Panorama

Was könnte geschehen sein? Rebecca Reusch und die "Urangst" von Eltern

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Rebeccas Mutter hofft noch immer auf ein Wiedersehen.

(Foto: RTL/Steven Raunheimer)

Am 19. Februar 2019 kommt die damals 15-jährige Rebecca Reusch nicht zur Schule. Seitdem ist sie verschwunden. Damit wird für ihre Familie die "Urangst" Realität, dass dem eigenen Kind etwas passiert.

Im kommenden Februar sind es drei Jahre, dass Rebecca Reusch verschwunden ist und noch immer gibt es keine Spur von ihr. Die damals 15-Jährige kommt nach einer Übernachtung im Haus ihrer Schwester und ihres Schwagers nicht in der Schule an. Seitdem ist sie einfach weg.

Trotz aufwendiger Ermittlungen und Suchmaßnahmen tappen die Ermittler bei ihrer Spurensuche noch immer weitgehend im Dunkeln. "Sämtliche Hinweise sind im Sand verlaufen", sagt der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, in der neuen RTL+ Dokumentation "Rebecca, was geschah mit unserer Tochter?". 2019, im Jahr ihres Verschwindens, war Rebecca Reusch bei Google der hierzulande am meisten gesuchte Begriff. Längst ist der Fall über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt. Der Anwalt der Familie Reusch, Khubaib Ali Mohammed, hat dafür eine einfache Erklärung. Rebecca habe bis zu ihrem Verschwinden ein völlig normales Leben wie unzählige andere junge Mädchen geführt. Und dann sei die "Urangst einer Mutter", die Angst, dem eigenen Kind könnte was passieren, eingetreten.

Was geschehen ist, ist bis heute völlig unklar. Noch immer ist der Mann der Schwester, bei der sich das Mädchen vor dem Verschwinden aufhielt, der einzige Verdächtige. Florian R. war unmittelbar nach dem Verschwinden von Rebecca ins Visier der Ermittler geraten, weil eine ganze Reihe von Indizien gegen ihn sprachen. Er war vermutlich der Letzte, der zusammen mit Rebecca im Haus war, nachdem die Schwester Jessica das gemeinsame Kind zum Kindergarten gebracht hatte. Bei einer Befragung gibt er an, nach einer Party am frühen Morgen nach Hause gekommen und dann gleich schlafen gegangen zu sein. Später zeigt eine Auswertung des Internetrouters der Familie, dass er zunächst noch Pornos geschaut hatte.

Auch in einer anderen Frage verwickelt sich Florian R. in Widersprüche. Sein Auto wird zweimal vom automatischen Kennzeichen-Erfassungssystem (KESY) auf der A12 erfasst - einmal am Tag von Rebeccas Verschwinden, einmal am Tag danach. R. hatte für beide Zeiten angegeben, zu Hause gewesen zu sein. Bis heute schweigt der Mann darüber, warum er dort unterwegs war. Im Kofferraum des Twingos, den ausschließlich R. nutzt, werden Fasern einer lilafarbenen Decke gefunden, die mit Rebecca verschwand, und ein menschliches Haar, das später als das eines Mannes identifiziert wird. Florian R.s Anwältin spricht in einem Schreiben an RTL von einer "Treibjagd" auf ihren Mandanten.

Zusammenhalt in der Familie

Die Familie seiner Frau hält unverbrüchlich zu ihm. Vivian Reusch sagt über ihren Schwager, dass er nicht nur der Mann ihrer Schwester sei, sondern auch ein Freund. "Er hat wirklich ein gutes Herz. Man kann mit ihm über alles reden. Und er ist auch ein sehr lustiger Mensch." Auch Rebeccas Mutter Brigitte lässt nichts auf den Schwiegersohn kommen: "Für Becci war das dann ihr großer Bruder. Und das war wunderschön. Auch so herzlich. Ein tolles Verhältnis."

Fall Rebecca

Haben Sie sachdienliche Hinweise? Dann melden Sie sich bitte unter Rebecca.Hinweise@gmail.com oder info@kanzlei-ram.de.

Der Profiler Mark T. Hofmann kann diese Haltung von Rebeccas Familie gut nachvollziehen. "Jemanden für schuldig zu halten in einem Tötungsdelikt, bedeutet gleichzeitig, den Tod der eigenen Tochter einzugestehen. Und ich kann jede Mutter, jeden Vater und jede Familie gut verstehen, die sagt, wir schließen erst mit dem Leben unserer Tochter ab, wenn jemand uns eine Leiche präsentiert." Doch das ist bisher nicht geschehen. Obwohl die Berliner Ermittler unzähligen Hinweisen nachgegangen sind und mit mehreren Hundertschaften, Tauchern und Mantrailer-Hunden auch die Wälder und Seen nahe der A12 absuchte, wurde Rebecca bisher weder lebend noch tot gefunden.

Bis heute wehrt sich die Familie Reusch gegen die unerbittliche Einschätzung der Ermittler, dass sie davon ausgehen, dass Rebecca Opfer eines Tötungsverbrechens geworden ist. Brigitte Reusch sagt in der RTL+ Dokumentation: "Ich möchte es verbieten, dass sie sagen, sie suchen nach einer Leiche."

Andere Tatszenarien

Doch was könnte dann geschehen sein? Möglich wäre beispielsweise ein Suizid. Rebecca war ein Teenager, wurde ihren Eltern zufolge auch immer wieder in der Schule gemobbt. Die Pubertät mit ihren Herausforderungen, vielleicht eine unglückliche Liebe könnten dazu geführt haben. Dagegen spricht, dass die 15-Jährige ihren Liebeskummer vermutlich mit ihren Schwestern geteilt hätte. Außerdem ist die Familie sicher, dass sich das Mädchen in der Vergangenheit mit solchen Problemen nicht verschlossen hatte. Nicht zuletzt ist da die Tatsache, dass keine Leiche gefunden wurde.

Eine andere Möglichkeit wäre ein "Untertauchen". Seit dem 19. Februar 2019 ist Rebeccas Handy nicht mehr zu erreichen, sie war auf keinem ihrer Social-Media-Kanäle mehr aktiv, sie hat keinen Ausweis, keinen Pass, keine weitere Kleidung als die, die sie an jenem Tag trug. Sie hat auch kein Geld abgehoben. Das ist sicher nicht unmöglich, aber Profiler Hofmann meint, dass Rebecca schließlich ein Teenager und kein Geheimdienstprofi war, und schließt die Version des Untertauchens damit aus.

Hilfe bei Cybergrooming

An diese Hilfsangebote können sich Eltern oder Kinder wenden:

N.I.N.A. e. V., Hilfetelefon sexueller Missbrauch: 0800 / 22 555 30 – Beratung von Betroffenen und Helfenden
Nummer gegen Kummer Kinder- und Jugendtelefon: 116 111
Nummer gegen Kummer Elterntelefon: 0800 / 110 550
Weißer Ring: Opfertelefon 116 006 – Beratung online, telefonisch und vor Ort
Jugend.support: Infos und Beratungsstellen
Juuuport: Beratungsangebot von jungen Menschen für junge Menschen über Online-Formular und Whatsapp
Jugendnotmail: Onlineberatung in Krisensituationen
Hilfeportal sexueller Missbrauch: Onlinesuche nach Beratungsstellen in der Nähe

Damit bleibt noch die Vermutung, ein unbekannter Täter könnte Rebecca verschleppt haben. Immerhin muss der Sprecher der Staatsanwaltschaft Steltner einräumen, dass die Spurenlage im Haus der Schwester nicht auf ein Tötungsdelikt dort hinweist. Also hat Rebecca dieses Haus vielleicht doch lebend verlassen? Die 15-Jährige hing ständig am Handy, war leidenschaftlicher Fan der südkoreanischen Boyband BTS. In den weltumspannenden Chatgruppen rund um die Gruppe könnte sie Opfer von Cybergrooming geworden sein. Dabei bauen die Täter ein Vertrauensverhältnis mit ihren jungen Opfern auf, oft indem sie vorspiegeln, sie seien ebenfalls in diesem Alter. Irgendwann streben sie ein persönliches Treffen an, bei dem es dann beispielsweise zu sexuellen Handlungen kommt. Am Tag ihres Verschwindens trug Rebecca ein BTS-Shirt, ein Mitglied der Band hatte Geburtstag und aus diesem Anlass fotografieren sich Fans gern vor lilafarbenem Hintergrund. Könnte das auch das Verschwinden der Decke erklären? Wieder bleiben nur Mutmaßungen.

Nach jedem menschlichen Ermessen ist es nach beinahe drei Jahren unwahrscheinlich, dass Rebecca noch lebt und vielleicht festgehalten wird. Aber das war es im Fall Natascha Kampusch auch, die als Zehnjährige auf dem Schulweg verschleppt wurde und der acht Jahre später die Flucht vor ihrem Peiniger gelang. Oder im Fall Josef Fritzl, der seine Tochter Elisabeth 14 Jahre in einem Kellerverlies gefangen hielt und immer wieder missbrauchte, bis der Fall schließlich wegen der medizinischen Behandlung eines der dabei gezeugten Kinder ans Licht kam.

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Die Familie von Rebecca Reusch ist durch dunkle Stunden gegangen. Noch immer gibt es keine Spur von der vermissten Tochter. Mutter, Vater und Schwestern wurden im Internet angefeindet und am Telefon terrorisiert. Brigitte Reusch hat die Hoffnung trotzdem noch nicht aufgegeben, ihre Tochter Rebecca wiederzusehen. "Die Hoffnung stirbt zuletzt. Das ist unser Lebensmotto. Und ja, wir hoffen, wir hoffen und wir hoffen." Der Anwalt der Familie, Mohammed, wundert sich, wenn andere Menschen das kritisch sehen. "Wirft man ihnen vor, dass sie nicht aufgeben?" Er vermutet, dass jeder andere in dieser Lage genau das Gleiche machen würde.

RTL zeigt heute Abend (2.12) das große Spezial "Rebecca - Was geschah mit unserer Tochter - Das Interview". Um 20:15 Uhr trifft Nazan Eckes die Familie. Die dreiteilige Serie: "Rebecca - Was geschah mit unserer Tochter?" jetzt auf RTL+

Quelle: ntv.de

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