Panorama

4 von über 10.000 Katholiken lassen Frauen an die Macht

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Bärbel Bloching war 20 Jahre Pastoralreferentin.

(Foto: dpa)

Frauen fühlen sich in der katholischen Kirche seit Jahrhunderten benachteiligt, das Priesteramt ist ihnen bis heute verwehrt. Zumindest auf lokaler Ebene haben sich die Machtverhältnisse hier und da aber schon gedreht.

Trotz des Missbrauchsskandals und einer heftig kritisierten Sexualmoral in der deutschen katholischen Kirche stehen Frauen mit Ambitionen in der Glaubensgemeinschaft noch immer auf weitgehend verlorenem Posten. Die Kräfte, die die Kirche als Club der alten Männer erhalten wollen, sind schlagkräftig und siegesbewusst - dem rasanten Mitgliederschwund und der großen Vertrauenskrise in der Bevölkerung setzen die Verfechter der alten Kirchen-Ordnung den Wert der Kontinuität und theologische Argumente entgegen. Forderungen nach einer Öffnung des Diakonenamts und erst recht nach einer Öffnung des Priesteramts für Frauen stoßen intern überwiegend auf Ablehnung.

So stehen Frauen in der Kirche bestenfalls in der zweiten oder dritten Reihe - mit ganz wenigen Ausnahmen auf lokaler Ebene: Nur in vier der 10.045 deutschen Katholiken-Pfarreien sind - entweder schon jetzt oder in Kürze - Frauen die alleinigen Chefs, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur in den 27 Diözesen ergab. So gesehen sind die 56-jährige Bärbel Bloching aus der Gemeinde Obersulm (Bistum Rottenburg-Stuttgart), Christine Hölscher aus der Pfarreiengemeinschaft Bad Iburg/Glane, Michaela Wachendorfer von der Insel Juist sowie Susanne Wübker von der Insel Langeoog (alle Bistum Osnabrück) echte Ausnahmeerscheinungen.

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Christine Hölscher tritt ihr Amt im Dezember an.

(Foto: dpa)

Bis auf die 52-jährige Hölscher, die ihren Job im Dezember antritt, fungieren sie alle schon jetzt als verantwortliche Leiterinnen ihrer Pfarreien, verantwortlich fürs Personal und die Finanzen. Nur in geistlicher Hinsicht muss sich das Quartett in Zurückhaltung üben: Die Seelsorge, die Spendung der Sakramente und die Feier der Kommunion - Höhepunkt eines Gottesdiensts - sind ausnahmslos männlichen Priestern vorbehalten.

Normalerweise wird auch der Job des katholischen Gemeindechefs an einen Geistlichen vergeben. Das Kirchenrecht erlaubt aber Ausnahmen bei Priestermangel - und der ist in großen Teilen Deutschlands aus Kirchensicht längst besorgniserregend. Aus dieser schlichten Not heraus werden die Jobs der Gemeindechefs auf lokaler Ebene teils an Nicht-Kleriker - im Kirchenjargon "Laien" genannt - vergeben. Das sind, wenn es soweit kommt, dann häufig Männer und selten Frauen. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart gibt es mehr als 1000 Kirchengemeinden - nur drei werden nach Bistumsangaben zurzeit von Laien geleitet, nur eine Pfarrei von einer Frau: Bärbel Bloching. "Meine Gemeinde ist sehr stolz auf dieses Modell", sagt die Mutter von drei erwachsenen Kindern, "in mehrheitlich katholischen Gebieten wäre das vielleicht noch anders."

Frau als das geringere Übel

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Bloching rettete ihre Gemeinde vor dem Zusammenschluss zu einer größeren Einheit.

(Foto: dpa)

Blochings Kirchengemeinde aber liegt im evangelisch geprägten Heilbronner Umland, Frauen als protestantische Pfarrerinnen gehören hier zum festen Bild. Vor ihrer Beförderung im Jahr 2018 arbeitete die Theologin in ihrer Gemeinde bereits mehr als 20 Jahre als Pastoralreferentin, also quasi in der zweiten Reihe auf Gemeindeebene. Als es in Obersulm an einem Pfarrer als neuem Gemeindechef fehlte, stand eine Fusion der ohnehin schon großen Kirchengemeinde mit Nachbarn zur Debatte.

Doch die Katholiken in Obersulm wollten lieber eine Frau an der Spitze, anstatt einer riesigen Seelsorgeeinheit anzugehören. Bloching sagt, der Stuttgarter Bischof Gebhard Fürst habe diesem Wunsch entsprochen - unter der Voraussetzung, dass ein Priester aus der Nachbarschaft als formaler Vorgesetzter der Gemeinde-Chefin fungiert.

Vorreiter im Ringen um eine kirchenintern stärkere Stellung von Frauen ist aber das Bistum Osnabrück. Bischof Franz-Josef Bode hat bereits drei Frauen zu Gemeindechefinnen ernannt. Die 62-jährige Michaela Wachendorfer und die 50-jährige Susanne Wübker sind seit August Pfarrbeauftragte ihrer Gemeinden, Hölscher tritt ihr neues Amt am 1. Dezember an. "Das ist eine Herausforderung. Ich bin dann die erste Frau, die eine größere Pfarreiengemeinschaft leitet", sagt Hölscher. "Ich glaube, in der katholischen Kirche sind wir an einem Punkt, wo sich viele Menschen wirklich wünschen, dass sich etwas verändert. Und wo auch viele sagen: Das ist noch nicht das, was wir uns eigentlich versprechen. Das ist nur eine kleine Zwischenstufe, aber möglicherweise eine nicht unwichtige."

Verzicht auf Fähigkeiten und Erfahrungen

Einige Bistümer gaben in der dpa-Umfrage an, manche ihrer Gemeinden würden von mehrköpfigen Teams - teils unter Beteiligung von Frauen - geleitet. Das Münchner Erzbistum teilte mit, man setze Frauen inzwischen in Leitungsteams von Pfarrgemeinden ein. Das Bistum Aachen äußerte, in gemeinschaftlichen Gemeindeleitungen seien insgesamt auch 16 Frauen tätig. Die überwiegende Mehrheit der Bistümer erklärte aber, die Gemeindeleitung sei bei ihnen weiter Sache von Pfarrern. Die katholische Reformbewegung "Wir sind Kirche" kritisiert den nach wie vor geringen Reformeifer vieler Diözesen. "Die Ausschließung der Frauen von kirchlichen Ämtern ist biblisch nicht begründbar. Auf den Reichtum an Fähigkeiten und Lebenserfahrungen von Frauen kann die Kirche nicht länger verzichten. Dies gilt auch für Leitungsämter", sagt "Wir sind Kirche"-Sprecher Christian Weisner.

Die Macht von Kirchengemeindechefs ist natürlich überschaubar. Ein Gemeindechef untersteht seinem Bischof - und ganz am Schluss kann in der katholischen Welt ohne Zustimmung des Papstes sowieso keine Änderung der bestehenden Kirchenordnung beschlossen werden. Ein DBK-Sprecher sagt daher angesprochen auf Forderungen nach Priesterweihen von Frauen, dies sei "nicht im nationalen Kontext, sondern im universalkirchlichen Kontext zu diskutieren". Tatsächlich hatte Rom die deutschen Bischöfe schon bei der Debatte um eine teilweise Zulassung protestantischer Ehepartner an der katholischen Kommunion im vergangenen Jahr ausgebremst. Die DBK hatte eine solche Reform beschlossen und wollte sie bundesweit anwenden - doch nach der Intervention des Vatikans steht inzwischen nur noch eine Ja-aber-Lösung: Jeder deutsche Bischof kann nun selber entscheiden, ob er die Reform ganz, in Teilen oder gar nicht umsetzt.

Angesichts des Missbrauchsskandals steht die katholische Kirche nun auch hierzulande unter weiterem Reformzwang. Inzwischen haben die Bischöfe einen Erneuerungsprozess angekündigt, in der die Frage nach einer Teilhabe der Frauen an kirchlichen Ämtern zunächst aber kein Thema sein sollte. Doch Proteste der Bewegung "Maria 2.0" und weitere Teile der katholischen Basis hatten Erfolg - das Thema kam mit Verspätung auf die offizielle Agenda. Hölscher sagt: "Ich hoffe darauf, dass auch Frauen einmal den Zugang zum Weiheamt bekommen."

Quelle: n-tv.de, Michael Brehme, dpa

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