Panorama

Wegen Corona Mehr Ruhe und Rückbesinnung auf alte Werte

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Wer noch Brettspiele hat, holt sie jetzt heraus.

(Foto: picture alliance/dpa)

Auch wenn man die Situation nicht romantisieren will: Viele versuchen, der Corona-Krise etwas Positives abzugewinnen. Bei manchen führt sie sogar zur Rückbesinnung auf klassische Werte wie Familienzusammenhalt und Nächstenliebe.

Einer der vielen witzigen Sprüche, die derzeit in den sozialen Netzwerken geteilt werden, geht so: "Bin gerade einige Tage zu Hause bei der Familie. Ich muss sagen: Das sind eigentlich ganz nette Leute." In humorigen Aussagen wie diesen steckt ein wahrer Kern: Viele Familien sehen sich derzeit viel mehr als normalerweise üblich - nicht immer geht das reibungslos.

Manche empfinden die erzwungene Nähe aber durchaus als Gewinn. So geht es Claudia Penners. Die 36-Jährige lebt mit ihrem Partner und ihrer zweijährigen Tochter in Berlin. Die Lehramtsstudentin verbringt aufgrund der Corona-Krise viel mehr Zeit mit ihrem Kind und versucht, diese sinnvoll zu füllen. "Wir basteln und spielen viel, meine Tochter freut sich, dass wir zu Hause sind. Ich koche und backe, habe schon für Ostern dekoriert und bekomme langsam eine Vorstellung davon, wie das sein muss, Hausfrau zu sein", sagt sie.

Normalerweise ist ihr Alltag zwischen Mutterrolle, Studium und Haushalt eher zu voll, sie fühlt sich oft, als würde sie kaum Zeit haben, mal durchzuatmen. Für Penners ist das Leben durch die Corona-Krise etwas ruhiger geworden, trotz Kita-Kind, das nun zu Hause betreut werden muss. "Ich glaube, viele besinnen sich in dieser Zeit auf ganz klassische Werte wie Familienzusammenhalt und Dankbarkeit und schätzen es, etwas zur Ruhe zu kommen und zumindest teilweise aus dem Hamsterrad auszubrechen", sagt sie. "Für mich gehört dazu, mir noch mehr dessen bewusst zu werden, wie wichtig Gesundheit ist und deswegen auch Rücksicht auf meine Mutter zu nehmen. Sie ist schon über 60 und zählt somit zur Risikogruppe. Auch wenn sie mir sonst viel mit der Kinderbetreuung geholfen hat, verzichte ich gerade darauf, um sie bestmöglich zu schützen."

Eine Krise, die es so noch nie gab

Der Psychotherapeut und Buchautor Wolfgang Krüger, Jahrgang 1948, arbeitet seit 37 Jahren als Therapeut und es gibt wohl kaum eine menschliche Krisensituation, die ihm in dieser Zeit nicht begegnet wäre. Doch die Ausbreitung des Coronavirus und die damit einhergehende Ausnahmesituation ist auch für ihn ein Novum. "Wir befinden uns derzeit in einer weltweiten Krise von einem Ausmaß, das für alle Generationen komplett neu ist. Denn bei anderen Krisen - Kriegen beispielsweise - gab es immer die Möglichkeit, aktiv etwas zu tun, sich ihnen zum Beispiel durch Flucht zu entziehen. Nun sind Millionen Menschen quasi zu Hause eingesperrt. So etwas gab es noch nie", sagt Krüger.

Das könne man am ehesten mit den Wintern im Mittelalter vergleichen, wo sich das Leben über Monate nur im eigenen Heim abspielte. "Damals blieben die Menschen in ihren Häusern, lasen sich Märchen vor, musizierten, erzählten Geschichten." Die vielen Bastelanleitungen, die gegenwärtig auf Blogs geteilt werden, zelebrieren ebenfalls eine Häuslichkeit, die an alte Zeiten erinnert. Mit Kindern gibt es eben ganz schön viel Zeit zu füllen in diesem Shutdown.

Andere Eltern machen sich darüber lustig und setzen eher auf die Macht des Fernsehens. Doch auch Erwachsene müssen bespaßt werden und viele der normalen Optionen fallen zur Zeit weg. "Gegenwärtig lernen wir alle, wie es ist, mit weniger Anregungen, aber auch Ablenkungen zu leben. Bars, Restaurantbesuche, Kinoabende, Konzerte - diese Zerstreuungen fallen weg und wir müssen lernen, auch ohne diese gut mit uns selbst auszukommen und auf kleinerem Raum kreativ zu sein."

Besinnung auf alte christliche Werte

Könnte der Mangel an Ablenkungen und der Rückzug in das eigene Heim gesamtgesellschaftlich zu dem führen, was Mütter wie Claudia Penners beschreiben - einem gesteigerten Bewusstsein für Familienzusammenhalt etwa? Wird diese Phase von weniger Konsum und Stress zu einer Rückbesinnung und einer Renaissance alter Werte führen? "Es ist zu früh, das zu sagen, aber es ist gut möglich. Denn wir verbringen jetzt natürlich viel mehr Zeit mit unserer Familie. Das alte Generationen-Abkommen - ich helfe dir und verbringe Zeit mit dir, auch wenn ich dich nicht mag - haben wir in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr aufgekündigt. Freundschaften und das Streben nach persönlichem Glück haben die Rolle der Familienbande ersetzt. Jetzt besinnt man sich wieder mehr auf die, die einem am nächsten stehen, schon alleine wegen der Einschränkungen. Vielleicht wirkt das auch nach der Krise nach", sagt Krüger.

Positiv überrascht ist der Psychologe davon, wie die Gesellschaft damit umgeht, dass vieles derzeit nicht möglich ist. "Wir als Gesellschaft rücken tatsächlich zusammen und es gibt zur Zeit weit weniger Panik, als zu erwarten wäre. Die allermeisten halten sich ohne viel Murren an die Maßnahmen." Auch Werte wie Barmherzigkeit und Nächstenliebe leiten derzeit das Handeln von vielen Menschen, sagt Krüger. "In diesen Zeiten der Not sind wir solidarisch. Es gibt unzählige Initiativen, die sich um Kranke, Einsame und Bedürftige kümmern", sagt er.

Selbst in Großstädten wie Berlin und Hamburg, wo das Leben sonst eher von Anonymität geprägt ist, besinnt man sich auf die Schwächeren, hängt Zettel mit dem Angebot, älteren Nachbarn beim Einkaufen zu helfen, auf oder vernetzt sich auf Portalen zur Nachbarschaftshilfe. Vielerorts entstehen auch Gabenzäune, an denen Menschen Lebensmittel und Hygieneartikel für Obdachlose befestigen. Zeichen der Menschlichkeit, die uns helfen könnten, gut durch diese Krise zu kommen. Denn Krüger ist sich sicher: Es wird dazu einen langen Atem brauchen: "Die erste Phase wird meiner Meinung nach zwei Monate dauern, aber bis wirklich so etwas wie Normalität einkehrt, gehe ich von ein bis zwei Jahren aus."

Quelle: ntv.de