Panorama

Studie zu Jugend-MediensuchtKI im Kinderzimmer - wenn der Chatbot zum engsten Freund wird

24.03.2026, 18:36 Uhr
imageVon Aljoscha Prange
00:00 / 06:35
A-sad-teenage-girl-is-lying-with-a-smartphone-in-the-dark-Sadness-problems-The-concept-of-myopia
Viele Jüngere erzählen KI-Chatbots Dinge, die sie sonst niemandem oder nur engen Freunden sagen würden, so die Studie. (Foto: picture alliance / Zoonar)

Junge Menschen, die häufig mit KI-Chatbots interagieren, haben ein erhöhtes Risiko, mediensüchtig zu werden. Zu diesem Schluss kommt eine DAK-Befragung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Besonders auffällig: Jeder zehnte Befragte gibt an, sich von KI-Chatbots besser verstanden zu fühlen als von echten Menschen.

KI-Anwendungen wie ChatGPT, Gemini und Co gehören seit Jahren zum Alltag junger Menschen in Deutschland, ob in der Freizeit oder in der Schule. Doch künstliche Intelligenz kommt nicht nur bei der Hausaufgaben-Hilfe oder zum reinen Zeitvertreib zum Einsatz. Einige Kinder und Jugendliche in Deutschland interagieren auch mit Chatbots, weil sie sich einsam fühlen, so das Ergebnis einer Studie der Krankenkasse DAK in Zusammenarbeit mit der Uniklinik Hamburg-Eppendorf (UKE).

Demnach gaben 7,8 Prozent der Befragten an, Chatbots aufgrund von Einsamkeit zu nutzen. Jeder Zehnte (10,9 Prozent) sagte, sie oder er fühle sich von ihnen besser verstanden als von echten Menschen und würde den Programmen Dinge anvertrauen, die sonst niemand oder nur enge Freundinnen und Freunde zu hören bekämen.

Kinder und Jugendliche mit höheren psychosozialen Belastungen wie Stress, Angst oder Depressionen zeigen dabei eine erhöhte Bindung zu KI-Chatbots. Unter den Befragten, bei denen depressive Symptomatiken vorliegen, sagte fast jeder Dritte (30,1 Prozent): "Ich nutze Chatbots, um mich von negativen Gefühlen abzulenken". Bei Personen ohne depressive Symptomatiken waren es sechs Prozent.

1,5 Millionen Jüngere betroffen

Doch die Expertinnen und Experten haben nicht nur die KI-Nutzung unter die Lupe genommen, sondern auch die von sozialen Netzwerken wie Tiktok und Instagram, von Streaming-Plattformen, Messenger-Diensten und Online-Games. Demnach haben in Deutschland weiterhin Millionen Kinder und Jugendliche Probleme durch einen hohen Medienkonsum: Hochgerechnet nutzen 1,5 Millionen junge Menschen soziale Medien problematisch. Das heißt, sie sind von einer Sucht bedroht oder bereits betroffen. 

Als explizit süchtig galten 2025 laut DAK und UKE 6,6 Prozent der 10- bis 17-Jährigen. Somit gibt es hochgerechnet rund 350.000 Kinder und Jugendliche mit einer pathologischen Nutzung. Dies entspricht einem Anstieg um 1,9 Prozent zum Vorjahr.

Ein weitaus drastischerer Anstieg zeigt sich derweil beim Konsum von Online-Videos: Jeder und jede Fünfte nutzt Streamingdienste, Reels und Ähnliches auf eine "riskante Weise". Das ist ein Anstieg von 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Vier Prozent der Kinder und Jugendlichen erfüllen hier die Suchtkriterien.

61,5 Prozent der Mütter und Väter von 14- bis 17-Jährigen sprechen mit ihren Kindern über deren Mediennutzung und ebenso viele (62,5 Prozent) geben vor, welche Inhalte ihr Kind nutzen darf. Anders verhält es sich bei Eltern von 10- bis 13-jährigen Kindern: In dieser Gruppe setzen rund 90 Prozent ihren Kindern Regeln zu Inhalten und Angeboten.

"Kein Nichtschwimmerbecken im Internet"

Verena Holler vom Verein "Smarter Start ab 14" rät Eltern dazu, Regeln aufzustellen und ihre Kinder bei der Mediennutzung zu begleiten. Doch sie könnten den täglichen Kampf gegen "Systeme, die auf ungesunde und dysfunktionale Nutzung optimiert sind", nicht allein gewinnen.

Deshalb brauche es mehr Kinderschutz im digitalen Raum, verlässliche Altersgrenzen sowie verpflichtende schulische Medienkompetenzvermittlung. Man dürfe Kinder und Jugendliche nicht ungeschützt in den digitalen Raum entlassen. "Es gibt kein Nichtschwimmerbecken im Internet", mahnt Holler.

Auch DAK-Vorstandschef Andres Storm sieht mit Blick auf Mediensucht bei Jüngeren dringenden Handlungsbedarf - und nimmt die Politik in die Verantwortung. Damit erste Maßnahmen bereits im kommenden Schuljahr greifen, müsse Deutschland unabhängig von einer EU-weiten Lösung handeln. "Für eine sinnvolle Altersregulierung braucht es jetzt eine rasche gesetzliche Regelung bis zur Sommerpause."

"Zigarette des 21. Jahrhunderts"

Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen warnte: "Wir erleben gerade, was passiert, wenn eine ganze Generation mit Produkten aufwächst, die gezielt auf maximale Bindung und Abhängigkeit ausgelegt sind." Social-Media-Apps nutzten Mechanismen wie variable Belohnungen, Dopamin-Trigger und Verstärkungsschleifen. "Gerade bei Kindern und Jugendlichen, deren Gehirn sich noch entwickelt, führt das zu Kontrollverlust, Abhängigkeit und erhöhter psychischer Belastung - von Angststörungen bis Depressionen."

Der Arzt und Bundestagsabgeordnete sagte: "Social Media ist die Zigarette des 21. Jahrhunderts." Bei Tabak sei viel zu lange gewartet worden, dieser Fehler dürfe sich nicht wiederholen. "Appelle und Aufklärung allein reichen nicht", mahnte Dahmen. Der Staat müsse wie bei Tabak Grenzen setzen, wenn Apps Abhängigkeit von Jugendlichen zum Geschäftsmodell machten. Deshalb brauche es Altersgrenzen und klare Regeln für suchtfördernde Mechaniken.

In der schwarz-roten Koalition haben sich CDU und SPD bereits für ein Social-Media-Verbot für Unter-14-Jährige und bestimmte Schutzregeln bis zum Alter von 16 Jahren ausgesprochen. Die mitregierende CSU zeigte sich dagegen eher zurückhaltend. Die Bundesregierung hat auch eine Expertenkommission eingesetzt, deren Ergebnisse im Sommer erwartet werden.

Quelle: ntv.de

ChatGPTKinderDigitalisierungKünstliche IntelligenzTiktokSoziale MedienJugendschutzChatbotsJugendStreaming