Panorama

Maja Göpel zum "Cleanup Day" "Nicht von Verbotsrhetorik kirre machen lassen"

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2020 beteiligten sich rund 11 Millionen Menschen an den Müllsammelaktionen am "World Cleanup Day".

(Foto: picture alliance / Xinhua News Agency)

Mit Müllsammelaktionen am "World Cleanup Day" wollen Millionen Menschen ein Zeichen für eine plastikmüllfreie Umwelt setzen. Die Politökonomin Maja Göpel erklärt, was Klimaschutz-Bewegungen wie diese bewirken können - und wo ihre Grenzen liegen.

Der "World Cleanup Day" ist ein Beispiel dafür, wie aus vielen Einzelaktionen eine große Bewegung wird. Frau Göpel, Sie beschäftigen sich seit Langem mit diesen Bewegungen - wie viel Einfluss hat eine solche Bewegung am Ende, auch langfristig?

Maja Göpel: Der erste Schritt ist, viele kleine Aktivitäten zu einer Bewegung zu verbinden. Das macht dann bereits deutlich, was sich die Gesellschaft wünscht. Der zweite und wichtige Schritt ist, diesen Wunsch an die Politik heranzutragen. Wir müssen verhindern, dass die Probleme - wie eben der Müll auf den Straßen und das Plastik im Meer - überhaupt erst dort landen. Das Ziel der Bewegung ist es demnach, sich überflüssig zu machen.

Wie schafft man den Sprung dahin, von der Politik wahr- und ernst genommen zu werden?

Maja Göpel ist Politökonomin, Nachhaltigkeitswissenschaftlerin, Autorin und Professorin an der Leuphana Universität Lüneburg.

Maja Göpel ist Politökonomin, Nachhaltigkeitswissenschaftlerin, Autorin und Professorin an der Leuphana Universität Lüneburg.

(Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress)

Da spielt die Vernetzung eine zentrale Rolle. Das haben wir auch gemerkt in der bisherigen Arbeitsteilung. Die Wissenschaft hat Änderungsmaßnahmen vorgestellt, die es braucht, um die Klimaziele zu erreichen. Richtig Druck ist allerdings erst dahintergekommen, als Menschen auf die Straße gegangen sind und sich die Bewegung Fridays for Future stark gemacht hat. Umgekehrt wurde es deutlich, als den jungen Menschen vorgeworfen wurde, sie wüssten nicht, wovon sie reden und sie sollten erst einmal zur Schule gehen. Da hat Scientists for Future ihnen den Rücken gestärkt und gesagt: Die Forderungen sind berechtigt. Sie sind unbequem und das liegt daran, dass wir lange nichts gemacht haben. Nun sehen wir einen dritten, sehr wichtigen Akteur: die Wirtschaft. Sie verlangt von der Politik, die Rahmenbedingungen zu ändern, um dann Lösungen bringen zu können. Unterschiedliche Akteure hinter einer Problematik zu verbinden, ist im Endeffekt das, was politische Veränderung bringen kann.

Ein interessanter vierter Akteur sind auch die Gerichte. Es hat das Bundesverfassungsgericht gebraucht, um die Politik dazu zu bringen, das Klimaschutzgesetz noch einmal zu überarbeiten. Warum muss es so weit kommen?

Die Frage ist unheimlich spannend. Wenn Gerichte einschreiten, heißt das, dass politische Entscheidungen vorher nicht ernst genommen wurden. Es gibt ein starkes Lobbymandat derjenigen, die die Veränderungen vielleicht nicht so schnell wollen. Wir sehen zum Beispiel Reaktionen aus der Wirtschaft. Einige würden Klagen gegen Unternehmen in Zukunft gerne verhindern. Allerdings wäre das die Abschaffung des rechtlichen Rahmens für die Umsetzung von Politik. Und das will ja eigentlich auch niemand. Bei Forderungen wie jenen nach mehr Klimaschutz, die kurzfristig sehr viele Änderungen mit sich bringen, begegnen wir strukturellen Blockaden - selbst, wenn sie sich mittelfristig unheimlich positiv auszahlen. Die gilt es zu thematisieren. Deshalb arbeite ich als Politökonomin mit Macht und Interessen an Analysekategorien.

Der Klimawandel spaltet sowohl Arm und Reich als auch Jung und Alt. Warum ist es so schwierig, einen Konsens bei diesem Thema zu finden?

Dass man dem Klimawandel etwas entgegenstemmen muss, halten generell erst einmal 80 Prozent der Menschen für richtig. Dann kommt allerdings die Frage der Verteilung. Wer muss sich wie stark verändern? Wo ist das Schuldnarrativ? Es ist gegenüber der jungen Generation vielleicht auch nicht so hilfreich zu sagen, dass wir es zu einem früheren Zeitpunkt nicht besser gewusst haben, ohne nun schnell zu agieren. Ich bin dafür, dass wir uns nicht von einer Verbots- und Verzichtsrhetorik kirre machen lassen. Es geht einfach darum, die Regeln des Spiels neu auszurichten, sodass alle Spieler ihren Beitrag leisten, um der Lösung näherzukommen. Gerechtigkeit ist dabei zentral. Differenzierte Verantwortung bei gemeinsamer Zielsetzung - das ist ein Prinzip der sozialen Marktwirtschaft und gehört zu den internationalen Kooperationsprinzipien.

Sehen Sie denn die Verantwortung eher bei jedem und jeder Einzelnen, die sich dann zum Beispiel in solchen Bewegungen zusammenschließen sollten? Oder muss das aus der Politik und aus der Wirtschaft kommen - sozusagen von oben nach unten?

Ich würde immer das Zusammenspiel von oben und unten sehen, denn wir leben ja zum Glück in einer Demokratie. Das heißt wir haben eine Politik, die eine Legitimierung braucht, um Veränderungen herbeizuführen, aber auch auf einer Verfassung beruht. Das "bottleneck", also das, woran es im Moment hakt, ist meiner Meinung nach der politische Rahmen: Er wirkt gegen Nachhaltigkeit. Deshalb braucht es diesen Druck aus der Gesellschaft und auch die Aufklärung, warum Dinge nicht so schnell umgesetzt werden, wie wir es wollen. Wenn es nur die Einzelnen richten sollen, entsteht Verunsicherung - kommen wir mit meinen Veränderungen überhaupt schnell genug dahin, wo wir eigentlich hinmüssten? Alle warten so ein wenig darauf, dass andere mitziehen. Schuldzuweisungen wachsen. Und deshalb brauchen wir auch verbindliche Regeln. Konsumenten und Konsumentinnen können Akzente setzen, aber die großen Spielregeln werden in der Politik und Wirtschaft gemacht.

Warum ist es so schwierig, Klimaschutz als Priorität anzuerkennen? Bei Corona ging das schließlich auch.

Die Unterscheidung zwischen Corona und dem Klimaschutz hat etwas mit der strukturellen Kurzfristigkeit zu tun. In der Pandemie waren der Zeitraum und die Örtlichkeit zusammengeschrumpft. Beim Klimawandel haben wir lange gedacht, der kommt in der Zukunft. Erst langsam kommt es in unserem Bewusstsein an, dass er schon da ist. In der Pandemie war es so, dass die Verantwortlichen etwas erklärt haben und schon kurz darauf hat sich gezeigt, was es gebracht hat. Beim Klimawandel haben wir hingegen lange und oft zeitversetzte Effekte. Auch die Örtlichkeit ist in der Pandemie sehr geschrumpft. Die globale Orientierung wich schnell einer nationalen und regionalen. Das ist für mich der Unterschied: Was ist der zeitliche und geografische Raum, für den ich Verantwortung übernehme? Klein und kurzfristig ist einfacher als groß und in der Zukunft.

Sie haben selbst zwei junge Töchter. Wie erklären sie denen, dass Klimaschutz nicht immer Priorität hat?

Mit meinen Töchtern versuche ich, sehr explorativ daranzugehen. Wenn meine Kinder "Blue Planet" von David Attenborough sehen, wird das Problem von Plastik viel eindrücklicher. Die Aufregung ist sehr emotional, wenn sie sehen, dass ein Delphinbaby stirbt, weil es eine Plastikflasche im Bauch hat. In Brandenburg konnte man auch schon sehen, wie Bäume gestorben und Seen zurückgegangen sind. Es ist etwas Exploratives, wo ich dann immer den Kontext mitgebe. Wenn sie mich fragen, warum ich kein Fleisch esse, erkläre ich ihnen meine Beweggründe, ohne ihnen zu verbieten, Fleisch zu essen. Mir ist es wichtig, dass sie sich selbst orientieren.

Zurück zum Thema Plastik. Da gibt es ja schon ganz viele tolle Alternativen. Warum fällt es so schwer, sich umzustellen und dann auch diese Alternativen zu nutzen?

Ich glaube, diese Umstellung hat sehr mit einem vollen Alltag zu tun. Die ganze "To-Go-Orientierung" hat ja auch mit der Bequemlichkeit zu tun. Wie bekomme ich die Veränderung überhaupt in meinen hochaktiven Lifestyle? Wenn ich immer eine Dose mithabe, in die ich Essen tun kann und eine Flasche für Trinken und dann noch einen Fahrradhelm, schleppe ich meinen halben Haushalt mit rum. Das funktioniert natürlich nicht immer. Die Frage muss also sein: Wie können wir Mehrweg zum einfachen Standard machen, aber auch die Abläufe insgesamt wieder entschleunigen? Dabei müssen wir uns natürlich auch fragen, ob Bequemlichkeit nun das Narrativ der Stunde sein sollte.

Mit Maja Göpel sprach Clara Pfeffer

Quelle: ntv.de

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