Panorama

Meiste Fälle nach Brasilien Kanadisches Skigebiet wird zum P.1-Hotspot

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Mitte März schließen die Behörden das kandische Skigressort Whistler Blackcomb wegen mehrerer P.1-Ausbrüche. Zu spät, sagen einige Experten.

(Foto: REUTERS)

Vor einem Jahr wird der Skiort Ischgl in Österreich zur Brutstätte der Coronavirus-Pandemie in Europa. Nun hat Nord-Amerika sein eigenes Ischgl - doch diesmal ist es die ansteckendere und gefährliche Variante P.1, die sich von einem kanadischen Skigebiet aus in der Region verbreitet.

Coronavirus-Varianten sind weltweit auf dem Vormarsch. Die Mutanten bestimmen inzwischen in vielen Regionen das Infektionsgeschehen: In Europa grassiert B.1.1.7, die Variante B.1.351 breitet sich von Südafrika aus. Und in Brasilien greift die Mutante P.1 um sich - allerdings nicht nur dort. Tausende Kilometer weiter nördlich wird ein Skigebiet in Kanada zum Superspreader für P.1. Behörden mussten das Skiressort Whistler Blackcomb Ende März schließen, nachdem sich die brasilianische Virusvariante rasant in der Gemeinde ausgebreitet hatte.

Erinnerungen an Ischgl in Tirol vor einem Jahr werden wach, da sich das Virus - wie schon damals im kleinen Skigebiet in den österreichischen Alpen - auch von Whistler Blackcomb aus in der ganzen Provinz British Columbia schnell und zunächst unentdeckt ausbreitet. Mit 877 bestätigten P.1-Fällen ist die Region im Südwesten Kanadas inzwischen das Zentrum des weltweit größten Ausbruchs der Variante außerhalb Brasiliens. Fast ein Viertel der Infektionen konnte dabei mit Whistler in Verbindung gebracht werden.

Die Mutation P.1 gilt als hochinfektiöse Virusvariante, die bei jungen Menschen tödlicher zu verlaufen scheint und offenbar die Fähigkeit besitzt, Genesene erneut zu infizieren. In Brasilien hat P.1 - zusammen mit unzähligen politischen Versäumnissen - zu einem Kollaps des Gesundheitssystems des Landes geführt. Die Variante griff auch in die Nachbarländer über.

Versäumnisse der Behörden

Wie allerdings die Mutante nach Kanada in den alpinen Ferienort gelangen konnte, ist Experten ein Rätsel: Keine der 84 Personen, die zu Beginn des Ausbruchs in Whistler erfasst wurden, berichtete von einer Reise außerhalb Kanadas. Epidemiologie Jean-Paul Soucy von der Covid-19 Canada Open Data Working Group wirft den Behörden Versäumnisse bei der stringenten Nachverfolgung der Fälle vor. British Columbia sei hinter anderen Provinzen zurückgeblieben, als es darum ging, den Prozentsatz der Fälle mit Varianten zu verfolgen, sagte er dem "Guardian".

Zudem seien die kanadischen Grenzen erst spät geschlossen worden. "Es ist auch einfach Pech dabei. Aber die Tatsache, dass wir die verstärkten Quarantänemaßnahmen an der Grenze erst spät eingeführt haben, hat wahrscheinlich auch nicht geholfen", Soucy. "Wären diese Maßnahmen schon Monate früher eingeführt worden, hätte man das Ganze vielleicht verlangsamen - oder sogar vermeiden können."

Whistlers berüchtigte Wohnungsknappheit spielte wahrscheinlich ebenfalls eine Rolle bei der rasanten Ausbreitung. Vor allem junge Ressortmitarbeiterinnen und -mitarbeiter haben sich mit P.1 infiziert. "Weil die Mieten so hoch sind, leben die Leute in Schränken und manchmal teilen sich bis zu acht Leute eine Wohnung", erzählte eine Mitarbeiterin der Zeitung. Sie selbst teilt sich eine Wohnung mit drei anderen Mitbewohnern.

Als sie erkrankte, habe sie versucht, sich in ihrem Schlafzimmer zu isolieren, sagte sie. Dennoch hätten sich all ihre Mitbewohner angesteckt - auch diejenigen, die bereits eine Impfung mit Astrazeneca erhalten hatten. "Die meisten von uns können ihre Arbeit nicht von zu Hause aus machen. Wir müssen immer noch an die Arbeitsfront gehen, um die Menschen zu versorgen", berichtete die junge Frau. "Es ist wirklich schwer, das Virus zu isolieren, wenn die meisten Menschen mit acht anderen Menschen zusammenleben."

"Man will nicht im Blindflug sein"

Dennoch will die Gesundheitsbehörde in British Columbia die Sequenzierungen für Virusvarianten nicht erhöhen. "Wir gehen einfach davon aus, dass es sich bei den Positivtests um die Varianten handelt. Jeder, der positiv auf Covid-19 getestet wird, muss so behandelt werden, als ob er eines dieser hochgradig übertragbaren Viren hätte", sagte Bonnie Henry, die Gesundheitsbeauftragte der Provinz, vor Reportern. Stattdessen will die Provinz Infektionsketten strenger nachverfolgen und vor allem die Fälle untersuchen, bei denen der Impfschutz versagt hat.

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Experten kritisieren dieses Vorgehen allerdings. Sie sagen, dass Sequenzierungen einen entscheidenden Einblick geben, wie sich eine Variante ausbreitet. "Ich befürchte ich, dass wir wichtige Informationen verpassen werden, wenn sie aufhören, viele dieser Fälle zu sequenzieren", sagte Epidemiologe Eric Feigl-Ding. Er verwies auf die Sequenzierungsarbeit der britischen und dänischen Gesundheitsbehörden Ende letzten Jahres. Dabei hätten sie entdeckt, dass die Fälle in ihren Ländern zwar insgesamt zurückgegangen seien, so Feigl-Ding. Doch gleichzeitig sei die B.1.1.7-Variante stark anstiegen.

"Hätten sie die Sequenzierung nicht durchgeführt, hätten sie ein falsches Gefühl des Erfolgs gehabt, dass die Epidemie vorbei sei", sagte der Wissenschaftler. Genau das befürchte er nun für Kanada. "Wenn man eine ansteckendere Variante hat, die die Epidemie antreibt, will man nicht im Blindflug sein."

Quelle: ntv.de

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