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Sind Virus-Mutationen schuld? Warum Herdenimmunität in Manaus nicht wirkt

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Fast täglich müssen erneut mehr als 100 Corona-Tote in Manaus bestattet werden.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Eigentlich sollte Manaus laut einer Studie längst eine Herdenimmunität erreicht haben. Doch die zweite Corona-Welle trifft die brasilianische Stadt erneut mit tödlicher Wucht. Eine Gruppe von Wissenschaftlern forscht nach den Gründen - und diese sollten auch Europa Unbehagen bereiten.

Dramatische Bilder aus dem brasilianischen Manaus erschüttern die Welt: Auf den Intensivstationen ersticken Corona-Patienten, weil nicht genügend Sauerstoff da ist. Verzweifelte Angehörige warten mit grünen Stahlzylindern in der Hand auf Lieferungen des überlebenswichtigen Gases. Derweil werden auf den Friedhöfen massenhaft Gräber ausgehoben.

Das Gesundheitssystem der Hauptstadt des Amazonas ist unter der Last der vielen Neuinfektionen kollabiert - bereits zum zweiten Mal. Denn schon im April 2020, zum Höhepunkt der ersten Welle, war Manaus zum Corona-Brennpunkt geworden. Das Virus breitete sich in der Zweimillionenstadt beinahe unkontrolliert aus. Zeitweise starben jeden Tag rund 100 Menschen mehr als vor der Pandemie.

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Überlebenswichtig - und weiterhin Mangelware: In Manaus stehen Menschen für medizinischen Sauerstoff an.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Im Mai gingen die Fallzahlen dann runter. Über ein halbes Jahr schien es, als habe Manaus das Infektionsgeschehen unter Kontrolle. Eine Studie ließ sogar vermuten, dass in der Stadt mit der ersten Welle bereits eine Herdenimmunität entstanden sein könnte. Denn anhand von Blutspenden fanden Wissenschaftler heraus, dass sich damals 76 Prozent der Bewohner mit Sars-CoV-2 infiziert hatten. Somit hätte die Bevölkerung die kritische Schwelle zur Herdenimmunität überschritten, die Experten meist zwischen 60 und 70 Prozent ansetzen. Die Theorie der Herdenimmunität: Haben genug Menschen eine Infektion durchgemacht, ist eine zweite Infektionswelle ausgeschlossen.

Dennoch kam im Dezember das Virus mit tödlicher Wucht in die brasilianische Stadt zurück. Die Krankenhäuser sind inzwischen erneut überfüllt. Noch mehr Menschen kämpfen dort um ihr Leben als im Frühjahr. Vor den Kliniken stehen Kühlcontainer für die vielen Leichen. Doch wie konnte es zu diesem erneuten heftigen Ausbruch kommen? Über mögliche Gründe diskutieren Wissenschaftler seit Wochen. Eine Forschergruppe aus Brasilien, Großbritannien und den USA veröffentlicht nun vier Erklärungsansätze im Fachmagazin "The Lancet". Dabei bereiten vor allem die neuen Coronavirus-Mutationen große Sorgen. Ein Überblick über die möglichen Gründe:

1. Herdenimmunität wurde doch nicht erreicht

Die Annahme, dass 76 Prozent der Bevölkerung in Manaus bis Oktober 2020 bereits eine Infektion durchgemacht haben, basiert auf einer Studie, die im Fachmagazin "Science" erschienen ist. Die Forscher hatten Tausende Proben von Blutspenden analysiert, die seit Beginn der Pandemie von den Bewohnern abgegeben wurden. Im April wiesen nur 4,8 Prozent der Spender Antikörper auf, einen Monat später waren es bereits 44,5 Prozent. Im Juni stieg der Wert auf mehr als 52 Prozent. Auf Basis dieser Daten schätzten die Forscher, dass bis Oktober 76 Prozent der Bevölkerung eine Infektion durchgemacht hatten.

Allerdings sei diese Hochrechnung eine Schwäche der Untersuchung, schreibt die Forschergruppe in "Lancet". Es wäre möglich, dass Manaus im Dezember doch noch keine Herdenimmunität erreicht hatte. Gleichzeitig geben die Wissenschaftler zu bedenken, dass, selbst wenn sich nur die Hälfte der Bevölkerung angesteckt hätte, eine so heftige zweite Welle unwahrscheinlich sei. Denn auch bei 50 Prozent durchgemachten Infektionen "sollte eine ausreichende Immunität vorhanden sein, um einen weiteren großen Ausbruch zu vermeiden".

Die Autoren der Blutspende-Studie haben eine andere Erklärung für die Situation in Manaus: Möglicherweise waren dort sogar die berechneten 76 Prozent Infizierte zu wenig, um Herdenimmunität zu erreichen. Als Gründe nennen sie unter anderem beengte Wohnverhältnisse in der Stadt, durch die sich das Virus leicht verbreiten konnte. Außerdem weisen sie auch darauf hin, dass nicht jeder nach einer durchgemachten Infektion gleich gut vor einer weiteren Ansteckung geschützt ist.

2. Immunität durch die erste Welle hält nicht lange genug an

Denkbar wäre auch, dass die Immunität, die sich in der Bevölkerung während der ersten Welle im Frühjahr aufgebaut hat, schon wieder verschwunden sei, schreibt die Forschergruppe im "Lancet". Inzwischen ist klar, dass sich Menschen schon wenige Wochen nach einer durchgemachten Infektion noch einmal anstecken können. Studien zeigen allerdings, dass das nur selten geschieht. So wurden in Großbritannien Daten von Mitarbeitern des Gesundheitswesens ausgewertet, die regelmäßig auf Sars-CoV-2 getestet wurden.

Das Ergebnis: In einem Zeitraum von fünf Monaten wurden bei weit mehr als 6000 Personen mit Antikörpern nur 44 mögliche Reinfektionen beobachtet. Im Fall von Manaus "traten jedoch die meisten Primärinfektionen 7 bis 8 Monate vor der jetzigen zweiten Welle auf", schreiben die Wissenschaftler in "Lancet". Das sei also länger als der Zeitraum, der von der britischen Studie abgedeckt worden sei. Allerdings fand eine neuere Studie aus den USA heraus, dass sich das Immunsystem auch acht Monate nach einer Infektion mit Sars-CoV-2 bei den meisten Menschen noch an das Coronavirus erinnert. Somit halten es die Autoren in "Lancet" für unwahrscheinlich, dass allein eine abnehmende Immunität die zweite Welle in Manaus erkläre.

3. Neue Virusvariante beeinträchtigt Immunität

In Brasilien verbreitet sich aktuell P.1, eine der Coronavirus-Varianten, die Expertinnen und Experten Sorgen bereiten. P.1 hat mehrere Mutationen am sogenannten Spike-Protein - die Stelle, mit dem das Coronavirus an Zellen andockt und sich Zutritt verschafft. In Manaus wurde im Januar ein Fall nachgewiesen, bei dem sich eine 29-jährige Frau zweimal mit Sars-CoV-2 infiziert hat, beim zweiten Mal aber mit der neuen Variante P.1.

Zumindest aus Versuchen im Labor gebe es Hinweise, dass eine der Veränderungen von P.1 dazu führe, dass neutralisierende Antikörper nicht mehr so gut wirkten, schreiben die Forscher in "Lancet". Diese sorgen für die Immunität, indem sie verhindern, dass das Virus in Zellen eindringen und sich vermehren kann. Entgeht das mutierte Virus der durch frühere Infektionen gewonnenen Immunität, könnte dies auch Folgen für die Wirkung von Impfstoffen haben, heißt es weiter.

Immerhin vor der Virusvariante B.1.1.7 aus Großbritannien schützen laut Experten sowohl der Biontech- als auch der Moderna-Impfstoff. B.1.1.7 unterscheidet sich jedoch zumindest teilweise in ihren Mutationen von der brasilianischen Variante P.1. Aus diesem Grund müssen beide getrennt voneinander betrachtet werden.

4. Corona-Mutation ist deutlich ansteckender

Zudem könnte die Virusvariante, die sich derzeit in Manaus ausbreitet, deutlich ansteckender sein als das Ursprungsvirus, schreibt die Forschergruppe. Das hätte auch einen Einfluss auf die Herdenimmunität: Je infektiöser ein Virus ist, desto mehr Menschen müssen immun sein, damit es sich nicht mehr unkontrolliert verbreiten kann. "Bislang ist nur wenig über die Übertragbarkeit von P.1 bekannt", schreiben die Forscher in "Lancet". Die Variante teile aber mehrere voneinander unabhängig erworbene Mutationen mit B.1.1.7, die eine höhere Übertragbarkeit zu scheinen hat.

Außerdem weist eine erste Untersuchung aus Manaus darauf hin, dass P.1 die bis dahin zirkulierenden Varianten des Coronavirus verdrängt. Auch das würde dafür sprechen, dass sich die Virusvariante schneller verbreitet als andere zirkulierende Coronaviren. Die Untersuchung basiert allerdings noch auf sehr kleinen Stichproben: In der Zeit von März bis November wurde die Variante noch in keiner von 26 untersuchten Proben gefunden. Im Dezember hingegen wurden sie bereits in 13 von 31, also in 42 Prozent der untersuchten Proben nachgewiesen.

Der Appell der Wissenschaftler

In ihrem Resümee halten es die Forscher für durchaus möglich, dass eine Kombination aus allen vier Faktoren den erneuten heftigen Virus-Ausbruch in Manaus erklärt. Sie fordern daher genauere Untersuchungen in der Amazonas-Metropole und an anderen Orten der Welt, um zu verstehen, wie sich neue Virusvarianten verbreiten und welche Rolle Reinfektionen bei Ausbrüchen spielen.

"Eine schwindende Immunität ist wahrscheinlich eine Komponente. Das Gedächtnis des Immunsystems ist wie das wirkliche Gedächtnis", schreibt Michael Mina, Epidemiologe an der Harvard University, als Reaktion auf den "Lancet"-Beitrag auf Twitter. "Es muss mit Wiederholungen trainiert werden - ähnlich wie beim Üben für einen Test." Ein einziges Ereignis reiche wahrscheinlich nicht aus, um für lebenslange Immunität zu sorgen. Sorgen bereiteten ihm jedoch Mutanten, die dem Immunsystem entkommen könnten - insbesondere mit Blick auf Impfstoffe, schreibt Mina weiter. Auch er ist überzeugt: "Wir müssen jetzt handeln!" Und die Zahl der Neuinfektionen senken, damit sich solche Varianten nicht weiter ausbreiten könnten.

Quelle: ntv.de

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