Panorama

Sozialer Widerstand in Namibia Kanadische Firma sucht Öl in Afrikas Eden

Eine kanadische Firma sucht im Norden Namibias nach Öl - in der letzten echten Wildnis Afrikas. Reconafrica glaubt, dass im Kavango-Becken bis zu 120 Milliarden Barrel Öl liegen, mehr als in Saudi-Arabien. Doch das Projekt stößt zunehmend auf Widerstand.

Andreas Hawano steht vor seiner kleinen Hütte in dem abgelegen Ort Kawe im Norden Namibias. Der 68-jährige Rentner schlägt seine Handflächen mehrfach hart aufeinander, dass es nur so knallt. "Bäng, bäng, bäng und dann tidüüüüh", ruft er begleitend und schaut uns mit großen Augen an. "So geht das die ganze Nacht. Wie soll man da schlafen?". Hawano ist ein einfacher Mann. Er hat Zeit seines Lebens hart gearbeitet in Namibias Minen, auf Baustellen, in der Produktion, bis er vor einigen Jahren in den Ruhestand ging und dafür dieses entlegene Stück Land im Kapinga-Kamwalye-Schutzgebiet zugewiesen bekam. In Namibia ist Land Allgemeinbesitz.

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Andreas Hawano hat sich seinen Lebensabend beschaulicher vorgestellt.

(Foto: Nicole Macheroux-Denault)

Hawano hat für sich und seine Familie Hütten gebaut und umliegende Flächen mit Mais und Perlhirse bestellt. Es ist der Lebensabend, den er sich gewünscht hat. Mit und in der Natur. Bisher störten ihn nur die Elefanten, die gelegentlich die Felder in dem Dorf zerstören. Doch seit Januar lebt er plötzlich neben einer riesigen Bohranlage, mit der eine ihm völlig unbekannte Firma aus einem ihm unbekannten Land namens Kanada auf einem Teil seines Ackers völlig unerklärlich plötzlich nach Öl sucht. "Ich kenne mich mit diesen Dingen nicht aus", sagt Andreas Hawano. "Sie sagen, es gibt hier welches. Ich kann es mir nicht vorstellen."

Auch Namibias führende Geologen nicht. Doch die kanadische Firma Reconafrica spricht von einem "no-brainer", einem Kinderspiel. Das Kavango-Becken sei das letzte bisher unangetastete Permbecken der Welt, in dem Milliarden Barrel Rohöl schlummerten. "Wir sind sehr sicher, dort Öl finden zu können", sagt Reconafricas Geschäftsführer Scot Evans in einem exklusiven Interview mit ntv.de. "Aber allen Erwartungen zum Trotz müssen wir auch warnen. Momentan befinden wir uns nur in der ersten Phase der Exploration. Wie viel Rohöl wir aus dem Kavango-Becken extrahieren können, können wir erst sagen, wenn Öl- und Gasvorkommen nachgewiesen sind."

Jede Menge Gegenargumente

Spätestens an diesem Punkt stellt sich die Frage: Warum sollte Namibia daran interessiert sein, ein neues riesiges Ölfeld zu erschließen, wenn alle Welt über Klimarettung und den Ausstieg aus der Nutzung fossiler Rohstoffe nachdenkt? Warum nicht Solaranlagen? Platz und Sonne gibt es genügend in dem Wüstenstaat, in dem nur 2,5 Millionen Menschen leben. Namibias Entscheidung, Öltestbohrungen zuzulassen, ist jedoch nicht nur aus energiepolitischer Sicht absurd. Es ist eine Umweltkatastrophe.

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Scot Evans von Reconafrica verteidigt den Erkundungsversuch.

(Foto: Nicole Macheroux-Denault)

Reconafricas Explorationsgebiet liegt mitten in einem einzigartigen Naturgebiet, dem länderübergreifenden Naturpark KAZA (Kavango-Zambezi Transfrontier Conservation Area). Deutschland hat mehr als 40 Millionen Euro für die Erschaffung des Naturparadieses bereitgestellt, das knapp 20 Nationalparks in Namibia, Sambia, Simbabwe, Botswana und Angola verbinden soll. Es geht darum, Elefanten-Migrationsrouten zu sichern und den Lebensraum von Nilpferden, Löwen, Antilopen und seltenen Fischadlern zu erhalten.

Diese Region ist Afrikas Eden, eine Arche Noah für wilde Tiere. Und ein Tourismusmagnet, besonders für Deutsche. Die Empörung über die Testbohrungen ist dementsprechend groß. Mechtild Rössler, Direktorin des Welterbezentrums der UNESCO in Paris, hat die Ölexploration im Kavango-Becken sogar auf die Agenda der nächsten Sitzung des Komitees gesetzt. Leonardo DiCaprio ruft in den sozialen Medien zum Widerstand auf, Naturschützer und Fridays-for-Future-Anhänger bombardieren Reconafrica auf Twitter.

"Nicht mehr wie in Texas"

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Auch mit der Ölförderung soll Naturschutz weiter möglich sein.

(Foto: Nicole Macheroux-Denault)

Das Reconafrica zugesicherte Explorationsgebiet ist so groß wie Nordrhein-Westfalen und reicht bis hinein nach Botswana, an den Rand des geschützten Okavango-Deltas. Ölfördertürme im Naturparadies? Unvorstellbar, würde man meinen. Für Reconafrica-Chef Evans "schließt sich das nicht gegenseitig aus". Tourismus, Wirtschaft und Ölförderung würden auch im Westen Kanadas wunderbar zusammenarbeiten. "Es ist ja heute nicht mehr so wie in alten Filmen aus Texas, dass viele Bohrtürme aufgebaut werden. Wir können vielmehr an wenigen Bohrstellen viel Öl fördern." Man werde jetzt an den drei von der namibischen Regierung bisher genehmigten Orten bis zu 3,8 Kilometer tief bohren und einen Antrag samt Umweltverträglichkeitsprüfung für 2D-seismische Untersuchungen erstellen. "Dann leiten wir Schritte ein, die sicherstellen, dass unsere Investitionen nicht umsonst waren" sagt Evans.

Genau davor haben Naturschützer Angst. Die Art und Weise, wie Reconafrica bisher vorging, lässt befürchten, dass nicht der Schutz des Naturparadieses, sondern eigene Interessen vorrangig sind und auch Namibias Regierung scheint sehr an der Investition interessiert. "Unserer Meinung nach hätte die Erlaubnis für die Testbohrungen nicht erteilt werden dürfen", sagt Chris Brown, Vorsitzender der Namibian Chamber of Environment (NEC), einer Dachorganisation von Umweltorganisationen in dem südafrikanischen Land, die auch von der deutschen GIZ finanziell unterstützt wird.

"Wir sind zutiefst unzufrieden. Wir Namibier mobilisieren uns. Reconafrica muss sich vorsehen", droht Brown, der viele Jahre selbst Leiter der Umweltkommission der namibischen Regierung war. Sein Hauptpunkt: Die gesetzlich vorgeschriebene Konsultation der Zivilgesellschaft habe nicht ausreichend stattgefunden.

Reconafrica hat zwar im Nachhinein auf zahlreichen Informationsveranstaltungen Pläne für wenig umstrittene seismische Tests dargelegt, doch keine Auskünfte über den Gesamtplan der Ölförderung im Kavango-Becken gegeben. Die Teilnehmerzahlen waren auf 50 begrenzt. Es wurde nur Englisch gesprochen. "Sie sind extrem aggressiv vorgegangen und haben Teilnehmer wie Kinder behandelt. Sie wedeln sprichwörtlich mit dem Zeigefinger und sagen uns, was wir zu tun und zu lassen haben", schildert Chris Brown. Reconafrica habe die technische Expertise und den Stolz der namibischen Bevölkerung für ihre Natur ernsthaft unterschätzt. "Wir lassen uns von einem Haufen Kanadier nicht so behandeln!"

Angst um Wasserreserven

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Umweltschützer sehen das empfindliche Ökosystem massiv bedroht.

(Foto: Nicole Macheroux-Denault)

Andreas Hawano hat weniger Kampfgeist. Bei ihm geht es nun ums Überleben. "Als ich wie jedes Jahr mein Feld bestellen wollte, kam der Vorarbeiter der Bohrstelle und sagte, ich dürfe nicht mehr direkt vor der Anlage säen." Das macht die Hälfte seines Feldes aus. Hawano ist ein älterer Herr. Natürlich hat er dem Chef der Anlage in Kawe nicht widersprochen. Aber er hat vorsichtig gefragt, ob er für den Ernteausfall kompensiert werden könnte. Die Antwort lautete: "Da musst du dich an den Reconafrica-Chef wenden." Das ist für Hawano eine Unmöglichkeit. Wie soll er Scot Evans erreichen? Der lebt in den USA. Hawano hat kein Telefon. Also erntet die Familie dieses Jahr nicht wie sonst 35 bis 40 Säcke Perlhirse, sondern nur 15.

Zumindest kann sie an der Bohrstelle, also direkt hinter dem Haus, bei Reconafrica Wasser holen. Das ist eine Erleichterung. Sonst muss die Familie zwei Kilometer zur nächsten Wasserstelle laufen. Doch auch diese Tatsache hat eine Kehrseite. Die drei Brunnen, die die Kanadier bisher angelegt haben, um das notwendige Wasser für ihre Ölexploration zu sichern, beunruhigen viele. Grundwasser ist in dieser Region gleich Trinkwasser und extrem rar. Menschen und Tiere, die nicht nahe des Okavango-Flusses leben, sind ausschließlich auf Grundwasserbrunnen angewiesen.

Und das Problem ist größer als die Wassermenge, die Reconafrica verbraucht. Es geht vor allem um die Sicherung der Wasserqualität. Noch nie wurde in dieser Region so tief gebohrt. Bis zu vier Kilometer reicht die eigens aus Texas ins entlegene Kawe gebrachte Bohranlage. Dabei werden mehrere Grundwasserschichten durchbohrt. Der tiefere, gebundene Aquifer ist salzig und steht unter Druck. Wird bei den Bohrungen nicht sauber gearbeitet, könnte das tiefer gelegene Wasser die obere Grundwasserschicht verseuchen. "Das heißt, die Regierung muss das vor Ort überprüfen. Sie muss es schnell machen. Sonst sitzen wir hier noch 100 Jahre mit einem Problem, das sich nicht beheben lässt", sagt Roy Miller, Geologe und pensionierter Direktor im namibischen Ministerium für Bergbau und Energie.

"Wir stellen sicher, dass der Aquifer geschützt wird. So wie es international vorgeschrieben ist", sagt Reconafrica-Chef Evens. Doch auf Nachfrage, ob staatliche Geologen Zugang zu dem Gelände und Einsicht in den Bohrungsverlauf haben, sagt er: "Der Bohrplan wurde von der Regierung vorgelegt und genehmigt. Wir schicken jeden Tag einen Bericht an das Ministerium."

Nachbarstaaten im Blick

Alles deutet darauf hin, dass Namibias Regierung den Kanadiern nicht genau auf die Finger schaut und die Testbohrungen trotz wachsenden Widerstands zulässt. Wenn Öl gefunden wird, ist es höchst unwahrscheinlich, dass Reconafrica eine Förderlizenz verweigert werden kann. Dafür ist der Einsatz zu kostenaufwendig. Die Kanadier haben gute Karten, um eine Förderlizenz zu verlangen. Auch Botswana steht hinter der Entscheidung, Testbohrungen zuzulassen. "Ich glaube, wir sollten der Regierung von Botswana zugestehen, selbst über den Umgang mit ihren Ressourcen entscheiden zu können", sagt Scot Evans. Es sei ja ein souveräner Staat.

Das benachbarte Angola gab vor wenigen Tagen bekannt, die Suche nach Öl im Kavango-Becken auf ihrer Seite des Okavango-Flusses zuzulassen. Auf die Frage, ob Reconafrica plane, auch dort Testbohr-Lizenzen zu beantragen, sagt Evans: "Ich halte es da wie Clint Eastwood, der sagt, ein Mann muss seine Grenzen kennen. Wir konzentrieren uns jetzt auf Namibia und Botswana." Ob das ein Nein wäre, fragen wir. "Es ist ein 'Noch nicht'", antwortet Evans laut lachend.

Interessanterweise reagiert die deutsche nationale Förderbank KfW verhalten, obwohl ihre 40-Millionen-Euro-Investition deutscher Steuergelder in den KAZA-Naturschutzpark durch einen Ölfund eindeutig zunichtegemacht würde. "Nach vorliegenden Erfahrungen sind 95 Prozent der Explorations-Lizenzen nicht erfolgreich", heißt es in einem KfW-Statement. Die Förderbank und andere Institutionen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit seien mit dem namibischen Umweltministerium im Gespräch. "Wir werden die Situation weiter beobachten und gegebenenfalls weitere Schritte ergreifen, sollten sich negative Auswirkungen auf die entwicklungspolitische Zusammenarbeit und die gemeinsamen Projekte abzeichnen." Es heißt also warten. Und hoffen, dass in den kommenden zwei bis drei Monaten bei den drei Testbohrungen in Namibia kein Öl gefunden wird. Dann wäre der Spuk im Paradies aller Voraussicht nach schnell vorbei.

Die schlechte PR hat den Börsenkurs von Reconafrica in den USA und Frankfurt schon jetzt auf rasante Talfahrt geschickt. Hawano hingegen hat vielleicht Glück. Wir haben Evans von dem Farmer und seinem Ernteverlust erzählt und ihm ein Versprechen abnehmen können. "Ich werde diese Woche einen unserer Mitarbeiter in Windhoek, einen Landrechtsexperten, nach Kawe schicken, um mit Andreas Hawano zu sprechen", versicherte uns Evans. "Wenn ihm Unrecht zugefügt wurde, müssen wir etwas dagegen tun."

Quelle: ntv.de