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"Wir wurden vergessen" Studenten bangen um ihre Existenz

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Vor allem in der Gastronomie sind vielen Studierenden die Jobs weggebrochen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Viele Studenten sind auf Nebenjobs angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Doch in der Corona-Krise sind Bars, Restaurants und Läden geschlossen. Das bringt so manchen in finanzielle Nöte. Für einige könnte es sogar den Studienabbruch bedeuten.

Morgens im Hörsaal der Vorlesung lauschen, am Nachmittag im Büro Excel-Tabellen bearbeiten oder abends in einer Bar Cocktails mixen. So oder so ähnlich könnte noch bis vor Kurzem der Alltag vieler Studierender in Deutschland ausgesehen haben. Denn ein Großteil von ihnen ist erwerbstätig: Zwei Drittel haben einen Nebenjob, ergab die Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks im vergangenen Sommer. So wollen sich die Studierenden mehr leisten können oder unabhängig von ihren Eltern sein. Für die Hälfte ist ihr Nebenjob sogar essenziell: Ohne das zusätzliche Einkommen könnten sie ihren Lebensunterhalt nicht finanzieren.

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Die Corona-Krise trifft sie daher besonders hart. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie bedrohen viele der erwerbstätigen Studierenden in ihrer Existenz. Denn die meisten Orte, wo sie sich bislang ihren Lebensunterhalt verdienten, haben nun auf unbestimmte Zeit geschlossen.

So arbeiteten in Mecklenburg-Vorpommern bis vor Kurzem viele Studenten in der Tourismusbranche, erzählt die Sozialreferentin des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) der Universität Rostock, Charlotta Sieve, im Gespräch mit ntv.de. "Im Sommer gingen einige auf Kreuzfahrtschiffe, um sich das Semester zu finanzieren, andere jobbten in Cafés und Restaurants oder halfen in Hotels aus. Das fällt nun alles weg."

"Schnelle, unbürokratische und allumfassende" Hilfe

Seit dem Coronavirus-Ausbruch stehen die Leitungen der Sozialberatung der Uni nicht mehr still. Das E-Mail-Postfach quillt über. "Vor der Krise hatten wir im Schnitt drei Fälle pro Woche. Mittlerweile sind es mehr als 30", sagt Sieve. Viele der Studierenden, die sich bei ihr melden, wüssten nicht mehr, wie sie ihre Miete oder ihr Essen bezahlen sollen. "Für Studierende gibt kein soziales Auffangnetz." Wenn auch noch die elterliche Unterstützung wegfalle, da auch Mütter und Väter nur Kurzarbeitergeld bekämen, stünden viele vor dem Nichts. Hartz IV greift in den meisten Fällen nicht.

Wie groß die Not der Studenten ist, stellte der Asta der Uni Rostock in Kooperation mit den anderen Asten des Landes Mecklenburg-Vorpommern in einer Umfrage fest: Rund 38 Prozent der knapp 3000 befragten Studentinnen und Studenten sehen sich zurzeit in einer finanziellen Notlage. Fast die Hälfte aller Studierenden, die normalerweise neben dem Studium arbeiten, können das durch die Corona-Krise nicht mehr. 15,5 Prozent arbeiteten nun weniger, 13,4 Prozent wurde sogar gekündigt.

Der Umfrage zufolge haben insgesamt knapp drei Viertel der erwerbstätigen Studierenden durch die Corona-Pandemie finanzielle Einbußen. In der Debatte um Nothilfen spielen sie allerdings kaum eine Rolle. "Leider ist es so, dass bei den Hilfeleistungen wir als Gruppe vergessen worden sind", sagt Sieve, die selbst Studentin ist. Daher fordert sie "schnelle, unbürokratische und allumfassende" Hilfe vom Staat. Es müssten jetzt Entscheidungen getroffen werden, die alle Studierenden in finanzieller Not einschließen, auch die ohne Bafög-Anspruch. "Ansonsten werden einige ihr Studium aus der Not heraus abbrechen müssen. Das wäre fatal."

Kredite sind für viele keine Option

Um das zu verhindern hat Hessen bereits schnelle Hilfen für in Not geratene Studierende angekündigt. Kurzfristig stünden 250.000 Euro für die Nothilfefonds der Studentenwerke bereit, teilte das Wiesbadener Wissenschaftsministerium am Wochenende mit. Damit sollen Studierende, die ihren Lebensunterhalt bisher ganz oder teilweise über eine Nebentätigkeit finanziert haben, unterstützt werden. Gedacht sei an einen einmaligen Zuschuss in Höhe von maximal 200 Euro. Das Geld müsse nicht zurückgezahlt werden.

Auch wenn mit 200 Euro keine großen Sprünge möglich seien, wäre es auf jeden Fall immerhin ein Anfang, den sich Sozialreferentin Sieve auch für Mecklenburg-Vorpommern wünscht. Für die Lösung der Notlage brauche es allerdings eine bundesweite Regelung. Dass diese bald komme, glaubt Sieve nicht.

In Berlin streiten sich zurzeit die Koalitionspartner um die geplanten Hilfen für Studenten. CDU-Bildungsministerin Anja Karliczek kündigte zuletzt ein zinsloses Darlehen an, das die Betroffenen "so schnell wie möglich" als Überbrückungshilfen beantragen könnten. Doch für viele Studierende sei ein Kredit, auch zinslos, keine Option, sagt Sieve. "Das Geld muss schließlich zurückgezahlt werden. Und das bedeutet, man muss mehr Stunden leisten. Viele haben neben dem Studium gar nicht die Zeit dafür." Eine andere Möglichkeit präsentiert die SPD. Sie will das Bafög für nicht leistungsberechtige Studierende öffnen.

Es gehe nicht darum, Geld nach dem Gießkannenprinzip zu verteilen, sagt Sieve. Eine Prüfung, wer die Hilfe benötige, sei natürlich notwendig und sinnvoll. Es müsse aber jetzt etwas passieren. "Viel länger halten es viele betroffene Studierende finanziell nicht durch."

Quelle: ntv.de