Panorama

Missbraucht, süchtig, ausgebeutet? Sexarbeiter renovieren ihr Image

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Millionen Menschen werden gezwungen, sexuelle Dienste anzubieten. Ihnen muss geholfen werden. Doch es gibt auch die, die ihren Körper freiwillig verkaufen. Unter dem Hashtag #FacesOfProstitution befreien sich Sexarbeiter von ihrem Opfer-Status.

75 Prozent der weiblichen Prostituierten wurden vergewaltigt, 95 Prozent körperlich missbraucht, 68 Prozent leiden unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung und die Mehrheit der Sexarbeiter finden nur aufgrund ihrer Missbrauchsgeschichte ihren Weg ins Gewerbe. All das behauptete die Bloggerin Laila Mickelwait in einem Artikel auf der christlichen Online-Platform "Exodus Cry". Quellen für ihre Statistiken nennt Mickelwait nicht.

Weil sie diese Stereotypisierung nicht hinnehmen wollte machte eine australische Sexarbeiterin, die sich Tilly Lawless nennt, ihrem Ärger auf Instagram Luft. Ihren Post versah sie mit dem Hashtag #faceofprostitution.

"Studentin. Tochter. Sexarbeiterin"

Unabsichtlich trat Tilly Lawless damit eine Twitter-Lawine los. Leicht abgewandelt verwendeten etliche Sexarbeiter das Hashtag #FacesOfProstitution um sich zu zeigen, sich zu erklären und den Opfer-Mythos abzuschütteln. Sicherlich prostituieren sich nicht alle Menschen freiwillig. Aus einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation geht hervor, dass 21 Millionen Menschen weltweit zur Sexarbeit gezwungen werden. Doch es gibt auch die anderen, wie Tilly Lawless.

Dass ihr öffentliches Bekenntnis auf so viel Resonanz stoßen würde, hat sie nicht erwartet. "So oft wird über unsere Körper gesprochen, aber unsere Gesichter in Sozialen Netzwerken zu zeigen, ist ein starker Schritt." Prostituierte würden selten als Individuen betrachtet führt sie aus. Dank #FacesOfProstitution müssen Einzelschicksale nicht länger generalisierender Kritik zum Opfer fallen. "Studentin. Angehende Anwältin. Aktivistin. Tochter, Schwester, Sexarbeiterin. Ich muss nicht gerettet werden", zitiert "BBC" eine 21-Jährige.

Vielfalt statt Stigmata

Eine 25-jährige Sexarbeiterin aus Sidney, die das australische Portal "News" Lucie Bee nennt, will Anfeindungen vorbeugen: "Sobald jemand wie ich hingeht und sagt: 'Meine Erfahrung [mit Sexarbeit] ist gut', werden wir alle beschuldigt, die schlimmen Dinge, die passieren, zu leugnen. Das tun wir aber nicht." Sie will einfach betonen, dass weder ihr Kopf noch ihr Körper fremdbestimmt sind.

Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen scheinen dieses Bedürfnis zu teilen. "Ich hatte noch nie eine Geschlechtskrankheit, ich musste die Polizei in 14 Jahren nur ein einziges Mal rufen", twittert eine Prostituierte. Auch sie will kein Opfer sein.

Der Gedanke, man könne Sexarbeit mit Unterdrückung und Menschenhandel gleichsetzen, wurde von Alice Schwarzer vor einiger Zeit prominent in ihrem "Appell gegen Prostitution" vertreten und umgehend von Experten mit Zahlen und Fakten als boulevardtaugliche Floskel entlarvt. Die Geschichten und Erfahrungen von Sexarbeitern wie auch von ihren Kunden sind divers. Stigmatisierung schafft Tabus und wo über ein Thema nicht mehr offen gesprochen werden darf, kann nicht geholfen werden, wenn Hilfe einmal nötig ist. #FacesOfProstitution regt an, über Sexarbeit zu sprechen.

Quelle: ntv.de