Panorama

Brand auf "Norman Atlantic" Passagier: "Habe vier Leichen gesehen"

Mittlerweile haben die Hubschrauber mehr als 300 Menschen von der Fähre "Norman Atlantic" gerettet. Doch noch immer warten viele auf Rettung aus der Luft. Ein Zeuge berichtet nun, er habe mehrere Leichen an Bord gesehen.

Gut einen Tag nach dem Ausbruch eines Feuers an Bord einer Adria-Fähre harren noch immer 149 Menschen auf dem Schiff aus. Die Rettungskräfte waren zwar durchgängig im Einsatz, doch Dunkelheit und dichter Rauch machten ihnen zu schaffen. Mittlerweile sind mehr als 300 Leute von der "Norman Atlantic" gerettet worden. Der Marine zufolge wurden inzwischen Ärzte an Bord gebracht. An Bord waren zum Unglückszeitpunkt auch 18 Deutsche.

Einer der Geretteten spricht von Toten auf der Unglücksfähre. "Ich habe vier tote Personen gesehen, mit meinen eigenen Augen, ich bin sicher. Sie waren vor mir", zitierte die Agentur Ansa einen türkischen Passagier. Offiziell ist bisher von einem Todesopfer die Rede. Bisher wurden bis zu 70 Menschen in Krankenhäusern in den süditalienischen Städten Lecce, Brindisi und Bari behandelt, wie Ansa meldete. Am schwersten sei die Verletzung bei einem Mann, der auch Atemwegsprobleme habe. 

An der Havariestelle sind mehrere Hubschrauber im Einsatz. Sie bergen Passagiere und ziehen Menschen aus dem Wasser. Auch zahlreiche andere Schiffe sind inzwischen an der Unglücksstelle. Zudem sind Marine-Verbände vor Ort. Die Menschen werden mit Hubschraubern gerettet, nach Medienangaben etwa 20 pro Stunde. Wind, schlechtes Wetter und Rauch behindern die Rettung. 

Containerschiff nimmt Passagiere auf

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Verletzte werden ins italienische Brindisi gebracht.

(Foto: AP)

Zwei gerettete Frauen, eine davon schwanger, und drei Kinder kamen in ein Krankenhaus in der süditalienischen Region Apulien. Die Kinder seien halbnackt im Wasser gewesen und litten an Unterkühlung, es gehe ihnen allen aber den Umständen entsprechend gut, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa. Nach offiziellen Angaben starb ein Grieche beim Sprung von Bord.

Ein Containerschiff mit 49 Geretteten der Unglücksfähre "Norman Atlantic" ist im Hafen von Bari eingelaufen. Das italienische Fernsehen zeigte am Morgen Bilder von dem Frachter "Spirit of Piraeus", der zur Hamburger Rickmers-Gruppe gehört. Im Hafen bereiteten sich die Rettungskräfte auf einen Großeinsatz vor, Krankenhäuser der süditalienischen Stadt waren in Alarmbereitschaft.

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Blick aus dem Rettungshubschrauber auf die "Norman Atlantic" - die Passagiere tragen Rettungswesten und werden einzeln in den Helikopter hochgezogen.

(Foto: AP)

Das Stabilisieren der Autofähre sei noch nicht richtig gelungen, hieß es von offizieller Seite. Inzwischen meldete die Chartergesellschaft Anek, dass die Lage auf der Fähre unter Kontrolle gebracht worden sei. Nach offiziellen Angaben könnte es jedoch weitere Glutnester im Inneren des Schiffes geben, und es qualme weiter. Das italienische Marine-Schiff "San Giorgio" übernahm am Sonntagabend die Einsatzleitung. Wohin die Fähre geschleppt wird, war noch nicht ganz klar - möglicherweise ins süditalienische Brindisi. Der erste Abschleppversuch scheiterte an einem gerissenen Tau, wie die Nachrichtenagentur Ansa meldete.

Warum sich so wenige Passagiere mit Rettungsbooten in Sicherheit bringen konnten, erklärt ADAC-Nautikexperte Jens-Peter Hoffmann bei n-tv: "Das Schiff hat zwei Rettungsboote, die sind an den Seiten angebracht uns müssen dann außenbords gebracht werden, ins Wasser", sagte er. Das sei jedoch sehr schwierig. "Außerdem hat das Schiff natürlich Rettungsinseln, aber die müssen auch ins Wasser." Bei dem vorherrschenden stürmischen Wind sei es "ziemlich ausgeschlossen", dass dies funktioniere.

Welche Rolle spielten Sicherheitsmängel?

Über die Ursache des Brandes auf dem Schiff wurde weiter spekuliert. Möglicherweise waren Laster überladen. Lkw-Fahrer berichteten in griechischen Medien, dass einige Fahrzeuge Olivenöl geladen hätten und dass das Fahrzeugdeck überladen gewesen sei. Ein Funke könne da schnell einen Brand auslösen.

Auf dem Schiff der griechischen Anek Lines waren nach Medieninformationen erst vor wenigen Tagen Mängel festgestellt worden. So seien bei einer Inspektion am 19. Dezember unter anderem unzureichende Rettungsmittel, undichte Sicherheitstüren und der Zustand der Notbeleuchtung moniert worden. Der Reederei wurde laut griechischen Medien eine Frist eingeräumt, die Mängel zu beheben. Diese Frist war noch nicht verstrichen.

Der Eigner der "Norman Atlantic", die Visentini-Gruppe, bestätigte die Inspektion. "Die Tests ergaben, dass das Schiff voll funktionstüchtig war", sagte deren Chef Carlo Visentini. Bei der Inspektion sei eine "leichte Fehlfunktion" der Brandschutztür aufgefallen. Diese sei unmittelbar danach behoben worden. Das sei "zur Zufriedenheit der Inspektoren" erfolgt, deshalb habe das Schiff in vollem Umfang seine Einsätze absolvieren können, fügte Visentini hinzu.

Der Schiffsbauingenieur Giorgos Margetis sagte dem griechischen Sender Skai, die Schäden könnten aber nicht gravierend gewesen sein - andernfalls wäre die "Norman Atlantic" am Auslaufen gehindert worden.

Hotline für Angehörige

Laut Griechenlands Schifffahrtsminister Miltiadis Varvitsiotis ist es "eine der kompliziertesten Rettungsaktionen, die wir jemals hatten". Winde mit Geschwindigkeiten von 88 Kilometern pro Stunde und das Feuer an Bord machen die Arbeit extrem schwierig. Auf der Internetseite "Vesselfinder" lässt sich der Standort des Schiffes verfolgen.

Neben den 18 Deutschen an Bord handelt es sich bei den Passagieren um 234 Griechen sowie Türken, Albaner, Italiener, Niederländer, Belgier und Angehörige anderer Nationen. Die deutschen Botschaften in Rom, Athen und Tirana sind eingeschaltet. Überdies wurde eine Hotline (030/50002000) eingerichtet, über die sich Angehörige möglicher Passagiere informieren können.

"Die Leute sind verzweifelt"

Passagiere meldeten sich bereits kurz nach Ausbruch des Feuers via Handy und schilderten im Radio ihre Notlage. "Niemand kann etwas machen", sagte am Sonntagmorgen ein Mann dem griechischen Radiosender Skai. Weitere griechische Medien berichteten, Rettungsboote seien abgetrieben worden, bevor Menschen hätten einsteigen können. "Die Leute sind verzweifelt und schreien", sagte ein weiterer Zeuge im Fernsehen.

Das Feuer breitete sich schnell über das Schiff aus, Augenzeugen schilderten im griechischen Rundfunk die Hitze und die Verzweiflung an Bord. "Der Boden brannte, als wir zum Rettungsboot gingen", sagte Athina, die gerettet wurde, im Sender Skai.

Quelle: n-tv.de, vpe/tar/wne/dsi/dpa/rts/AFP

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