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Die Schränke der Deutschen sind voll
Die Schränke der Deutschen sind voll(Foto: imago/Westend61)
Montag, 08. Mai 2017

"Das Kleiderschrank-Projekt": Mehr Stil, weniger Konsum

Von Solveig Bach

Der Schrank ist voll, trotzdem fühlt man sich mit der eigenen Kleidung nicht wohl. Also auf zur nächsten Shopping-Tour, nach der es nur leider nicht besser wird. Da hilft nur eine Radikalkur, von der Stil, Umwelt und Geldbörse gleichermaßen profitieren.

Volle Schränke und trotzdem nichts anzuziehen, das ist ein Problem, das entgegen den gängigen Klischees nicht nur Frauen kennen. 2016 kauften die Deutschen Kleidung für über 62 Milliarden Euro. Eine Million Tonnen Kleidung wanderten zur gleichen Zeit in die Altkleidersammlung. Der Umweltschutzorganisation Greenpeace zufolge betrachten viele Kleidung inzwischen als Wegwerfware.

Diese Erfahrung hat auch Fashionbloggerin Anuschka Rees schon vor einigen Jahren während ihres Studiums in London gemacht. "Ich habe Sozialpsychologie studiert und dabei ziemlich viel darüber gelernt, wie Menschen Entscheidungen treffen und auch wie einfach es ist, diese Entscheidungen zu beeinflussen", erinnert sie sich im Gespräch mit n-tv.de. "Dabei ist mir aufgefallen, wie sehr die Läden mit all ihren Aktionen und ihrem Aufbau darauf ausgelegt sind, dass wir nicht unbedingt Dinge kaufen, die wir Jahre tragen. Sondern dass wir Dinge sehr spontan kaufen und dann aber auch schnell wieder loswerden wollen."

Obwohl Rees mit ihrem Studentenbudget nicht unbedingt üppig ausgestattet war, machte sie genau das mit. Dazu kam das Gefühl, zwar sehr viel Zeit mit Klamotten zu verbringen, dabei aber irgendwie unzufrieden zu bleiben. Rees begann, sich mit ihrer Kleidung stärker auseinanderzusetzen.

Ungenutzer Überfluss

Jede erwachsene Person zwischen 18 und 69 Jahren in Deutschland besitzt im Durchschnitt 95 Kleidungsstücke. Unterwäsche und Socken bleiben außen vor. Jedes fünfte Kleidungsstück liegt jedoch so gut wie immer im Schrank, denn 80 Prozent der Zeit tragen Menschen 20 Prozent der Teile.

So war es auch bei Rees. Deshalb verordnete sie sich in einem ersten Schritt eine Art Uniform. Fast zwei Jahre lang trug sie jeden Tag "Kleid, Strumpfhose, Lederjacke und Ankle Boots. Davon hatte ich dann mehrere Varianten und die habe ich kombiniert." Über ihre Erfahrungen schrieb sie dann auf ihrem Blog. "Vor 4, 5 Jahren war das nicht so ein Thema wie jetzt. Von Capsule Wardrobe hat da noch keiner geschrieben."

Das hat sich inzwischen geändert: Minimalismus ist auch bei Kleidung längst ein Thema. Rees hat ihre Erfahrungen kürzlich in einem Buch zusammengefasst. "Das Kleiderschrank-Projekt" soll die Leser systematisch zum eigenen Stil und zu bewussterem Modekonsum führen. Aber wie findet man das, was man kaufen oder behalten sollte? Und wie findet man heraus, womit man sich jeden Tag gut angezogen fühlt?

Woran erkennt man Qualität?

2007 zogen die Deutschen ein Kleidungsstück noch drei Jahre lang an, 2017 wird es schon nach einem Jahr ausrangiert, zeigt eine Studie des Fachverbands Textilrecycling. Kaum jemand lasse noch Kleidung ausbessern. Greenpeace zufolge trägt jeder Achte seine Schuhe weniger als ein Jahr lang. Mehr als die Hälfte der 18- bis 29-Jährigen war noch nie beim Schuster.

Wer jedoch seinen Kleidungskonsum hinterfragt, kommt Rees zufolge nicht umhin, sich mit Qualitätskriterien und dem eigenen Stil auseinanderzusetzen. "Wenn man weniger kauft, ist es wichtig, dass die Dinge, die man kauft, auch zum eigenen Stil passen. Dass sie eine gute Qualität haben, sich gut anfühlen, eine gute Passform haben." Das Beste ist nicht immer das Teuerste oder umgekehrt. Wie sind die Nähte, wie ist die Stoffqualität, sitzt das Kleidungsstück gut und passen die Pflegeanforderungen zu den eigenen Routinen? Wer das für sich beantworten kann, wird seltener Opfer von Fehlkäufen.

Seit sie bewusster einkauft, hat sich im Kleiderschrank von Rees einiges getan. "Er ist kleiner, aber individueller und auch hochwertiger", sagt die Fashionbloggerin. Sie jage nicht mehr jedem Trend hinterher, den andere Modeblogs verkünden. "Ich trage viel mehr Farben, auch Farben, die nicht für meinen Farbtyp empfohlen sind. Das ist ja auch so eine Regel, die Modemagazine gern aufstellen." Und der sie sich nun widersetzt.

Rees' Ideen setzt man nicht an einem Tag um. "Wenn man alles machen will, und vielen macht das auch Spaß, dann dauert es schon zwei, drei Wochenenden", sagt sie über den Prozess, den eigenen Kleiderschrank zu gestalten. "Ein bisschen Zeitaufwand bedeutet das schon. Sich gut anzuziehen ist im Grunde eine Fähigkeit, die man sich auch erarbeiten muss. Das lernt man nicht von heute auf morgen."

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Quelle: n-tv.de

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