Panorama

Kliniken voll, Null-Covid vorbei Omikron zwingt Hongkong in "Kampfmodus"

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Die Hongkonger Krankenhäuser sind zu 90 Prozent ausgelastet.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Die Omikron-Variante überfordert Hongkong und dessen "Null-Covid-Strategie". Die Impfquote ist nicht besonders hoch, die Krankenhäuser voll. China beobachtet die Situation aufmerksam.

Für eine Omikron-Welle sind es ungewöhnliche Bilder, die es vergangene Woche aus Hongkong gab: Sie zeigen Covid-Patienten, die vor einer Klinik unter freiem Himmel liegen und auf ihre Versorgung warten. Seit Wochen breitet sich in der chinesischen Sonderverwaltungszone die Omikron-Variante aus - und zeigt der "Null-Covid-Strategie" ihre Grenzen auf. Der Chefsekretär der Hongkonger Regierung, John Lee, sagt, die Stadt befinde sich inzwischen im "vollständigen Kampfmodus". In China wächst derweil die Sorge, dass die Infektionswelle überschwappt.

Die Infektionsdynamik in Hongkong nimmt eine rasante Entwicklung. Die Sieben-Tage-Inzidenz erreicht neue Höchstwerte. Aktuell liegt sie bei 531. Täglich werden rund 5700 Neuinfektionen gemeldet. "Die Infektionszahlen haben sich in den vergangenen Wochen etwa alle zwei bis drei Tage verdoppelt", sagte Ben Cowling von der Universität Hongkong dem britischen "Telegraph". Der Epidemiologe erwartet, dass die Welle ihren Höhepunkt spätestens Mitte März erreichen werde. Gesundheitsexperten der Universität Hongkong rechneten vor, dass es ohne strikte Maßnahmen bis zu 183.000 tägliche Infektionen geben wird.

Die steigende Zahl der Infizierten wird zunehmend auch zum Problem für die Krankenhäuser. Diese seien bereits zu 90 Prozent ausgelastet, hieß es vergangene Woche in einem Covid-Briefing. Nicht alle von ihnen müssen intensivmedizinisch betreut werden, viele landen auf der Normalstation. "In den vergangenen Tagen hatten wir viele Notfälle, bei denen wir Patienten in Zelten unterbringen mussten", räumt Chuang Shuk-kwan, Chefin der Hongkonger Behörde für Infektionskrankheiten, ein. Mittlerweile konnte für diese Patienten auch Platz geschaffen werden.

Eine zu große Impflücke

Dabei kam Hongkong bisher vergleichsweise gut durch die Pandemie. Bislang meldete die Stadt mit 7,5 Millionen Einwohnenden seit dem ersten Corona-Ausbruch rund 300 Covid-Tote. Die "dynamische Null-Covid-Strategie" wurde der Regierung von Peking aufgedrückt. Sie sieht vor, dass Corona-Ausbrüche besonders hart verfolgt werden. Das bedeutet lokale Lockdowns, Massentestungen und Kontaktverfolgung per App. Zudem sind die Grenzen praktisch geschlossen, alle Einreisenden müssen zunächst in Quarantäne.

Eine weitere dieser "Null-Covid"-Maßnahmen ist, dass theoretisch jede infizierte Person für 14 Tage in einem Quarantäne-Hotel oder Krankenhaus isoliert werden sollte. Diese Regel wurde bereits aufgeweicht, milde und asymptomatische Fälle dürfen sich nach einer Woche zu Hause isolieren. Die Forschenden der Universität Hongkong haben errechnet, dass auf dem Höhepunkt der Welle rund 600.000 Infizierte isoliert werden müssten. Aktuell arbeitet die Regierung daran, die Kapazitäten der Quarantäne-Hotels auszubauen. Im Moment reichen sie nicht aus. Mit Pekings Hilfe sollen weitere Quarantäne-Zentren und Krankenhäuser aufgebaut werden.

Die düsteren Prognosen der Forschenden zeigen, dass "Null-Covid" in einer der am dichtesten besiedelten Städte der Welt viele Probleme aufwirft. Regierungschefin Carrie Lam sprach bereits davon, dass die fünfte Welle über die Kapazitäten der Stadt hinausgewachsen sei. "Omikron ist so leicht übertragbar, dass Hongkong die Ausbreitung zwar verlangsamen, aber nicht unterbrechen kann", so Forscher Cowling im "Telegraph". "Wir haben das im vergangenen Jahr in vielen anderen Ländern gesehen. Die meisten haben inzwischen akzeptiert, dass sie das Coronavirus nicht aussperren können - besonders nicht Omikron."

China schaltet sich ein

Dass Hongkong bisher vergleichsweise gut durch die Corona-Pandemie gekommen ist, entpuppt sich mit der ansteckenderen Variante zusätzlich als Problem. Denn die Immunität gegen das Virus ist in der Bevölkerung nicht besonders hoch. Zum einen gibt es wegen der "Null-Covid"-Strategie nur wenige Genesene. Zum anderen ist da eine große Impflücke: Weniger als zwei Drittel der Gesamtbevölkerung sind grundimmunisiert. Besonders die Älteren bereiten den Hongkonger Behörden Sorgen. Weniger als 30 Prozent der über 80-Jährigen haben sich bisher zweimal impfen lassen. Noch niedriger ist die Booster-Quote unter den Hochbetagten. "Sogar eine kleine Zahl von ungeimpften Senioren kann zu einer hohen Zahl an Hospitalisierungen führen", warnte Dale Fisher, Arzt an der Universitätsklinik in Singapur, im "Telegraph".

Denn die Impfkampagne in Hongkong verlief nicht sonderlich erfolgreich. Weil die Fallzahlen in den vergangenen zwei Jahren nicht besonders hoch waren, war auch der Druck nicht besonders hoch, sich impfen zu lassen. Zudem ist das verwendete Vakzin ein Problem. Wie der "Spiegel" berichtet, gilt der chinesische Impfstoff Sinovac in der Sonderverwaltungszone als umstritten. Die Hongkongerinnen und Hongkonger beäugten das meiste, was aus Peking kommt, kritisch. Das gelte auch für das Vakzin. Zudem ist überhaupt nicht klar, wie wirksam der chinesische Impfstoff gegen Omikron ist. Studien legen nahe, dass er im Schutz gegen die Corona-Variante versage und Geimpfte keine neutralisierenden Antikörper entwickelten.

Warum all das für Hongkong ein Problem werden könnte, zeigt ein Blick auf die Todeszahlen. Denn von den 46 Verstorbenen, die seit Beginn der fünften Welle gemeldet wurden, seien 40 nicht geimpft gewesen, sagte Chuang Shuk-kwan. Momentan werden täglich im Durchschnitt vier Todesfälle gemeldet. Erst vor zwei Wochen wurde der erste Corona-Tote seit fast einem halben Jahr registriert. Am vergangenen Samstag waren es bereits 36. In der Prognose der Hongkonger Gesundheitsexperten könnte die Zahl der Covid-Toten bis Ende Mai auf insgesamt 3000 steigen.

Kein städteweiter Lockdown geplant

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Wie das verhindert werden soll, kann Hongkongs Regierungschefin Lam jedoch nicht alleine entscheiden. Auch bei der Pandemiepolitik hat Peking Mitspracherecht. Deshalb beobachtet Chinas Staatschef Xi Jinping die Situation aufmerksam. Am Freitag hatte Lam mitgeteilt, dass Xi angewiesen habe, die "Kontrolle der Epidemie zu unserer obersten Priorität zu machen". Unter Beobachtenden gelten die Äußerungen Xis als Zurechtweisung der Hongkonger Behörden. Zudem fürchteten benachbarte chinesische Metropolen wie Zhuhai, Huizhou und Taishan illegale Grenzgänger aus Hongkong, die Omikron einschleppen könnten.

Bisher hat Regierungschefin Lam einen städteweiten Lockdown für ganz Hongkong ausgeschlossen. Stattdessen sollen sich im März alle 7,5 Millionen Hongkongerinnen und Hongkonger insgesamt dreimal auf das Coronavirus testen lassen. Auch sollen die Sommerferien vorgezogen werden, womit sämtliche Schulen von Anfang März bis zum 18. April geschlossen blieben. Zudem wurde ein Impfnachweis eingeführt: Von Donnerstag an müssen alle Menschen in Hongkong, die älter als zwölf sind, nachweisen, dass sie mindestens einmal geimpft sind, wenn sie etwa den Supermarkt, Restaurant oder Friseursalon betreten wollen. Das soll die Impfkampagne ankurbeln und die Omikron-Welle aufhalten.

Quelle: ntv.de

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