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Karge Kollekte zu Weihnachten? Kirchen erwarten Millionenausfälle

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Wegen der Corona-Beschränkungen dürften die diesjährigen Kollekten schmal ausfallen - für soziale Projekte eine Katastrophe.

(Foto: picture alliance/dpa)

Im Weihnachtsgottesdienst zeigen sich viele Menschen besonders großzügig, wenn der Klingelbeutel herumgereicht wird. Normalerweise kommen mehrere Millionen zusammen. Doch dieses Jahr macht Corona der Kirche einen Strich durch die Rechnung. Für Bedürftige kann das fatale Folgen haben.

Der Opa legt große Scheine in den Klingelbeutel, die Enkel haben ihr Taschengeld gesammelt und lassen die Münzen rollen: An Weihnachten gibt es eine über die Jahrzehnte gewachsene Spendentradition, die berührend ist. Das katholische Hilfswerk Adveniat und das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt sammeln traditionell Millionen an Bargeld. Wegen der Corona-Beschränkungen dürften die diesjährigen Kollekten aber schmal ausfallen.

Bei Adveniat flossen in den katholischen Weihnachtsgottesdiensten vor einem Jahr knapp 23,4 Millionen Euro in die Kollekte, was der mit Abstand größte Einnahmeposten war und knapp die Hälfte der 48,6 Millionen Euro Gesamterträge des Hilfswerks. Bei Brot für die Welt kam etwa die Hälfte der 2019 durch Spenden und Kollekten eingenommenen 64,4 Millionen Euro an Weihnachten zusammen.

In den traditionell vollen Weihnachtsgottesdiensten legten die Gläubigen damit im vergangenen Jahr in Deutschland gute 50 Millionen Euro in die Klingelbeutel. Weil viele Weihnachtsgottesdienste wegen der Kontaktbeschränkungen entweder nur einen Teil der üblichen Besucherzahlen haben oder ganz ausfallen, dürfte dies deutlich weniger werden in diesem Jahr.

"Mit einem Einbruch im zweistelligen Millionenbereich" rechnet Adveniat, wie Carolin Kronenburg, Sprecherin des katholischen Hilfswerks, sagt. Die Präsidentin von Brot für die Welt, Cornelia Füllkrug-Weitzel, sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", dieses Jahr würden "deutlich weniger Menschen einen Gottesdienst besuchen - und so müssen wir davon ausgehen, dass die Kollekten deutlich geringer ausfallen werden".

Kirchen rufen zu Online-Spende auf

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bayerns Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, riefen vor einigen Tagen bereits gemeinsam zu neuen Spendenformen auf. "Weil die Kollekten nicht wie üblich stattfinden können, bitten wir Sie in ökumenischer Verbundenheit, unter www.weihnachtskollekten.de Ihre großzügige Spende zu geben", erklärte Bätzing.

Ob das funktioniert, müssen die beiden großen Kirchen abwarten - Erfahrungswerte gibt es nicht. Neben der Internetseite gibt es verschiedene Onlinevarianten für Spenden, außerdem werden die traditionellen Spendentüten in großem Stil verteilt.

Spenden zu Weihnachten sind dabei keine Folklore, sondern haben konkrete Auswirkungen. Beide Hilfswerke unterstützen eine Vielzahl an Projekten, für welche die Projektträger Geld beantragen können. 2019 etwa bewilligte Brot für die Welt 693 neue Projekte mit einem Volumen von rund 265 Millionen Euro weltweit. Adveniat unterstützte 2019 in Lateinamerika und in der Karibik 1931 Projekte mit 35,4 Millionen Euro. Kronenburg sagt, wenn weniger Spenden eingingen, habe das für Adveniat unmittelbare Folgen für die Bewilligung von Projekten. "Wir haben keinen doppelten Boden, mit dem wir das ausgleichen können."

"Dramatische Folgen für die Menschen in Lateinamerika"

Das Coronavirus betreffe die Menschen in Lateinamerika außerdem besonders stark. Ein Großteil lebe von der Hand in den Mund, viele hätten keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung - die Menschen könnten zum Schutz vor Corona auch nicht einfach zu Hause bleiben, weil sie verhungerten, wenn sie nicht arbeiteten. "Wenn jetzt unsere Spenden so stark einbrechen, hat das dramatische Folgen für die Menschen in Lateinamerika."

Auch Brot-für-die-Welt-Sprecherin Renate Vacker verweist darauf, dass das Coronavirus die Notlagen vieler Menschen in den Zielländern der Hilfen vergrößert habe. Viele hätten auch ihre Jobs verloren, weil keine Touristen mehr kommen könnten. Ersatzleistungen wie in Deutschland das Kurzarbeitergeld gebe es nicht.

Nach Weihnachten werden die Hilfswerke Bilanz ziehen. Neben den Sorgen gibt es aber auch einen Hoffnungsschimmer: Im Jahresverlauf sei die Spendenbereitschaft der Deutschen äußerst hoch geblieben, berichten beide Hilfswerke.

Quelle: ntv.de, Ralf Isermann, AFP