"Dafür sind wir nicht bereit"Tekkal und Lunz über die Klaviatur des Patriarchats
Interview: Sabine Oelmann
Der Fall Collien Fernandes hat Deutschland aufgerüttelt und wieder einmal schonungslos offengelegt, wie alltäglich männliche Gewalt gegen Frauen ist - und wie unzureichend das deutsche Rechtssystem betroffene Frauen schützt. Kristina Lunz und Düzen Tekkal wollen das nicht länger hinnehmen. Die beiden Unternehmerinnen zählen zu den profiliertesten Publizistinnen und Menschenrechtsaktivistinnen Deutschlands und sprechen mit ntv.de darüber, wie man am besten am ganz großen Rad dreht.
ntv.de: Collien Fernandes' Nachricht ging raus und ihr habt gleich die Entscheidung getroffen, am Wochenende etwas Großes hochzuziehen.
Kristina Lunz: Ja. Düzen und ich arbeiten seit Jahren immer wieder zusammen. Wir haben schon große Frauenrechtskonferenzen organisiert, große Spendenaktionen für Frauen in Afghanistan initiiert und als Collien ihre Vorwürfe öffentlich gemacht hat, haben wir sofort gesagt: Da müssen wir ran! In dem Moment hat auch Ricarda Lang sich bei uns gemeldet und gesagt, wir müssen was machen. Da haben wir drei uns sofort zusammengefunden.
Colliens Fall war also ausschlaggebend.
Lunz: Ja. Wir haben eine Aktion mit über 250 prominenten Frauen aus Kultur, Wirtschaft und den Medien gestartet, die sich unserer Solidaritätsaktion für Collien Fernandes angeschlossen haben. Aber darüber hinaus haben wir zu dritt zehn Forderungen an die Bundesregierung, unter anderem Gesetzesänderungen, formuliert. Das wurde zu einer Petition, die über 330.000 Menschen unterschrieben haben. Und dann haben wir uns gedacht, wir müssen das Momentum nutzen und vor allem noch besser erklären, was unsere Forderungen sind. Deswegen dann das Buch.
Düzen Tekkal: Ich glaube, dass es so schnell geklappt hat, weil wir alle diesen "Collien-Fernandes-Moment" auf die eine oder andere Weise kennen. Und dieser konkrete Einzelfall hat sehr viele Frauen sehr wütend gemacht. Colliens Mischung aus Hilflosigkeit und Mut - wir haben alle sofort verstanden, was sie da gerade für ein Tabu bricht und was für ein Risiko sie eingeht.
Weil man den Opfern nicht glaubt …
Tekkal: Ja, und natürlich auch aufgrund eigener Erfahrungen individueller, institutioneller und struktureller Natur. Kristina hat das eben nebenbei erzählt: Wir haben damals fast 200.000 Euro gesammelt für Frauen aus Afghanistan, als es zur Machtergreifung der Taliban kam. Und heute werden diese Frauen in ein Körpergefängnis gezwungen, in eine Burka. Sie werden auf der Straße niedergeknüppelt, zu Hause geschlagen. Und unsere Bundesregierung arbeitet mit den Taliban, mit den Tätern, zusammen. Dadurch wird das ein sehr deutsches, ein sehr universalistisches Thema. Frauenunterdrückung und -gewalt gibt es nicht nur in Afghanistan, in Syrien und dem Irak. Frauenrechte sind überall bedroht, online und offline.
Ihr seid immer wieder sehr mutig, euch dieser Themen so intensiv anzunehmen.
Tekkal: (lacht) Glaub' mir - wir wollten dieses Buch nicht schreiben. Wir sind traurig darüber, dass wir dieses Buch schreiben mussten. Wir würden gerne unserer Arbeit nachgehen, aber wir werden an unserer Arbeit gehindert, weil wir Frauen sind und weil wir es wagen, uns einzumischen bei Themen, die angeblich keine Frauenthemen sind, weil wir uns eine Meinung erlauben, weil wir uns positionieren, und weil wir in den Weltbezug gehen.
Lunz: Wir wollen nicht gehasst werden, weil wir Frauen sind. Wir wollen auch online nicht alles über uns ergehen lassen müssen.
Tekkal: Das ist, und Kristina hat den Begriff geprägt, digitale Lynchjustiz. Dass wir eine Bundesregierung haben, die folgenschwere Gesetzeslücken zulässt, dass wir Tech-Unternehmen haben, die an dem Frauenhass mitverdienen, und dass uns immer wieder gesagt wird: "Das, was ihr macht, ist Berufsrisiko, das müsst ihr in Kauf nehmen, sonst seid ihr halt nicht stark genug" - dafür sind wir nicht mehr bereit.
Die Scham muss die Seite wechseln, auf so vielen Ebenen.
Tekkal: Ja, nicht nur die Scham muss die Seite wechseln, sondern auch die Gesetze, die Ressourcen, die Angst. Wir wollen nicht, dass die Leute vor uns stehen und sagen: "Ach komm, die schon wieder mit ihren Frauenrechten", nein, wir wollen eine Gesellschaft, in der Frauen geachtet werden und wo uns Gesetzeslücken nicht in den Rücken fallen. Das sind ja keine Mimimi-Themen, das sind grundsätzliche Themen.
Wenn ihr an die Zukunft denkt, …
Tekkal: … dann möchten wir nicht, dass Frauen in Deutschland und weltweit Angst davor haben, sich zu positionieren oder ihre Meinung zu sagen. Auch aus Angst davor, gecancelt oder sogar verletzt oder getötet zu werden.
Ihr habt Forderungen gestellt - was ist bisher passiert?
Lunz: Wir haben eine große Öffentlichkeit hinter uns, eine der erfolgreichsten Petitionen, die es auf der Plattform je gab. Wir haben seitdem vielleicht das breiteste und wirkmächtigste Frauenbündnis zu so einem Thema in der deutschen Öffentlichkeit auf die Beine gestellt, das es je gab. Die Bandbreite der Frauen geht von Politikerinnen über Popstars und Schauspielerinnen, von konservativ bis links. Justizministerin Hubig ist sehr rege, das lieben wir (lacht). Sie hat angekündigt, Dinge ändern zu wollen in Bezug auf Frauenrechtsgesetzgebung.
Tekkal: Die Gesetzesforderungen, die wir formuliert haben, werden in Teilen schon umgesetzt. Wir sind davon überzeugt, dass der öffentliche Druck dazu geführt hat. Das ist nochmal ein wichtiges Momentum, denn wir kommen aus einer Zeit, wo man uns gesagt hat, dass man mit diesen Themen keinen Blumentopf gewinnen kann (lacht). Wenn Politiker und Entscheidungsträger das Gefühl haben, sie müssen was tun, hat das auch was mit dem Druck der Öffentlichkeit zu tun.
Was sagt ihr zum Thema Wim Wenders/ Nastassja Kinski?
Tekkal: Dein Kommentar hatte ja genau den treffenden Titel: "Die verlorene Ehre des Wim Wenders", in Anlehnung an Katharina Blum. Ich war beim Filmpreis und es liegt in der Luft, dass bestimmte Sachen so nicht mehr weitergehen. Dieses Momentum mit Collien Fernandes, das muss auch weitergetragen werden.
Es reicht, oder?
Tekkal: Ja, besonders, weil wir so eine Art Backlash haben - wir sind ja wieder in der Zeit von Männerklubs gelandet, in der der Feminismus verniedlicht wird. Wir sind aber Frauen, die diesen Kampf für Frauenrechte nicht nur aus der Theorie kennen, sondern aus unserer tagtäglichen Praxis. In dem Buch geht es nicht nur um eine Zustandsbeschreibung, es geht um Forderungen und Veränderungen. Unser Buch darf gern als Manifest verstanden werden.
Waren wir schon mal weiter in unserer Entwicklung? Oder haben wir nur gut genug weggeguckt?
Lunz: Ich glaube, wir waren noch nicht weiter. Der Widerstand war in den letzten Jahren nicht so hoch, aber weiter waren wir nicht. Was wir in unserer Gesellschaft sehen, ist diese Allgegenwärtigkeit, die Normalisierung und das Herunterspielen von männlicher Gewalt, auch in der Sprache.
Hast du ein Beispiel?
Lunz: Da wird von Kinderehen geredet. Dabei ist das Wort Ehe doch positiv konnotiert und in unserer Gesellschaft nicht für ein Kind, das eine Ehe mit einem 30 Jahre älteren Mann eingeht, bestimmt.
Tekkal: Auch Sex ist ein positiv konnotiertes Wort in unserer Gesellschaft. Es sollte in keinem Zusammenhang mit Sexsklaverei, Kinderpornographie, dem Aufzeichnen von schlimmstem Missbrauch und Vergewaltigung an Kindern stehen.
Wie gehen wir in Zukunft mit Männern in unserer Gesellschaft um?
Lunz: Wir wissen, weit über 90 Prozent aller Gewalt in unserer Gesellschaft geht von Männern aus. Eigentlich fast jede Gewalttat. Und das wird geduldet. Die meiste Gewalt wird gar nicht erst angezeigt, weil es in Deutschland eigentlich keine Aussicht auf Gerechtigkeit gibt in dem Moment, wo man gegen eine Vergewaltigung vorgeht. In Deutschland wird schätzungsweise nur ein Prozent aller Vergewaltiger verurteilt und wenn man sich dazu entschließt, eine Vergewaltigung anzuzeigen, dann hat man in jedem Fall eine Retraumatisierung, eine Demütigung, wahrscheinlich hohe Kosten und eine sehr geringe Aussicht auf Gerechtigkeit. Es gibt in Deutschland keine Gerechtigkeit für Frauen, denen männliche Gewalt angetan wird.
Wo ist der Aufstand?
Lunz: Wir müssen weiterhin sehr laut sein. Und es wird sehr, sehr anstrengend bleiben.
Tekkal: Wir mussten dieses Buch schreiben, damit unsere Nachfahren endlich die Bücher schreiben können, die wir eigentlich schreiben wollten (lacht). Und den Aufstand, den müsste es schon längst geben. Viele erwarten immer noch, dass das Patriarchat sich selbst reguliert, aber das klappt nicht, es profitieren noch viel zu viele vom Patriarchat. Es haben sich aber auch Männer uns angeschlossen. Viel zu wenige, denn wir wollen ja gemeinsam mit den guten Männern für eine Welt von Geschlechtergerechtigkeit einstehen, wo auch die Töchter die gleichen Chancen haben wie die Söhne. Frauen, egal wo sie sitzen, in Redaktionen, in NGOs, in Parlamenten, erleben immer wieder, wie sie aufeinandergehetzt werden, wie sie klein gemacht werden. Auch, weil Frauen sich wieder freiwillig dazu entschließen, sich dem Patriarchat zu unterwerfen, damit sie profitieren. Das sollte uns sehr besorgen.
Warum trauen wir uns immer noch so wenig?
Lunz: Dieses Buch traut sich ja was, und es ist auch eine Einladung. Wir gehen damit wieder ein Risiko ein, das wissen wir. Aber es ist uns mittlerweile egal, denn wir können es ja nicht nicht machen (lacht).
Bezeichnend ist der Satz von Kriminalhauptkommissar Dirk Peglow, nämlich, dass man als Frau besser keine Beziehung mit einem Mann eingeht.
Lunz: Nichts ist so gefährlich wie die eigenen vier Wände. Seit ich denken kann, rede ich mit Freundinnen darüber, ob man eine Beziehung eingehen sollte - diese Gefahr wird in unserer Gesellschaft aber heruntergespielt. Was Düzen und ich uns schon alles angehört haben - dass wir Männerhass schüren würden zum Beispiel. Dabei sind es ja Männer, die Frauen hassen, verachten, vergewaltigen und töten.
Tekkal: Uns geht es nicht um Spaltung. Wir müssen aber alle einbinden und überzeugen, dass das ein gemeinsames Gerechtigkeitsanliegen ist und nicht nur das der Betroffenen.
Lunz: Wovor sollen wir noch Angst haben? Ob Diffamierungen, Mord-, Gewalt- oder Vergewaltigungsandrohungen, Verleumdungen - kennen wir alles.
Die komplette Klaviatur des Patriarchats, um Frauen zum Schweigen zu bringen?
Lunz: Genau die - komplett.
Mit Düzen Tekkal und Kristina Lunz sprach Sabine Oelmann
