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Krankenhausbetten werden knapp In Tschechien droht Corona-Notstand

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Maskenpflicht an Haltestellen ist die mildeste neue Maßnahme der Regierung in Prag im Kampf gegen die mächtige zweite Corona-Welle.

(Foto: AP)

In Tschechien explodieren die Neuinfektionen geradezu. Noch reichen die Kapazitäten in den Krankenhäusern aus, aber die Regierung ist besorgt, lässt vorsorglich bereits ein Feldlazarett aufbauen. Ein Blick ins Nachbarland zeigt, was Deutschland bevorstehen könnte.

Wie schnell die Corona-Pandemie außer Kontrolle geraten kann, muss in Europa aktuell vor allem Tschechien feststellen. Die Zahl der Neuinfektionen schießt in Nachbarland Deutschlands nach oben. Zuletzt kamen am Donnerstag 9721 Fälle hinzu, der 7-Tage-Durchschnitt klettert auf 6894 Neuinfektionen. Und weil in dem Land gerade mal rund 10,7 Millionen Menschen wohnen, entspricht das einer 7-Tage-Inzidenz von 453,1 Fällen je 100.000 Einwohnern.

Die Regierung hat auf die Situation mit einem teilweisen Shutdown reagiert. Seit Mittwoch sind alle Schulen geschlossen, die Schüler im Fernunterricht. Bars, Restaurants und Kneipen sind ebenfalls dicht und das Trinken von Alkohol an öffentlichen Orten wurde verboten. Egal wo, dürfen sich nicht mehr als sechs Menschen treffen und die Maskenpflicht wurde auf die Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel ausgedehnt. Dies gilt zunächst für drei Wochen.

Kapazitäten werden knapp

Doch die Regierung ist sich bewusst, dass die Maßnahmen frühestens in einer Woche Auswirkungen zeigen - wenn überhaupt. Laut "Radio Prague International" sagte Gesundheitsminister Roman Prymula deswegen am Freitagvormittag: "Die Gesamtzahl der Erkrankten wird steigen. Ich hoffe, dass dies nicht für die ganzen drei Wochen bis zum Ende der Maßnahmen gelten wird. Aber mindestens noch 10 bis 14 Tage dürfte dem so sein. Das heißt, wir müssen die Kapazitäten unseres Gesundheitssystems so ausbauen, dass wir den zu erwartenden großen Ansturm bewältigen können."

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Derzeit reichen die Krankenhauskapazitäten noch aus, aber es wird schon knapp. Den jüngsten Informationen des tschechischen Gesundheitsministeriums zufolge sind von insgesamt 4014 Intensivbetten noch 981 frei, von 1837 Beatmungseinheiten stehen noch 899 zur Verfügung.

Patienten werden heimgeschickt

Die Zunahme sei deutlich, schreibt der zuständige Mediziner. Die Krankenhäuser müssten daher sofort auf die bevorstehende Situation vorbereitet werden. Unter anderem gehört dazu, dass nur noch Patienten aufgenommen werden sollen, die eine intensive und dringende Pflege benötigen. Außerdem sollen alle Patienten, bei denen dies möglich ist, in die häusliche Pflege entlassen werden. Der tschechische Intensiv-Koordinator geht davon aus, dass die Bettenkapazität in seinem Land um etwa 5000 erhöht werden muss. Davon sollen 700 Betten die Möglichkeit einer künstlichen Beatmung bieten.

Schon am Samstag werde deshalb mit dem Aufbau eines Feldlazaretts begonnen, schreibt "Radio Prague International". Es soll 500 Betten haben, aber nur zehn würden mit Beatmungsgeräten ausgestattet, sagte Gesundheitsminister Prymula. "Es handelt sich also nicht um eine Notaufnahme. Viel mehr werden hier dann Patienten mit leichteren Verläufen behandelt. Das Lazarett soll aber erst zum Einsatz kommen, wenn die Kapazitäten in den Krankenhäusern erschöpft sind."

Immer mehr schwere Erkrankungen

In Tschechien liegen Medizinern zufolge auch zahlreiche Covid-19-Patienten im Krankenhaus, bei denen eine Isolation zu Hause nicht möglich ist. Das ist allerdings nicht das größte Problem der Tschechen. Denn wie auch deutsche Wissenschaftler und Politiker befürchten, nimmt die Zahl der schweren Krankheitsverläufe mit wachsender Zahl der Infektionen zwangsläufig zu. Am Mittwoch zählte Tschechien insgesamt 543 dieser Fälle.

Und auch wenn das Land seine Intensiv-Kapazitäten ausbaut, wird dies kaum ausreichen, um eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. "Ich persönlich fürchte mich mehr vor einem Mangel an qualifiziertem Personal als vor einem Mangel an Betten. Denn ein Bett taugt nichts, wenn es niemanden gibt, der behandeln kann. Und die Zahl kranker Mediziner steigt sehr schnell an", zitiert "Radio Prague International" den Präsidenten der tschechischen Ärztekammer, Milan Kubek.

Zu wenig Ärzte und Pflegepersonal

Derzeit sind in dem Land mehr als 6000 Ärzte und Pflegekräfte in Quarantäne, weil sie sich angesteckt haben oder Kontakt zu Infizierten hatten. Kubek sagt, diese Zahlen verdoppelten sich alle zehn Tage. Die Ärztekammer ruft deswegen alle Tschechen im Ausland mit medizinischer Praxis dazu auf, zumindest vorübergehend in ihrer Heimat auszuhelfen. Schon jetzt müssten Krankenhäuser fachfremde Ärzte für die Behandlung von Covid-19-Patienten einsetze, schreibt "Radio Prague International". Außerdem versuchten sie, ehemalige Krankenhauskräfte wieder zu aktivieren.

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Der Chirurg Tomáš Šebek von "Ärzte ohne Grenzen" sieht deswegen das geplante Feldlazarett kritisch. "Obwohl ich keine konkreteren Informationen dazu habe, halt ich es nicht für eine glückliche Lösung, eine Klinik auf der grünen Wiese zu errichten und dort medizinisches Personal aus unterschiedlichen Fachbereichen hinzuschicken. Da fehlt dann die Koordination, und man kennt sich nicht. Ich würde eher die Kapazitäten in bestehenden Krankenhäusern erhöhen und dort vielleicht Feldlazarette anbauen." Trotzdem soll auch bereits die zweitgrößte tschechische Stadt Brünn (Brno) auf seinem Messegelände ein Feldlazarett planen.

Bayern hilft

Angesichts der kritischen Lage hat die tschechische Regierung auch in Nachbarländern um Hilfe gebeten. Unter anderem hat Bayern bereits zugestimmt. "Die Lage bei unserem Nachbarn Tschechien ist so, dass wir bereits heute die ersten Fragen bekommen haben von der tschechischen Regierung, ob wir Patientenbetten zur Verfügung stellen würden für Intensivpatienten - was wir natürlich machen werden", zitiert die "Augsburger Allgemeine" Ministerpräsident Söder.

Quelle: ntv.de