Panorama

94.000 Tote nicht hinnehmen Kekulé: "Das RKI hat an vielen Stellen versagt"

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Alexander Kekulé ist seit 1999 Inhaber des Lehrstuhls für Medizinische Mikrobiologie und Virologie der Martin-Luther-Universität in Halle an der Saale.

(Foto: imago images/Eventpress)

Viel zu spät und mit den falschen Akzenten hat das Robert-Koch-Institut nach Auffassung von Alexander Kekulé auf die Corona-Pandemie reagiert. Das habe Menschenleben gekostet, so der Virologe. Nur bei der Debatte um eine möglicherweise falsche Impfquote verteidigt Kekulé das RKI..

Der Hallenser Virologe Alexander Kekulé hat dem Robert-Koch-Institut schwere Versäumnisse während der Corona-Pandemie vorgeworfen. "Das RKI hat an vielen Stellen versagt" und eine "lange Liste an Leichen im Keller", sagte Kekulé im Gespräch mit ntv.de.

Der absolute Kardinalfehler, die "Ursünde der Pandemie" sei es gewesen, am Anfang zu erklären, dass das Coronavirus nicht so schlimm sei. Nicht mal so schlimm wie die gewöhnliche Grippe. Diese Aussage offenbare gleich ein doppeltes Versagen. "Denn erstens kamen die Anti-Corona-Maßnahmen deshalb viel zu spät. Und zweitens hat das dazu geführt, dass es heute noch Menschen gibt, die sagen, ich lass mich nicht impfen, das ist doch das Virus, von dem die gesagt haben, es ist nicht so schlimm. Dieser Fehler war unverzeihlich, weil er das schon damals bestehende Fachwissen und die bekannten Daten aus China ignorierte", erklärte der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle.

Leider hätten sich daran allerdings noch weitere Fehleinschätzungen angeschlossen. So habe das RKI Masken zunächst "als Keimschleudern abgetan". Schulschließungen, die bereits im März 2020 als "Corona-Ferien" im Raum standen, seien abgelehnt worden, ärgert sich der Virologe. "Schnelltests lehnte man ab, weil sie angeblich nur falsche Sicherheit brächten. Einreisekontrollen an den Flughäfen? Ebenfalls Fehlanzeige. Die Corona-Warn-App, die unter Federführung des RKI entwickelt wurde, ist völlig wirkungslos geblieben. Dann die Daten und falschen Prognosen zum Pandemieverlauf, das ist ein Trauerspiel", so Kekulé.

Für Deutschland seien diese Versäumnisse gravierend gewesen, so Kekulé weiter. Man könne nämlich nicht bilanzieren, dass die wissenschaftlichen Ratschläge alle gut gewesen seien, nur die Politiker hätten es falsch gemacht. Vielmehr sei es eher umgekehrt. "Die wissenschaftlichen Ratschläge, an die sich die Politiker lange Zeit gehalten haben, waren einfach schlecht."

"Das hat Menschenleben gekostet"

Daher, so Kekulé, müsse das Agieren von Politik und wissenschaftlicher Beratung während der Corona-Pandemie auch noch umfassend aufbereitet werden. Das RKI und die Wissenschaftler, die sich das RKI hinzugezogen hat, seien "zeitweise sogar einer Hybris verfallen". "Das hat am Ende Menschenleben gekostet. Wir sollten 94.000 Tote nicht einfach hinnehmen. Wir müssen die Fehler dringend parlamentarisch aufarbeiten."

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In der aktuellen Debatte um die Frage der Genauigkeit der Impfquoten und der Diskrepanz zwischen gemeldeten Impfdaten und den Ergebnissen der COVIMO-Umfrage schlägt sich Kekulé dagegen auf die Seite des RKI. "Das sind völlig absurde Vorwürfe an das Robert-Koch-Institut. Denen jetzt vorzuwerfen, dass sie die Impfquote nicht genau kennen." Natürlich könne die Übermittlung der Impfdaten nicht absolut vollständig sein. Insbesondere bei Hausärzten und Betriebsärzten gebe es da wohl Defizite. "Wenn Sie sich an die Autobahn stellen und bei jedem roten Auto einen Strich machen, dann sind auf Ihrer Liste definitiv weniger Striche, als rote Autos vorbeigefahren sind", so der Mikrobiologe.

Auf der anderen Seite stehe eine Telefonumfrage, die nur rund 1000 Menschen umfasse, die "obendrein alle gut Deutsch sprechen" mussten. Da komme man natürlich zu anderen Werten. "Also deswegen jetzt den Galgen für Herrn Lothar Wieler bauen zu wollen, nachdem man ihm vorher alles durchgehen hat lassen, das ist ziemlich überzogen."

Quelle: ntv.de, tar

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