Aktivistin enttäuscht von MerzDüzen Tekkal: "Al-Scharaa führt alle an der Nase herum"
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Sie ist für Frauen, gegen Terror, für Minderheiten, gegen Falschmeldungen: Düzen Tekkal. Die Frau ist der Duracell-Hase unter den Menschenrechtsaktivistinnen - gestresst oder erschöpft wirkt sie dennoch nie. In diesem Interview geht es um Syrien, Enttäuschungen, Mut und Weitermachen. Denn das wird Düzen Tekkal. Immer.
ntv.de: Die Welt dreht am Rad – und kein Tag vergeht, an dem ich nicht sehe, dass Sie sich zu einem der Brennpunkt-Themen äußern.
Düzen Tekkal: Es geht momentan ja ständig um konkrete Fragen von Haltung, Orientierung, Klarheit, Einordnung. Die Menschen sind wahnsinnig gestresst aufgrund der vielen Parallelkrisen auf der Welt, das macht sie verführbar für Desinformationskampagnen, für Schwarz oder Weiß, dazwischen scheint es oft nichts zu geben. Und diese Momente wissen Extremisten sehr gut zu nutzen. Das erleben wir gerade in Syrien, auch im Iran. Im Fall der Iraner reden wir von einem Massaker an mindestens 30.000 Menschen, die einfach nur von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch machen wollten. Die dann mit Kalaschnikows erschossen wurden, weil sie in 190 Städten im Iran auf die Straße gegangen sind. Und wenn sie nicht dort auf den Straßen erschossen wurden, dann wurden sie per Gesichtserkennung erneut "besucht" von den brutalen Basidsch-Milizen. Zu Hause, im Krankenhaus …
Es heißt oft, dass das Regime zur Aufstandsbekämpfung auch auf Technik und Know-how aus Deutschland zurückgreift. Beispielsweise zur Gesichtserkennung. Der Iran selbst liefert Kampfdrohnen an Russland. Kann es sein, dass wir Europäer uns trotz Embargos und Sanktionen mitschuldig machen?
Ja, teilweise gelingt es dem Regime, Schlupflöcher zu finden. Vor einigen Jahren kam heraus, dass das Regime Sportmotoren aus Österreich in Kampfdrohnen einbaut – ohne dass das Unternehmen Handel mit dem Iran betrieb. Im Jahr 2022 standen zwei Cloud-Anbieter mit Sitz in Deutschland in der Kritik, die beschuldigt wurden, dem Regime dabei zu helfen, die Internetsperren durchzuführen.
Sind "wir", Beispiel Iran, demnach mit schuldig?
Das würde ich schon sagen. Auch wenn die Schuldfrage nicht immer eindeutig zu klären ist. Deshalb ist es wichtig, das Netz an Sanktionen möglichst engmaschig zu knüpfen und zu überwachen. Dazu gehört es, strenge Strafen gegen Unternehmen zu verhängen, die willentlich mit dem Regime Handel treiben. Auch die Zivilgesellschaft ist dabei gefragt. Aber manchmal ist es doch sehr eindeutig: Im Fall Syriens, wo es um die Situation der Kurden geht, die für sie gerade existenzbedrohend ist, sprechen wir darüber, dass unser Bundeskanzler einen Präsidenten eingeladen hatte (Anm. d. Red.: Ahmed al-Scharaa, der den Besuch selbst in letzter Minute abgesagt hatte, angeblich wegen der Unruhen in seinem Land), der sich an die Macht geputscht hat. Diese Kritiklosigkeit einem Präsidenten gegenüber, der selbst eine islamistisch-dschihadistische Vergangenheit hat und in dessen Sicherheitsapparat sich Kämpfer finden, die noch ihre IS-Aufnäher an der Uniform tragen, sorgt für viele Fragezeichen. Dass wir das so dulden, dass wir da so naiv wegschauen und den Scheinfrieden akzeptieren auf dem Rücken von Menschenleben, auch christlichen übrigens, ist schon ein starkes Stück.
Oft entsteht der Eindruck, dass, wenn Sie nichts sagen, in den Sozialen Medien oder über andere Kanäle, dass dann keiner was sagt. Ist das nicht wahnsinnig anstrengend?
Sagen zu können, man ist nicht politisch, wäre ein Privileg. Das können nur Menschen, die nicht selbst betroffen sind. Dieses Privileg hatte ich nie, weder als Frau noch als Jesidin. Auch nicht in meiner Ethnie als Kurdin, nicht als Deutsche, und auch nicht als Europäerin. In dem Moment, wo unsere Werte bedroht sind, müssen wir in die Gegenrede gehen. Allein wegen der Tatsache, dass wir auch in der hiesigen Gesellschaft mit Menschen zu tun haben, die unsere Leben gefährden.
Sie sprechen auch von den Drohungen, die Sie und Ihre Mitstreiter bekommen …
Ja. Die werden mich aber nicht davon abhalten, darüber zu sprechen, was los ist. Das sind unbequeme Themen, und wenn es um islamistische Strukturen geht, gegen religiösen Extremismus, dann zerstört das viele Weltbilder. Auch diese "Das sind doch aber die Unterdrückten"-Brille, mit der wir auf den Nahen Osten gucken, fällt dann aus dem Raster, weil viele Täter schließlich aus diesen Regionen kommen. Darüber muss man sprechen können, ohne zu pauschalisieren. Wenn wir die Wahrheiten nicht mehr aussprechen, dann übernehmen das andere. Und wir werden großen Schaden anrichten, wenn wir weiterhin in dieser Schweigespirale bleiben.
Politiker meinen Sie …
Wenn es für unsere Bundesregierung wichtiger ist, mit Islamisten über Islamismus zu sprechen, dann ist das grob fahrlässig. Wir wissen selbstverständlich, dass unter Geflüchteten auch Gefährder sind, das werden wir nicht verhindern können. Aber auf Teufel komm' raus abzuschieben und nicht zu differenzieren, ist falsch.
Schieben wir die Falschen ab?
Leider zu häufig, ja. Wenn wir Opfer von Genozid und Islamismus abschieben und glauben, dass unsere Gesellschaft hier dadurch sicherer wird, dann haben wir uns leider gewaltig getäuscht. Wir sorgen damit nur für weitere Fluchtbewegungen, dabei müssten wir doch die Fluchtursachen bekämpfen.
Ein Beispiel …
Wir müssen dafür sorgen, dass Syrien ein Vielvölkerstaat ist, für alle. Wir sollten verhindern, dass Drusen, Christen, Jesiden, Alawiten und säkulare Sunniten fliehen müssen. Das beinhaltet, dass man nicht jene stärkt, die diese Gruppen verfolgen und unterdrücken. Es kann doch nicht in unserem Interesse sein, dass diese Regionen zu "no-go Areas" für ethnisch-religiöse Minderheiten werden. Ich fürchte, in den Ministerien herrscht kein echtes Bewusstsein dafür.
Wo sollen wir also anfangen und wo aufhören?
Unsere Welt wird von allen Seiten bedroht, wir kämpfen gegen Rassismus, Antisemitismus, Islamismus. Da sind wir in Deutschland aber noch nicht gut genug drin, und das kommt jetzt, durch die Konflikte in Syrien und Iran, sehr deutlich zum Ausdruck. Während die mutigen Menschen aus dem Iran um ihr Leben kämpfen, müssen sich iranische Aktivisten hier für die hohe Zahl der Toten rechtfertigen. Als würden sie "fake news" in die Welt setzen. Sind es 5000? Oder 50.000?
Jeder Tote ist zu viel …
Natürlich! Dieses Ringen um Zahlen bedeutet nichts anderes, als dass die Islamische Republik teilweise legitimiert wird. Von Menschen, die gewisse Ideologien attraktiver finden als die Freiheit der Menschen. Wenn man sich nicht darum kümmert, in den betroffenen Ländern für Ordnung zu sorgen, dann wird es uns vor die eigenen Füße fallen. Damit meine ich nicht Militärinterventionen. Wir können andere Hebel nutzen. Der islamistische Terror hat sich bereits Bahn gebrochen, und es wird weitergehen. Wir, und mit "wir" meine ich mich und die Menschenrechtsorganisation HÁWAR.help, warnen eindringlich, damit später niemand sagen kann "wussten wir ja nicht". Wir haben es gesagt! Westliche Staaten aber lassen sich von einem selbsternannten Interimspräsidenten um den Finger wickeln und machen die Schmutzdeals mit. Er führt alle an der Nase herum.
Trump sagte bei al-Scharaas Besuch im Weißen Haus, er sei ein "sehr harter Typ aus einem sehr harten Ort", er, Trump, glaube an den Erfolg des Syrers …
… was nur ein weiterer Beweis dafür ist, dass autokratische Staaten sich gegenseitig bedingen und brauchen. Das wird uns böse vor die Füße fallen. Die Kurden sind das größte Bollwerk gegen den Islamismus im Nahen Osten, und es ist wichtig, dass wir uns die verschiedenen Weltanschauungen ansehen, zum Beispiel die Frauen aus Kurdistan, aus Rojava, die sind nämlich nicht bereit, sich einem Kalifat zu unterwerfen. Sie wollen mitbestimmen und leben, wie sie wollen. Wem jetzt aber geglaubt wird, ist al-Scharaa. Und das bedeutet, dass nicht nur die Menschen in Rojava nicht sicher sind, sondern hier, im Westen, auch nicht.
Haben wir die Büchse der Pandora geöffnet?
Ja, sicher, schon allein dadurch, dass die Al-Sharaa-Islamisten jetzt die Kontrolle über Camps wie Al Hol oder das Al-Shaddadi-Gefängnis haben, die zehntausende IS-Anhänger beherbergen – die einrückenden HTS-Einheiten wurden dort von den Insassen als Befreier empfangen. Das ist kein Alarmismus meinerseits, das sind Erfahrungswerte. Dass Menschen so einen Drang nach Freiheit haben wie im Iran, in Syrien, und alles dafür geben, sogar ihr Leben, ist so eine Stärke! Dass die verraten werden, auch vom Westen, ist unverzeihlich.
Fake News in den Sozialen Medien - womit werden Sie konfrontiert?
Alle dürfen ihren Mist teilen, und es gibt keine wirklichen Konsequenzen. Was das für Aktivistinnen bedeutet, für Frauen, wie wir entmenschlicht werden, womit uns gedroht wird – das ist ein reines Mittel zu dem Zweck, uns Angst zu machen, uns von unserer wirklichen Arbeit abzuhalten, uns einzuschüchtern. Das wird aber nicht passieren.
Aber was macht das mit Ihnen?
Das lässt mich auf jeden Fall nicht den Kopf in den Sand stecken (lacht). Das Schlimmste daran aber ist das Schweigen der anderen. Wir reden, wenn wir nach Syrien schauen, allerdings über eine noch viel größere Symbolkraft als über das, was online passieren kann: Dort werden Kämpferinnen umgebracht, oft sogar zweimal. Einmal, wenn sie getötet werden, und ein weiteres Mal, wenn sie medienwirksam von Gebäuden gestürzt oder den Toten die Haare als Kriegstrophäen abgeschnitten werden. Das ist auch eine Dimension des Hasses auf Frauen. Reine Strategien islamistischer Ideologie, um den Frauenkörper zu schänden. Die Frage ist, wie lange wollen wir ignorieren, dass sich Nato-Bündnispartner wie die Türkei mitschuldig an diesen Verbrechen machen? Ich erwarte, dass unsere Institutionen, unsere gewählten Parlamentarier, sich darum kümmern.
Bröckelt die Nato?
Sie ist auf jeden Fall in einer harten Bewährungsprobe. Die Nato-Partner hätten gerade jetzt die Verpflichtung, den Türken auf die Finger zu klopfen: Hände weg von Kurdistan, Hände weg von Rojava. Wie können sie unseren wichtigsten Verbündeten im Kampf gegen die IS-Mörderbanden mit türkischen Drohnen bombardieren?
In welcher Rolle sehen Sie sich selbst?
Ich bin eine Schallverstärkerin. Es geht nicht um mich persönlich. Wir legen Dinge offen für die Menschen, die selbst nicht reden können.
Mit Düzen Tekkal sprach Sabine Oelmann