Panorama

Timo Ulrichs im Interview Indien hat "Ausbruch von vielen Varianten"

Indien kämpft mit einer verheerenden zweiten Welle. Weltweit schauen Wissenschaftler dabei auch auf die dort grassierende Variante B.1.617. "Eigentlich wissen wir noch relativ wenig über die indische Variante", sagt der Epidemiologe Timo Ulrichs im ntv-Interview. Er geht aber davon aus, dass bisherige Impfstoffe gegen die Mutation "auch noch ganz gut wirken".

ntv: Was wissen wir über die indische Variante und wie gefährlich ist sie?

Timo Ulrichs: Eigentlich wissen wir noch relativ wenig über die indische Variante. Wir haben dort einen enormen Zuwachs an Neuinfizierten, auch von Todesfällen. Und diese neue Variante ist mit dabei. Es sieht aber so aus, als wäre sie nur ein Teil des Ganzen. Möglicherweise ist sie sozusagen etwas fitter in der Ansteckung, aber eben durchaus vergleichbar mit einer erhöhten Fitness wie bei der britischen Variante.

In Indien gibt es exponentiell steigende Zahlen, die wir uns hier gar nicht vorstellen können: über 300.000 Neuinfektionen pro Tag. Ist das denn kein Ausdruck dieser Variante?

Ulrichs: Diese neue Variante ist mit dabei. Aber generell ist es ein Ausbruch von ganz vielen, verschiedenen Varianten, auch der britischen. Das ist ein Infektionsgeschehen, das bei 1,3 Milliarden Einwohnern eben auch hohe Zahlen hervorbringen kann, wenn es ins exponentielle Wachstum geht, wie es jetzt im Augenblick der Fall ist. Die neue Variante wird wohl einen Anteil davon ausmachen. Man kann auch im Labor schon sehen, wie die Antikörperbindung an diese veränderten Oberflächen aussieht. Da stellt man fest, dass es etwas weniger stark ist, es gibt aber immer noch eine Teilabdeckung. Daher ist davon auszugehen, dass die Impfstoffe, die wir gerade haben, auch noch ganz gut wirken werden.

Müssen wir uns jetzt nochmal anders verhalten und besonders vorsehen?

Wir sollten darauf achten, ähnlich wie bei den anderen Varianten auch, dass bei Reiserückkehrern die Quarantäne strikt eingehalten wird, gerade aus Indien. Damit man nicht noch zusätzlich Stämme dieser neuen Variante in Deutschland oder in der EU verbreitet. Es sind ja auch schon welche aufgetaucht, aber die sind zahlenmäßig noch sehr, sehr klein. Wenn es uns gelingt, den ganzen Rest unter Kontrolle zu bringen - durch die Lockdown-Maßnahmen und das stringente Durchimpfen -, dann werden auch diese neuen Varianten aus Südafrika, Brasilien oder Indien keine Chance haben, sich hier groß zu verbreiten.

Es gibt immer noch viele Diskussionen um die Wirksamkeit von nächtlichen Ausgangssperren. In Hamburg, wo schon seit längerem strengere Ausgangssperren bestehen, hat sich die Sieben-Tage-Inzidenz halbiert. Ist das ein Beweis der Wirksamkeit?

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Timo Ulrichs ist Professor für Medizin, Mikrobiologie und Katastrophenhilfe an der Akkon-Hochschule in Berlin.

Das ist wirklich ein schönes Beispiel. Man muss aber immer dazu sagen: Die Ausgangssperre alleine ist hier nicht betrachtet worden, sondern immer in Kombination mit anderen Lockdown-Maßnahmen. So ähnlich ist das auch in anderen Ländern erfolgreich eingesetzt worden. Das heißt: Ausgangssperren sind ein Teil der Maßnahmen und sollen dazu führen, dass die Kontakte reduziert werden. Das passiert tatsächlich auch, wenn man um 21 oder 22 Uhr wieder Zuhause sein soll - da überlegt man sich nochmal, ob man rausgeht, um woanders wieder reinzugehen. Das alleine ist also schon ein Anreiz dafür, diese Kontakte sein zu lassen. Über alles gerechnet ist das dann sehr wirksam.

Nordrhein-Westfalen will jetzt verstärkt in sozialen Brennpunkten impfen. Ist das epidemiologisch sinnvoll?

Auf jeden Fall. Denn das ist immer damit verbunden, dass man da etwas beengter wohnt. Das ist natürlich mit einem höheren Risiko verbunden, dass das Virus sich ausreiten kann. Wir haben ja auch in der Niedriginzidenzphase im Sommer letzten Jahres gesehen, dass es immer Ausbrüche gab in Gegenden, wo viele Menschen in Wohnkomplexen zusammen sind. Deswegen kann man davon ausgehen, dass man dann da auch schnell viele Erfolge sehen kann.

Wie kann man das Infektionsgeschehen bei den jüngeren Altersgruppen eindämmen, denn Kinder können ja nicht geimpft werden? Wäre es zum Beispiel eine Möglichkeit, die Eltern zu impfen?

Es gibt ganz viele verschiedene Gruppen in unserer Bevölkerung, die alle geimpft werden sollten. Die Eltern sind eine Gruppe, die in den Blick genommen werden muss, aber vor allen Dingen Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer, die direkten Kontakte haben und das Virus einbringen könnten. Aber es ist schon völlig richtig: Wenn wir Kitas und Schulen schützen müssen, muss der Infektionsdruck weniger werden. Das machen wir gerade durch die Lockdown-Maßnahmen, die für sich eine Wirkung entfalten. Dann kommen wir schon in die Phase, wo alle Altersgruppen geimpft werden, also auch die Eltern. Und dann hoffen wir, dass auch Kinder selber geimpft werden können. In Amerika bereitet man das schon vor und auch hier in Deutschland laufen die Studien, das sieht alles sehr gut aus.

Wie muss ich mir das vorstellen? Wenn alle Erwachsenen geimpft sind, zirkuliert das Virus dann weiter in den Kindergruppen oder ist es dann möglicherweise schon eingedämmt?

Letzteres ist eher der Fall, die Virusmenge wird abnehmen. Wenn das Virus sich nicht mehr verbreiten kann, kann es sich zwar noch in den Menschen, die infiziert sind, replizieren. Aber die einzelnen Immunsysteme werden diese Virusmenge aktiv bekämpfen. Die Genesenen werden von sich aus die Virusmenge reduzieren und dann irgendwann überwinden. Das sorgt dafür, dass die Virusmenge eingedämmt wird. Dann hat man nur noch wenige Menschen, die das Virus tragen und weitergeben können.

Mit Timo Ulrichs sprach Nina Lammers

Quelle: ntv.de

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