Panorama

Sorge bei Krebserkrankungen Rückgang bei Klinik-Behandlung von Kindern

fb4d5a084e49f956dd285f5ca19f0a42.jpg

Kinder- und Jugendärzte beobachten mehr schwere und komplizierte Krankheitsverläufe.

(Foto: dpa)

Die Bekämpfung der Corona-Pandemie hat gerade in vielen Arztpraxen und Krankenhäusern Priorität. Bei Kindern und Jugendlichen fallen dadurch zahlreiche Krankenhausbehandlungen aus, warnt die DAK. Auch für Krebspatienten ist die Versorgungslage angespannt.

Der coronabedingte Lockdown im Frühjahr hat zu einem massiven Rückgang der Krankenhausbehandlungen von Kindern und Jugendlichen geführt. Im März und April sei im Vergleich zum Vorjahr fast jede zweite Operation (45 Prozent) ausgefallen, teilte die Krankenkasse DAK-Gesundheit in Hamburg mit. Die Zahlen beziehen sich auf junge DAK-Versicherte in ganz Deutschland.

Insgesamt seien die Krankenhaus-Fälle um 41 Prozent zurückgegangen, erklärte die Kasse unter Hinweis auf eine Sonderanalyse der Universität Bielefeld. Die Hochschule hatte im Auftrag der DAK-Gesundheit die anonymisierten Klinikdaten von mehr als 750 000 bei der DAK versicherten Kindern und Jugendlichen im Alter von null bis 17 Jahren untersucht und die ersten Halbjahre 2019 und 2020 verglichen.

Im Frühjahrs-Lockdown seien in den Kliniken viele nicht dringende stationäre und ambulante Behandlungen drastisch oder vollständig eingestellt worden, erklärte der Direktor des Bielefelder Universitätsklinikums für Kinder- und Jugendmedizin, Prof. Eckard Hamelmann. "Aus Angst vor Ansteckung wurden aber auch viele notwendige Untersuchungen nicht oder sehr spät durch die Eltern und Sorgeberechtigten veranlasst." Dies habe dazu geführt, dass vermehrt schwere und komplizierte Verläufe bei chronischen Erkrankungen oder auch bösartigen Neuerkrankungen aufgetreten seien.

DAK-Vorstandschef Andreas Storm sagte: "Es darf nicht sein, dass notwendige Behandlungen aus Angst vor Ansteckungen verschoben werden." Die Kinder- und Jugendgesundheit spiele in der Corona-Diskussion eine zu geringe Rolle. Dem Präsidenten des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach, bereiteten vor allem die Rückgänge der Behandlungszahlen bei Asthma (minus 47 Prozent) und bestimmten psychischen beziehungsweise sozialen Störungen (minus 35 Prozent) Sorgen. Weil es wegen der Kontaktbeschränkungen zu weniger Ansteckungen gekommen sei, seien beispielsweise 64 Prozent weniger Fälle mit virusbedingten Darminfektionen behandelt worden. Bei Mittelohr- und Kehlkopfentzündungen betrug der Rückgang den Angaben zufolge jeweils 44 Prozent. Auch Bänderverletzungen (minus 40 Prozent) und Gelenkschädigungen (minus 34 Prozent) seien deutlich zurückgegangen. Bei ernsthaften Diagnosen wie Krebserkrankungen habe es jedoch keinen Rückgang gegeben.

Onkologische Eingriffe zurückgefahren

Experten warnen trotzdem davor, Krebskranke zu vernachlässigen. "Immer mehr onkologische Eingriffe werden verschoben, diagnostische Untersuchungen und Nachsorge teilweise stark zurückgefahren", kritisierte die Corona Task Force von Deutscher Krebshilfe, Deutschem Krebsforschungszentrum (DKFZ) und Deutscher Krebsgesellschaft (DKG).

Bereits zu Beginn der Corona-Pandemie hatten die Fachgesellschaften eine Task Force eingerichtet, um die Versorgungssituation von Krebspatienten zu beobachten. Der Zusammenschluss hatte schon im Frühjahr ein "angespanntes Versorgungssystem" festgestellt. DKFZ-Chef Michael Baumann sagte in Heidelberg, bei einer weiteren Verschärfung der Lage an den Kliniken könne eine Versorgung aller schwerkranken Menschen nicht mehr gewährleistet werden. "Dazu zählen insbesondere die 1400 Patienten, die Tag für Tag neu an Krebs erkranken."

Nach Ansicht von DKG-Chef Gerd Nettekoven ist die Situation an den Kliniken wesentlich angespannter als während der ersten akuten Phase der Pandemie. Schon in der ersten Welle hatten von der Task Force befragte onkologische Spitzenzentren zu über 90 Prozent Veränderungen wegen der Pandemie gemeldet. Diese betrafen Nachsorge, Psychoonkologie/Ernährungs- und Bewegungstherapien sowie soziale Beratung. In diesen Bereichen konnte ein Teil über Telefon oder in Videokonferenzen aufgefangen werden, hieß es.

Quelle: ntv.de, sba/dpa