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Höchste Inzidenz in Schweinfurt Jetzt hat Bayern die meisten Hotspots

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Schweinfurt hat derzeit die höchste Inzidenz aller deutschen Städte und Landkreise.

(Foto: picture alliance / Zoonar)

Obwohl auch in Bayern die Fallzahlen deutlich sinken, befinden sich dort aktuell die drei Kreise oder Städte mit den höchsten Corona-Inzidenzen. Insgesamt befinden sich fünf der Top-10-Hotspots im Freistaat. Was ist da los?

Fast überall in Deutschland gehen die 7-Tage-Inzidenzen steil nach unten, in einigen Regionen sinken sie aber langsamer oder steigen sogar an. Das trifft auch auf fünf bayerische Kreise und Städte zu, die zu den zehn deutschen Hotspots mit den aktuell höchsten Ansteckungsraten gehören. Die Gründe dafür sind unterschiedlich, und ein echtes Problem sind die Corona-Hochburgen für den Freistaat wohl nicht. Im Detail erkennt man aber Missstände, die behoben werden müssen.

Die höchste 7-Tage-Inzidenz Deutschlands hat derzeit die unterfränkische Stadt Schweinfurt mit rund 286 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Am 1. Mai betrug der Wert sogar knapp 352, fiel dann innerhalb einer Woche auf etwa 243 und bewegt sich jetzt wieder auf die 300 zu. Das ist ein beachtliches Auf und Ab und zu einem guten Stück auf Verzögerungen und Nachmeldungen zurückzuführen. Aber in der 54.000-Einwohner-Stadt scheint auch einiges bei der Bekämpfung der Pandemie schiefzulaufen.

Ausbruch bei Schweinfurter Müllabfuhr

Am 28. April meldete "SW1.News", weil die Müllabfuhr wegen Corona-Infektionen und Quarantänen zu wenig Personal habe, müssten die Schweinfurter bis auf Weiteres ihre Mülltonnen selbst rein- und rausstellen. Ein Bericht des BR zeigt heute das Ausmaß des Ausbruchs: Insgesamt 27 Mitarbeiter der Müllabfuhr seien positiv getestet worden, zwei von ihnen starben demnach an Covid-19.

Wo die Ansteckungen stattfanden, ist der Stadt nach "spekulativ." Für die Mitarbeiter sei die Möglichkeit geschaffen worden, die Müllabfuhrtouren dezentral beginnen und enden zu lassen, teilte sie dem BR mit. Verschobene Anfangs-, Pausen- und Endzeiten existierten bereits seit einem Jahr, und die Kantine sei schon einige Zeit nicht mehr geöffnet. Die Umkleiden seien seit geraumer Zeit nur im Schichtsystem freigegeben, und die Mitarbeiter würden regelmäßig getestet.

Auch wenn man nicht spekulieren möchte, liegt es nahe, dass entweder die Regeln der Schweinfurter Müllabfuhr unzureichend sind, nicht befolgt wurden oder die Infektionen bei privaten Treffen der Mitarbeiter stattgefunden haben.

Im Februar noch fast ohne Corona-Fälle

Ähnlich dürften auch die meisten anderen Ansteckungen ablaufen, denn das Landratsamt kann sonst keine konkreten Quellen nennen, sondern spricht wie viele andere Hotspots von einem diffusen Infektionsgeschehen. Im März sagte Schweinfurts Ordnungsreferent Jan von Lackum dem BR, bei der Nachverfolgung würden oft auch Kontakte bewusst verschwiegen, was von wenig Verantwortungsbewusstsein zeuge.

Es könnte auch sein, dass sich die Bewohner zu sicher gefühlt haben und leichtsinnig geworden sind. Denn Anfang Februar hatte Schweinfurt mit weniger als sechs Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner noch die niedrigste Inzidenz Deutschlands.

Coburg verdächtigt B.1.1.7 und feiert

Die Stadt Coburg und der umgebende Landkreis folgen Schweinfurt mit Inzidenzen von rund 271 und 270 auf den Hotspot-Plätzen 3 und 4. Auch hier nennen die Verantwortlichen vor allem private Kontakte als Ursache, können aber auch konkretere Informationen vorweisen. Das Landratsamt teilte "inFranken.de" mit, es gäbe zunehmend auch Infektionen im beruflichen Umfeld, außerdem seien Fälle auf Ausbrüche in einem Behindertenwohnheim, einem Krankenhaus und weiteren Einrichtungen zurückzuführen.

Die Leiterin des Coburger Gesundheitsamtes Roswitha Gradl sieht auch eine Art Nachholbedarf als einen Grund für die hohen Fallzahlen. Dies liege "sicherlich an der britischen Variante, die hier viel später angekommen ist als anderswo, und die wir jetzt fast nur noch haben", wird sie von der "Neuen Presse" zitiert. "Dadurch haben wir das Phänomen, dass oft ganze Hausstände und Familien am gleichen Tag positiv getestet werden. Das war mit dem Wildtyp nicht so."

Wie die Infektionen in die Familien kommen, sagte sie nicht, ein Bericht von "inFranken.de" vom 9. Mai ist in dieser Hinsicht aber aufschlussreich. Demnach löste die Polizei zwei Corona-Partys in Rödental und Neustadt bei Coburg auf. Bei der ersten trafen sich sieben Personen aus fünf Haushalten, die zweite illegale Runde bestand aus acht Feiernden aus acht Haushalten. "Nordbayern" meldete gestern eine Party eines 21-Jährigen in Ahorn mit sechs Gästen, die die Polizei beenden musste.

Problemzone im Südwesten Bayerns

Während sich die drei vordersten Hotspot-Ränge im Norden nahe Thüringen befinden, liegt Bayerns andere Problemzone im Südwesten an der Grenze zu Baden-Württemberg: die Stadt Memmingen und der sie umgebende Landkreis Unterallgäu.

Memmingen hatte gestern noch eine Inzidenz von rund 281, heute beträgt sie nur noch knapp 252, was aktuell der fünfthöchste Wert Deutschlands ist. Der Rückgang könnte ein Umkehrtrend sein, könnte aber auch technisch bedingt sein. Denn auch in den Vorwochen ging es mit den Fallzahlen in der 44.000-Einwohner-Stadt mehrmals für ein paar Tage steil bergab, um letztendlich dann doch wieder zu steigen.

Ähnlich sieht es im Unterallgäu aus, wo die Inzidenz innerhalb eines Tages von etwa 243 auf rund 228 absackte. Die Zickzack-Bewegung macht der Landkreis schon seit dem 15. April, an dem dort 216 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche gezählt wurden.

Die offizielle Begründung für die hohen Fallzahlen in der Region kommen einem bekannt vor. "Wir können es nicht klar zuordnen", sagte Landkreis-Sprecherin Sylvia Rustler der "Augsburger Allgemeinen Zeitung". Es gäbe keine im Landratsamt bekannten Hotspots. Stattdessen seien es "viele Fälle im familiären Bereich", in dem gleich mehrere Personen mit dem Virus infiziert sind.

Infektionen am Arbeitsplatz

Allerdings spricht sie auch an, dass es etliche Fälle in Unternehmen gibt. Insgesamt seien Ansteckungen in acht Firmen bekannt, wobei in sieben davon die registrierten Infektionen im unteren einstelligen Bereich lägen. In einem Unternehmen in Mindelheim seien es 41 Fälle.

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Ihre Memminger Kollegin sieht es ähnlich. "Es handelt sich vor allem um Infektionen am Arbeitsplatz, die in den familiären Bereich hineingetragen werden, häufig sind dann komplette Familien betroffen", sagte Alexandra Wehr der "Augsburger Allgemeinen Zeitung".

Ein Teil der Bevölkerung scheint auch ein Problem damit zu haben, die Regeln einzuhalten. "All-in.de" berichtete am 4. Mai über mehrere Demos gegen die Corona-Maßnahmen in Memmingen und Ottobeuren mit insgesamt rund 150 Teilnehmern.

Quelle: ntv.de

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