei den Älteren.

Hohe Inzidenzen in Thüringen auch bei Senioren

Die höchste Sieben-Tage-Inzidenz hat aktuell mit mehr als 172 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner Thüringen, wo die Kurve der Fallzahlen fast senkrecht ansteigt. Besonders stark betroffen sind dort die unter 14-Jährigen, deren Inzidenz inzwischen bei über 400 Fällen liegt. In einigen Kreisen ist sie noch viel höher, den traurigen Rekord hält in dieser Altersgruppe der Kyffhäuserkreis mit mehr als 735 Neuinfektionen.

In Thüringen gehen aber auch die Fallzahlen bei den besonders vulnerablen alten Menschen deutlich nach oben, vor allem bei den über 80-Jährigen, deren Inzidenz laut Michael Böhme bereits nahe 150 liegt. Im Saale-Holzland-Kreis beträgt der Wert in dieser Altersgruppe sogar fast 330, im Unstrut-Hainich-Kreis sieht es mit mehr als 270 neu infizierten über 80-Jährigen kaum besser aus. Diese Entwicklung zeichnet sich bereits im DIVI-Intensivregister ab, wobei die aktuell hohen Zahlen erst in einigen Wochen voll durchschlagen werden.

Schwache Impfquote könnte zum Problem werden

Die Zahl der intensiv behandelten Covid-19-Patienten ist in Thüringen seit dem Tiefststand von fünf Fällen Ende August auf mittlerweile 43 gestiegen. Gleichzeitig nahm die Anzahl der freien betreibbaren Intensivbetten von etwa 140 auf 100 ab und immer mehr Krankenhäuser melden eine eingeschränkte Betriebssituation.

Im Frühwarnsystem des Freistaats hat der Kyffhäuserkreis bereits die oberste Alarmstufe 3 erreicht, weil dort unter anderem die Hospitalisierungsinzidenz mit fast 22 Einweisungen pro 100.000 Einwohner und Woche enorm hoch ist. Landesweit liegt sie bei 3,3.

Angesichts der hohen Inzidenzen insgesamt und vor allem bei den Älteren muss man in Thüringen mit einer deutlichen Verschärfung der Situation in den kommenden Wochen rechnen. Denn das Land hat nach Sachsen die schlechteste Impfquote Deutschlands. Den offiziellen RKI-Zahlen nach sind dort nur 61,7 Prozent der Gesamtbevölkerung geimpft. Auch von den über 60-Jährigen sind 18,5 Prozent ungeschützt, also rund 135.000 Menschen.

Da Thüringen schon von vorangegangenen Wellen hart getroffen wurde, könnte die schwache Impfquote durch eine hohe Zahl an Genesenen teilweise ausgeglichen werden. Das dürfte jedoch bei den über 60-Jährigen in geringerem Maße der Fall sein.

Bayerns Südosten Hotspot Nummer eins

Bayern hat mit 141 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen inzwischen die zweithöchste Inzidenz unter den 16 Bundesländern. Nach einer rund einmonatigen Seitwärtsbewegung knapp unter 100 explodieren dort die Fallzahlen seit rund einer Woche geradezu. Der Freistaat hat zwar landesweit hohe Inzidenzen, aber Extremwerte finden sich vor allem im Südosten. Aktuell befinden sich dort die neun Landkreise mit den bundesweit höchsten Sieben-Tage-Inzidenzen.

Das Berchtesgadener Land steht mit rund 417 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner an der Spitze, gefolgt von Mühldorf am Inn (399), Traunstein (375), Straubing-Bogen (348), Miesbach (322), Bad Tölz-Wolfratshausen (299), Cham (287), der Stadt Rosenheim (263) und dem Landkreis Rosenheim (262). Den zehnten Platz belegt der Kyffhäuser Kreis (Thüringen) mit 257 Fällen.

"Punktuell Kapazitätsgrenze erreicht"

Nach einem steilen Anstieg von Mitte August bis Mitte September ist die Zahl der Intensivpatienten in den vergangenen Wochen in Bayern trotz der sehr hohen Inzidenzen mit rund 270 nahezu unverändert geblieben. Das könnte daran liegen, dass dort die Fallzahlen bei älteren Menschen landesweit niedriger sind als in Thüringen. Bei den über 80-Jährigen beträgt der Wert 59, bei den 60- bis 79-Jährigen 49. Die höchste Inzidenz haben in Bayern die 6- bis 11-Jährigen mit 257 Fällen. Die 12- bis 15-Jährigen kommen auf 249, die 16- bis 19-Jährigen auf 225 Neuinfektionen.

Trotzdem hat Bayerns Gesundheitsminister Holetschek heute getwittert, die Auslastung der Intensivbetten habe "punktuell in einigen Gebieten die Kapazitätsgrenze erreicht". Das liegt vermutlich daran, dass es auch innerhalb des Bundeslandes große Unterschiede beim Infektionsgeschehen gibt.

Auch in Bayern gibt es Kreise, wo die Inzidenzen der alten Menschen sehr hoch sind. Die meisten davon liegen im Osten des Landes, aber nicht alle. Den höchsten Wert bei den über 80-Jährigen weist der Landkreis Cham mit 358 auf. In Rottal-Inn beträgt die Inzidenz dieser Altersgruppe 334, in Neumarkt in der Oberpfalz 231.

Covid-19-Patienten treffen auf ohnehin ausgelastete Stationen

Wie der BR berichtete, sind die Covid-19-Patienten nicht der eigentliche Grund für die hohe Auslastung der Intensivstationen. Die Kapazitäten sind Intensivmedizinern zufolge vielmehr grundsätzlich knapp und aktuell werden immer noch viele verschobene Operationen nachgeholt. Die Corona-Fälle sind also eher der Tropfen, der das Fass in einigen Krankenhäusern zum Überlaufen bringt. Ähnlich wie in Bayern sieht es auch in anderen Bundesländern aus.

Die Kapazitäten sind daher nicht unbedingt dort ausgeschöpft, wo die Inzidenzen am höchsten sind. Das ist beispielsweise in Landshut und dem umgebenden Kreis der Fall, wo aktuell kein Intensivbett mehr frei ist. Die Zahl der Neuinfektionen ist dort mit 105 und 133 eher durchschnittlich hoch. Ähnlich sieht es in Dachau aus, wo nur noch ein Bett zur Verfügung steht und die Inzidenz 108 beträgt.

Hohe Inzidenz in Sachsen, aber noch genügend freie Betten

Dass die Lage trotz hoher Fallzahlen noch relativ entspannt sein kann, sieht man auch am Beispiel Sachsen, das mit 129 Neuinfektion den dritthöchsten Wert der Bundesländer hat. Zum einen ist der Anstieg dort bisher flacher als in Bayern, zum anderen sind dort die Intensivkapazitäten grundsätzlich weniger stark ausgelastet.

So hat der Kreis Mittelsachsen mit rund 207 Fällen zwar die höchste Sieben-Tage-Inzidenz des Freistaats und mit rund 12 Prozent ist dort der Anteil der Corona-Patienten auf den Intensivstationen vergleichsweise sehr hoch. Doch weil trotzdem noch zehn Betten (20 Prozent) frei sind, kann man die sechs Covid-19-Fälle gut verkraften.

Andererseits könnten sich die zehn Betten dort auch recht schnell füllen. Insgesamt verschärft sich die Situation in Sachsen langsam, aber sicher. Vor zwei Wochen lagen dort 75 Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen, jetzt sind es 119.

Winterwelle trifft viele über 60-Jährige ungeschützt

Den langsamen Anstieg hat Sachsen unter anderem dem Umstand zu verdanken, dass die Inzidenz der über 80-Jährigen mit 47 Fällen noch recht niedrig ist. Mit 318 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohnern stecken sich dort vor allem die 5- bis 14-Jährigen an. Bei den Altersgruppen zwischen 15 und 59 Jahren liegen die Inzidenzen etwa bei 150, die der 60- bis 79-Jährigen beträgt 85.

Grundsätzlich wäre es enorm wichtig, zu bestimmen, wie hoch der Immunschutz der Bevölkerung durch überstandene Infektionen ist. Für Sachsen gilt das ganz besonders. Denn der Freistaat hat bisher nur 56,2 Prozent seiner Einwohner vollständig geimpft. Auch bei den Erstimpfungen kommt Sachsen nur auf 58,6 Prozent- die mit Abstand schlechteste Quote aller Bundesländer.

Besonders ins Gewicht fällt, dass auch nur 78,3 Prozent der über 60-Jährigen in Sachsen vollständig geimpft sind. Das heißt, dass in dem Bundesland mehr als 300.000 Menschen in dieser besonders gefährdeten Altersgruppe ungeschützt der Winterwelle ausgesetzt sind.

Schutz von Pflegeheimen bundesweite Herausforderung

Zusätzlich verstärkt wird das Problem durch einen deutlich nachlassenden Impfschutz im Laufe der Zeit bei alten Menschen. Das trifft auch auf die Bundesländer zu, die noch relativ niedrige Inzidenzen haben. Die deshalb von der STIKO für über 70-Jährige empfohlene Auffrischimpfung haben aber laut Impf-Dashboard bisher nur 1,3 Millionen der rund 13 Millionen dieser Altersgruppe erhalten.

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Ebenso mangelt es deutschlandweit erneut beim Schutz von Pflegeeinrichtungen. Ein trauriges Beispiel dafür ist der Corona-Ausbruch in einem Heim in Bad Doberan in Mecklenburg-Vorpommern, dem laut NDR bisher zehn Bewohner zum Opfer gefallen sind. 15 Mitarbeiter wurden positiv getestet, von denen die meisten ungeimpft gewesen sein sollen.

Auch in Norderstedt (Schleswig-Holstein) starb kürzlich ein Bewohner nach einem Ausbruch in einem Pflegeheim. Laut NDR waren auch dort einige von 15 positiv getesteten Pflegekräften nicht geimpft. Ebenfalls ein Todesopfer gab es in einem Pflegeheim in Mering in Bayern, wo sich der "Presse Augsburg" nach neun Mitarbeiter infizierten. Wegen eines erheblichen Mangels an Personal hatte die Heimleitung zuvor Hilfe von der Bundeswehr erbeten müssen.

Quelle: ntv.de

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