Panorama

Klinikchef dringt auf Lockdown "Vergeht kein Tag ohne Covid-19-Tote"

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Am Essener Uniklinikum gibt es ein Covid-19-Zentrum.

(Foto: imago images/Ralph Lueger)

Am Universitätsklinikum Essen starb der erste Patient in Deutschland an Covid-19. Seit Monaten werden hier schwerstkranke Covid-Patienten versorgt. Das Pflegepersonal ist erschöpft, die Totenzahl steigt jeden Tag, deshalb hält Klinikchef Werner einen harten Lockdown für alternativlos.

ntv.de: Wie hat sich bei Ihnen die Zahl der Covid-19-Patienten entwickelt?

Jochen Werner: Seit Beginn der Pandemie setzen wir uns an der Universitätsmedizin Essen ganz besonders mit Covid-19 auseinander. Zum einen hatten wir den ersten Covid-19 assoziierten Todesfall in Deutschland und waren damit direkt in der heutigen Realität angekommen, zum anderen arbeiten unsere Virologen seit vielen Jahren mit den Infektiologen in Wuhan, China, zusammen, dem mutmaßlichen Startpunkt des mittlerweile weltweiten Infektionsgeschehens. Nach der sogenannten ersten Welle verständigten wir uns im Sommer mit den anderen Essener Krankenhäusern darauf, dass wir die stationären Covid-Patienten primär in der Universitätsmedizin Essen zentralisieren. Dafür haben wir ein Covid-19-Zentrum aufgebaut. Wir waren nie covidfrei. Die wenigsten Covid-Patienten hatten wir Anfang Juli, da waren es vier. Und dann gingen die Zahlen langsam hoch, Ende August waren wir bei 20. Über den September blieb die Zahl stabil, aber im Oktober gab es einen deutlichen Anstieg auf etwa 75 Patienten. Das setzte sich im November fort und jetzt sind wir seit einigen Wochen bei über 100, meist bei 120 bis 130 Patienten.

Wie viele dieser Patienten müssen intensivmedizinisch versorgt werden?

Zwischen 35 und 40 werden intensivmedizinisch behandelt. So ist der Zustand.

Haben Sie jeden Tag Covid-19-Tote?

Ja, seit Mitte November hatten wir lediglich an drei einzelnen Tagen keine Verstorbenen. Aber dann waren es oft am nächsten Tag zwei oder drei. Insgesamt haben wir inzwischen etwa 140 Verstorbene. Es vergeht kein Tag, an dem nicht ein bis zwei unserer Patienten im Zusammenhang mit oder an Covid-19 sterben.

In sozialen Medien beschreiben Pflegepersonen immer wieder Patienten, die die Krankheit nicht überleben. Darunter sind auch durchaus 40-jährige, gut trainierte Männer, die innerhalb weniger Tage sterben. Wie ist das bei Ihnen?

Wie die Infektionszahlen stiegen auch die an oder mit Covid-19 Verstorbenen, deren Durchschnittsalter bei 73 Jahren liegt. Im Sommer hatten wir das Gefühl, dass das ein bisschen runtergeht. Der jüngste bei uns verstorbene Patient war 26, der älteste 100 Jahre alt. Wir haben auch immer wieder Patienten in den 40ern oder 50ern, bei denen wir ganz schwere Verläufe sehen. Aber in der Gesamtheit sind es weit überwiegend die älteren Patientinnen und Patienten, die sterben.

Im Frühjahr gab es große Engpässe an medizinischem Material, wie sieht es jetzt aus?

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Jochen Werner ist Ärztlicher Direktor der Universitätsmedizin Essen.

(Foto: Universitätsmedizin Essen)

Von den Schutzmaterialien sind wir jetzt gut aufgestellt, bei den Testverfahren gibt es immer wieder Engpässe. Die Testungen werden ja von Maschinen gemacht, die nicht nur für die Sars-CoV-2-Testung da sind, sondern auch für andere Virustestungen. Das ist alles ein zusätzliches Geschehen zum umfassenden Routinebetrieb und da müssen wir sehen, dass uns nicht die Materialien ausgehen. Die Zulieferer haben zwischendurch Engpässe, sie liefern ja auch so viel wie sonst nicht.

Man hat den Eindruck, das Pflegepersonal ist nach mehreren Monaten müde und ausgelaugt. Wie beobachten Sie das bei Ihrer Belegschaft?

Ich sehe das auch so, das ist definitiv der Fall. Wir hatten das Frühjahr, als die Pflegenden und Ärztinnen und Ärzte extrem engagiert auf die Situation reagiert haben. Dann hat der Sommer ein bisschen Entlastung gebracht. Nach diesem kurzen Luftholen kam dann die Herbstsituation. Der Anstieg im Herbst war klar, die Geschwindigkeit der Zunahme im Oktober war eher unerwartet. Seitdem sind Pflegekräfte und Ärztinnen und Ärzte in den entsprechenden Bereichen wieder voll im Einsatz. In den nächsten zwei, drei Wochen wird sich das auch nicht ändern. Das ist ja das Problem, dass man über Monate kein Ende sieht. Selbst mit dem Teillockdown wurde es nicht ruhiger. Sondern es blieb auf einem hohen Niveau und jetzt sehen wir, dass es sogar schon wieder mehr wird. Und es ist ja nicht nur die Arbeit.

Wenn sie nach Hause kommen, haben sie nicht die frühere Entlastung bei ihren Kindern und Familien. Sie nehmen die Belastung mit. Man weiß, man darf sich nicht infizieren. Wenn man in Quarantäne kommt, denkt man an die Kolleginnen und Kollegen, die dann noch mehr Arbeit haben. Das kann man nicht einfach beiseite tun. Das ist eine Belastung, die man von außen kaum wahrnimmt. Es ist eine Ausnahmesituation. Wir sprechen seit vielen Jahren über den Pflegenotstand. Jetzt droht es zu eskalieren. Wir müssen alles daran setzen, dass die Pflegenden gegen Ende der Pandemie nicht sagen: Das war‘s, das mache ich nicht noch mal mit. Deshalb müssen wir diese Belastungen extrem ernst nehmen und auch weiterdenken. Es ist tief beeindruckend zu erleben, wie sehr die Pflegekräfte ihren Beruf lieben, aber wie gesagt, Zwischensprints im Marathon sind kein Dauerzustand, so wächst die Gefahr, dass man vor Erreichen des Zieles aussteigt. Wenn ich hier über Pflege spreche, will ich betonen, dass ich das große Engagement der Ärzteschaft nicht im geringsten minder wertschätze. Meine Ausführungen beziehen sich maßgeblich auf die Rahmenbedingungen für die Berufsgruppen.

Inzwischen werden die Stimmen immer lauter, die nach einem erneuten harten Lockdown rufen. Wie sehen Sie das?

Ich denke, der harte Lockdown zeichnet sich ab und muss kommen. Ich beurteile das ja immer aus der Sicht eines großen Krankenhauses. Und aus dieser Sicht ist ein Lockdown für mich alternativlos. Wenn wir die Kontakte nicht reduzieren, dann laufen die Behandlungsbetten voll. Wir können zwar die Bettenkapazität noch ein bisschen erweitern, aber ich sehe nicht das ausgebildete Personal, das die Patienten in den zusätzlich geschaffenen Intensivbetten dann versorgen kann. Das macht mir große Sorgen und ich hoffe, dass der harte Lockdown jetzt möglichst zügig umgesetzt wird und dies konsequent. Feiern kann man nachholen, für Verstorbene gibt es diese Möglichkeit nicht.

Wie schnell könnte sich die Situation dann verbessern?

Wenn wir Montag in einen harten Lockdown gehen, bedeutet das nicht, dass am Freitag die Zahlen besser sind. Es dauert zehn bis vierzehn Tage, bis wir erkennen, was passiert. Dann ist schon Weihnachten. In dieser Zeit fährt ein Krankenhaus normalerweise den Betrieb etwas runter. Das wird in diesem Jahr kaum so sein, ich erwarte einen gewissen Nachlauf von Patienten, die sich bereits angesteckt haben. Ich fürchte aber auch, dass sich weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter infizieren und in Quarantäne müssen. Dann wird die Personalsituation noch angespannter und wir müssen sehen, wie wir über die Festtage kommen.

Haben Sie denn noch freie Intensivbetten für Covid-19-Patienten?

Wir haben unsere Strategie an der Anzahl der Covid-19-Patienten orientiert, das heißt, wir können immer einiges einrichten. Das gilt sowohl für Normal- wie für Intensivstationen. Es gibt dabei verschiedene Eskalationsstufen, wenn eine bestimmte Anzahl Patienten erreicht wird, wird die nächste Stufe ausgelöst. Dazu gehört, dass wir Operationen in bestimmten Bereichen noch stärker absagen. Deshalb können wir auch kurzfristig reagieren, aber dabei muss man eben immer bedenken, dafür werden andere kranke Menschen nicht versorgt. Letztendlich ist man im Konflikt, ob man schwerstkranke Covid-Patienten versorgt oder Non-Covid-19-Patienten. Das ist auch eine Form der Triage. Dabei geht es ja nicht nur um die Abfolge von Covid-19-Patienten auf der Intensivstation, sondern es geht um die Frage, wie triagiert man jegliche Patienten mit schwersten Erkrankungen.

Meiden denn Nicht-Covid-Patienten die Kliniken?

Wir haben den Eindruck, dass diese Furcht glücklicherweise nicht so stark ist, wie im Frühjahr. Wir sind ja auch ein sehr großes onkologisches Zentrum und bereiten in unserer Apotheke bestimmte Chemo- oder Immuntherapeutika zu. Das machen wir im Moment so viel, dass die Kollegen da auch schon wieder an ihre Grenzen kommen. Das zeigt aber auch, dass wir es trotz der Pandemie noch schaffen, viele Menschen mit anderen Erkrankungen zu behandeln. Aber eben nicht mehr alle, die wir möchten. So müssen wir seit einigen Wochen anhaltend eine Reihe von Operationen verschieben, manche davon sind kritisch. Mit einem harten Lockdown würden diese Verschiebungen wenigstens nicht relevant zunehmen, nur ohne wird es schwierig.

Mit den näher rückenden Impfungen steht bereits das nächste Thema an. Wie werden Sie das handhaben?

Die Planung ist, dass wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst impfen. Das machen wir bei Grippe auch, da gibt es schon ein Vertrauen in die Abläufe. Derzeit ermitteln wir dazu die Impfbereitschaft innerhalb der Mitarbeiterschaft. Das Impfen ist natürlich freiwillig, wenn ich aber auf die Impfbereitschaft bei der Grippeimpfung gucke, dann bin ich sehr zuversichtlich, dass sich viele impfen lassen. Eine Gruppe befasst sich bei uns mit dem Aufbau der Impfstraße. Wir gehen davon aus, dass wir im Januar schon impfen können. Wir bereiten die Priorisierungen vor, dazu kommt noch die endgültige Empfehlung der Ständigen Impfkommission. Dann geht es darum, wann bekommen wir wie viel Impfstoff? Auch wenn die Mitarbeitenden in medizinischen Versorgungseinrichtungen oben auf der Liste stehen, ist das vermutlich zunächst limitiert. Da braucht es viel Vertrauen und Aufklärung.

Lassen Sie sich selbst impfen?

Auf jeden Fall. Es gibt noch Fragen, aber ich sehe es auch als Zeichen der Solidarität, sich impfen zu lassen. Wir hatten die Sicherheitsprüfungen in den Studien. Die Studien wurden schnell gemacht, aber es wurden keine Schritte ausgelassen. In der Medizin gibt es für nichts eine hundertprozentige Garantie, ich glaube aber, dass die Ergebnisse, so wie sie jetzt vorliegen, erfolgversprechend sind. Wie lange die Immunität dann andauert, weiß man einfach noch nicht. Man weiß auch noch nicht, ob die Impfung nur gegen die Erkrankung schützt oder gegen den schweren Verlauf oder eben auch gegen die Verbreitung des Virus. Mir kommen da ganz viele Gedanken. Zum Beispiel, wie verträgt es sich, wenn jemand vehement keine Maske trägt, aber geimpft werden will. Das Thema Impfung wird uns noch viele Wochen beschäftigen. Für mich ist es das Licht am Ende des Tunnels.

Mit Jochen Werner sprach Solveig Bach

Quelle: ntv.de

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