Panorama

Karagiannidis: Lockdown denkbar Keine Betten, keine Beatmungsgeräte, kein Personal

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Die Anzahl der Intensivbetten für schwere Beatmungsfälle ist laut DIVI im Vergleich zum Vorjahr um ein Viertel gesunken.

(Foto: picture alliance / BARBARA GINDL / APA / picturedesk.com)

Die Zahl der Corona-Intensivpatienten steigt rasch an, es müssen bereits fast so viele wie vor einem Jahr versorgt werden. Die Lage ist jetzt aber noch dramatischer, weil es viel weniger freie Betten gibt, vor allem für die besonders schweren Fälle.

Die vierte Corona-Welle hat Deutschland mit voller Wucht erreicht, die 7-Tage-Inzidenzen erreichen täglich neue Höchststände. Trotz der Impfungen steigt fast ebenso schnell die Anzahl der Corona-Patienten auf deutschen Intensivstationen, heute gab es erstmals wieder mehr als 300 Neuaufnahmen. Besonders ernst sei die Situation in Sachsen, Thüringen und Bayern, sagt der Leiter des DIVI-Intensivregisters Christian Karagiannidis im NDR-Podcast "Corona-Update". Er fordert, schon jetzt die Patienten bundesweit zu verteilen, bevor die Lage in den kommenden Monaten noch dramatischer werde. Außerdem müsse endlich bei den Impfungen Gas gegeben werden.

"Verlauf von West nach Südost"

Karagiannidis

Intensivmediziner Christian Karagiannidis

(Foto: Kliniken Köln/Felix Schmitt)

Die drei von Karagiannidis genannten Bundesländer haben derzeit die mit Abstand höchsten Inzidenzen. Sachsen zählt 742 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, Thüringen und Bayern jeweils rund 570. Mehr als 41 Prozent der aktuell 3360 Intensivpatienten werden dort versorgt, 842 davon alleine in Bayern.

In Thüringen füllen 193 Corona-Fälle bereits rund 30 Prozent der betriebenen Intensivbetten, Sachsen kommt mit 361 Covid-19-Patienten auf einen Anteil von 26,5 Prozent, Bayern auf knapp 27 Prozent. Im Westen und Norden der Republik sind die Anteile wesentlich geringer. In Schleswig-Holstein machen die Corona-Patienten auf den Intensivstationen nur etwa 4 Prozent aus, selbst im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW liegt der Anteil noch unter 10 Prozent. Karagiannidis spricht von einem "deutlichen Verlauf von West nach Südost."

Sechs Bundesländer schon im kritischen Bereich

Entscheidend ist aber letztendlich, ob es noch ausreichend betreibbare Betten gibt. Und was das betrifft, haben Thüringen und Sachsen mit 10,3 beziehungsweise 12,4 Prozent den kritischen Bereich noch nicht erreicht, der bei 10 Prozent liegt. Bei grundsätzlich knappen Kapazitäten genügen auch schon weniger Covid-19-Patienten, um Probleme zu bekommen. So ist wie in Bayern (8,6) auch in Brandenburg (9,2), Baden-Württemberg (9,6) und Hessen (8,7) die Lage ernst, in Berlin und vor allem Bremen schrillen bei 7 beziehungsweise 2,2 Prozent freien Betten bereits die Alarmglocken.

Außer Rheinland-Pfalz (16,4), Mecklenburg-Vorpommern (16,5) und Schleswig-Holstein (18,8) sind aber auch die übrigen Bundesländer nicht mehr weit vom kritischen Bereich entfernt. 10 Prozent scheint auf den ersten Blick ein Wert zu sein, der noch genügend Luft lässt, bevor keine Patienten mehr aufgenommen werden können. Doch der Eindruck täuscht, vor allem wenn man auf die regionale Ebene blickt.

Nach der Erstversorgung beginnt die Suche

Eine durchschnittliche deutsche Intensivstation habe ungefähr zwölf Betten, erklärt Karagiannidis. Normalerweise versuche jede Station 10 Prozent der Betten freizuhalten, um Notfälle versorgen zu können. Bei zwölf Betten entspricht ein freies Bett bereits 8 Prozent. "Das heißt, wenn wir unter 10 Prozent rutschen, wird es schon schwierig", sagt der Intensivmediziner. "Wenn die Kliniken weniger als 5 Prozent freie Betten haben, lebt man quasi von der Hand im Mund und ist im Prinzip nicht mehr richtig handlungsfähig."

Dies bedeute aber nicht, dass eine Triage durchgeführt werde, so Karagiannidis, "das wäre eine Bankrotterklärung des deutschen Gesundheitswesens". Die Erstversorgung in der Notaufnahme sei bisher überall in Deutschland noch gesichert. Im Anschluss müsse man aber für die Patienten ein adäquates Intensivbett finden, sagt er. "Und dann geht das große Telefonieren los, und das zieht sich manchmal über Stunden hinweg, dass man versucht, irgendwo ein Bett zu finden."

Aus Grün kann ganz schnell Rot werden

Dabei darf man sich auch nicht von Landkreisen im grünen Bereich täuschen lassen, die noch 30 Prozent oder mehr freie Kapazitäten haben, wenn es sich dabei lediglich um fünf Betten handelt. Ein Ausbruch in einem Pflegeheim kann dort die Situation beispielsweise schlagartig ändern. Es gibt auch Landkreise wie Erlangen-Höchststadt, in dem ein freies Bett bei insgesamt vier Betten in der Statistik 25 Prozent freie Kapazitäten bedeutet.

Außerdem sind nicht alle Intensivstation gleich gut ausgestattet. Die kleineren Krankenhäuser sind nicht oder kaum für die schweren Fälle gerüstet. Das heißt, sie können beispielsweise nur Corona-Patienten versorgen, die Sauerstoffmasken, aber keine invasive Beatmung benötigen. Solche sogenannten Low-Care-Behandlungen können oft auch auf Normalstationen verlegt werden.

Für die schweren Fälle nur große Kliniken gerüstet

High-Care-Versorgung ist gewöhnlich nur in den großen Häusern, den Schwerpunkt- und Maximalversorgern zu haben. Dort ist auch im schlimmsten Fall eine ECMO möglich, eine Extrakorporale Membranoxygenisierung. Im Prinzip handelt es sich dabei um eine künstliche Lunge. Durch sie fließt das Blut des Patienten und wird mit Sauerstoff angereichert, weil seine eigene Lunge dies nicht mehr kann.

Obwohl sie jetzt besonders dringend benötigt werden, ist die Anzahl der High-Care-Betten seit Beginn der Pandemie deutlich gesunken. Vor einem Jahr hätten in Deutschland noch ungefähr 12.000 von ihnen zur Verfügung gestanden, sagt Karagiannidis, "im Moment würde ich die mit ungefähr 9000 beziffern."

Der Grund dafür ist vor allem ein eklatanter Personalmangel. "Wir haben enorm viel Pflegepersonal verloren im Laufe der Pandemie", so Karagiannidis. Die Belastung sei schon seit zehn Jahren oder länger extrem hoch. "Also das, was vorher schon nicht ganz gut war, hat sich dann noch mal deutlich verstärkt."

"Der Markt ist völlig leer"

Die Arbeitslast sei einfach so hoch gewesen, dass viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gekündigt hätten. Andere hätte ihre Arbeitszeit verkürzt, so der DIVI-Leiter. Er finde das auch gut und unterstütze, dass sie so ein besseres Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben bekämen. Die Kapazitäten würden durch die Teilzeit aber zusätzlich eingeschränkt und qualifizierter Ersatz sei am Arbeitsmarkt derzeit nicht zu finden. "Der Markt ist völlig leer."

Hinzu kommt, dass die Behandlung von Covid-19-Fällen oft besonders personalintensiv und ihre Verweildauer wesentlich länger als bei anderen Patienten ist. "Es gibt Erkrankungen, die brauchen eine intensive stationäre Behandlung manchmal für ein, zwei, drei Tage und dann verlassen die Patienten die Intensivstation wieder", erklärt Karagiannidis. "Und dann gibt es diese schweren Fälle wie Covid, wo die Patientin wirklich wochenlang liegen, wo man extrem viel mit den Patienten machen muss."

Wegen des großen Personalmangels ergibt es auch wenig Sinn, dass FDP-Vize Wolfgang Kubicki fordert, die Notfallreserve der Krankenhäuser "endlich zu aktivieren". Um diese Betten zu betreiben, fehlt ebenfalls Personal, das dafür von anderen Stationen abgezogen wird. Dadurch müssen noch mehr Operationen verschoben werden, als dies ohnehin schon durch den Mangel an Intensivbetten zunehmend der Fall ist. Außerdem haben die Pflegekräfte anderer Stationen selten die Qualifikation für High-Care. Sie können also nur assistieren oder im Low-Care-Bereich eingesetzt werden.

Betten viel knapper als vor einem Jahr

Auf den deutschen Intensivstationen sind regulär nur noch knapp 2370 betreibbare Betten frei, vor einem Jahr waren es rund 5800 bei ungefähr der gleichen Anzahl von Patienten. Auch die Notfallreserve wird bereits angegriffen. Vor einem Monat betrug sie noch etwa 10.500 Betten, inzwischen sind es schon 1000 weniger.

Angesichts der Entwicklung fordern Karagiannidis und andere Intensivmediziner, schon jetzt Covid-19-Patienten überregional zu verteilen, bevor der Druck zu stark wird. Dafür habe man das sogenannte Kleeblatt-Konzept erarbeitet, für das es jetzt Zeit sei, es zu aktivieren. Bayern und Nordrhein-Westfalen seien dabei ihre eigenen Kleeblätter, die anderen Bundesländer würden zusammengefasst.

Der Höhepunkt der vierten Welle ist noch nicht erreicht. Christian Karagiannidis ist deshalb einer der Unterzeichner eines Aufrufs führender deutscher Wissenschaftler an die Politik, ihrer Verantwortung endlich gerecht zu werden und mit einer klaren Kommunikation, einem bundesweiten Maßnahmenkatalog sowie einem nationalem Krisenstab der Pandemie entschieden entgegenzutreten. "Wir brauchen jetzt in irgendeiner Form eine Bremse, damit die Zahlen nicht ins Uferlose steigen", sagt der Intensivmediziner.

Höheres Impftempo statt Lockdown

Ein Lockdown ist für Christian Karagiannidis nur die "allerletzte Maßnahme eines Notschutzschalters", die es zu vermeiden gelte. Er fordert, bei den Impfungen endlich wieder richtig Fahrt aufzunehmen. Zum einen gehe es darum, die Lücke der Ungeimpften zu schließen. Zum anderen gelte es, die Booster-Impfungen zu forcieren. Zunächst müsse der Immunschutz bei den Älteren und den Risikopatienten aufgefrischt werden, dann beim Rest der Bevölkerung.

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Eine Million Auffrischimpfungen pro Tag wären nötig, um einen deutlichen Effekt zu erzielen, sagt Karagiannidis. "Davon sind wir im Moment weit entfernt." Eine Wirkung werde man zwar erst verzögert in ungefähr vier Wochen sehen, aber man müsse damit rechnen, dass die Welle erst im März oder April auslaufen werde. "Ich bin mittlerweile auch die ganzen Ausreden leid, dass man das nicht machen könne."

Nach wie vor seien etwa 90 Prozent der Patienten auf den Intensivstationen ungeimpft. Einige von ihnen hätten sogar gefälschte Impfausweise vorgezeigt, "was doppelt wehtut." Um Querdenker habe es sich aber nicht gehandelt. "Ich habe bei uns in Köln keinen einzigen überzeugten Impfgegner gesehen", sagt Karagiannidis. "Das waren normale Menschen, die sich einfach nicht aufgerafft haben zur Impfung oder die ein bisschen Vorbehalte hatten und das im Großen und Ganzen hinterher bereut haben."

Quelle: ntv.de

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