Panorama

"Würde ich nicht mehr so machen"Die verlorene Ehre des Wim Wenders

01.06.2026, 18:35 Uhr dff697a9-ec36-4d60-a8dd-b9e0363450ecEin Kommentar von Sabine Oelmann
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Fast zehn Jahre nach "Falsche Bewegung" dreht Wenders mit Kinski "Paris Texas". (Foto: IMAGO/Bestimage)

Unbestritten ist Wim Wenders einer der größten Filmemacher aller Zeiten, sein Werk wird bleiben. Umso bedauerlicher, dass er die Chance zur Veränderung am Wochenende, als er die Ehren-Lola für sein Lebenswerk beim Deutschen Filmpreis erhielt, nicht ergriffen hat.

Ja, es ist jetzt ein paar Tage her. Ja, das Thema ist durch. Äh, nein, das Thema ist nicht durch, denn die Filmszene, um die es geht - eine 13-jährige Nastassja Kinski liegt oberkörperfrei in einem Wenders-Film, ein Mann reibt sich auf ihr und sie muss sich schlagen lassen - ist immer noch genau so anzufinden wie seit 51 Jahren und wie am Tag der Verleihung des Deutschen Filmpreises. An dem Abend hätte Wim Wenders die Gelegenheit gehabt, die Dinge zu ändern. Er hätte mit Erhalt der Lola für sein Lebenswerk sagen können: "Ach ja, noch was in eigener Sache, stimmt, da habe ich damals Scheiße gebaut, ich schneide die Szene für jetzt und alle Zeiten raus." Und zwar vor seiner Dankesrede.

Das wäre mal ein echter Kracher gewesen bei so einer Verleihung. Natürlich hätte er das auch bereits vor 15 Jahren ganz leise, im Hintergrund erledigen können, als Nastassja Kinski ihn darum gebeten hatte. Er hätte garantiert trotzdem seine Ehren-Lola bekommen.

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Wim Wenders bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises am 29. Mai 2026 in Berlin. Es wäre DIE Chance gewesen, nicht nur schöne Worte und Entschuldigungen bzw. Herauswindungen zu finden, sondern zu handeln! (Foto: IMAGO/APress)

Und wenn er es am Freitag bei dem festlichen Event gesagt hätte - denn immerhin hat er das Thema dankenswerterweise ja von selbst angeschnitten, mucksmäuschenstill war es im Saal, denn unbestritten hat einer der wichtigsten und bekanntesten Filmemacher Deutschlands etwas zum Ausdruck bringen wollen, was für niemanden einfach gewesen wäre - dann wäre der Jubel für ihn vielleicht noch größer, noch ehrlicher, noch befreiter gewesen. So war es ein Klatschen für seine Leistungen, seine Filme, bei denen er zumindest von einem sagt: "Heute würde ich das ganz anders machen." Denn sich auf die Kunstfreiheit zu berufen ist das eine, dabei die Rechte und Gefühle einer Frau, damals eines 13-jährigen Kindes, mit Füßen zu treten, etwas ganz anderes.

Haben Jahre von #MeToo, Epstein-Files und alle Weinstein-Anschuldigungen dieser Welt nichts weiter bewirkt als eine Rede, in der ein Regisseur sich hilflos und allein fühlt, weil er nicht weiß, wie er handeln soll? Wie hilflos und allein muss sich die 13-jährige Nastassja Kinski 1975 am Set von "Falsche Bewegung" gefühlt haben? Und auch heute: Vor 15 Jahren fasste sie den Mut, den Regisseur, der sie damals schon hätte beschützen sollen, auch wenn er selbst noch jung war (aber eben bereits erwachsen und ein aufstrebender Filmemacher) zu bitten, die Filmszene zu entfernen. Auf jeden Fall wäre es heute möglich, auch dank KI, dem Mädchen im Film nachträglich etwas anzuziehen. Oder nur ihren Rücken zu zeigen.

Schlimme Zeiten

Viele Filmschaffende sind sich nach der Rede Wim Wenders am vergangenen Freitagabend einig darüber, dass es gut war, dass er selbst dieses Thema auf der Bühne angeschnitten hat, dass es mutig war. Andere sagen, es war nur eine Art Rechtfertigung für sein Handeln; der ewig alte Trick eines Mannes im fortgeschrittenen Alter, der auf sein früheres Ich zurückschaut: Ich war jung und brauchte das Geld. Oder: Ich war jung und wusste nicht, wie ich mit Frauen umgehen sollte. Ja, es waren andere Zeiten. Es gab weder Intimacy-Coaches noch hatte Nastassja Kinski Eltern oder eine Agentur, die sich für sie einsetzte. Das ist schlimm und traurig genug.

"Falsche Bewegung" war Wenders' 13. Film, Kurzfilme mitgezählt, er war also nicht ganz unerfahren und bereits Ende zwanzig oder schon dreißig Jahre alt, als er den Film drehte. Die ganze Szene muss doch Unbehagen am Set ausgelöst haben, nicht nur bei Nastassja, auch bei ihren Kollegen und anderen Anwesenden. Aber dessen ungeachtet, denn wie gesagt, die Zeiten waren andere, wäre es doch nun ein Leichtes, mit dem ganzen Wissen um die Verfehlungen in Film- und Glamour-Industrie, jetzt zu sagen: "Wissen Sie was, meine Damen und Herren, liebe verehrte Nastassja, ich mach' das jetzt! Ich schneid' den Mist da raus."

Hätte er sagen können! Har er aber nicht. Gesagt hat der 80-jährige Wim Wenders Sätze, die ihn selbst in Schutz nehmen. Gesagt hat er Dinge, die diesen konkreten Sachverhalt zu etwas Abstraktem machen. Gesagt hat er sinngemäß, dass ihm die Kunstfreiheit noch immer wichtiger ist als der Schutz des 13-jährigen Ichs von Nastassja Kinski.

Die Lolita-Zeiten sind vorbei. Oder?

Wann sind diese uralten Lolita-Fantasien denn endlich mal durch? Ganz ehrlich, das ist doch lächerlich. Und was ist das für ein Mann, was ist das für ein Bild von einem Mann, wenn er sich von einer 13-Jährigen verführen lässt? Und die Männer, die sagen, na ja, aber sie hat ihn doch verlockt, die sollen sich bitte dringend hinterfragen"! Ein pubertierendes Mädchen wird auch in Zukunft ihre Grenzen ausloten - und ein erwachsener Mann muss in der Lage sein, das zu erkennen, nein zu sagen, und dem Mädchen ein T-Shirt anzuziehen! Wir leben - und lebten auch 1975 - nicht in Afghanistan! Hier werden Mädchen nicht an alte Männer verschachert, basta. Auch nicht in der Kunst.

Und was soll die ganze Bedenkenträgerei? Es ist nur ein Film! EIN Film von vielen von Wim Wenders. Er soll ihn nicht komplett löschen, sondern eine Szene. Und ja, wenn das Auswirkungen auf andere Filme haben sollte: Bravo! Wenn das Auswirkungen darauf haben sollte, wie heute gedreht wird! Um so besser!! Verehrter Herr Wenders, bitte handeln Sie! Wie ein Mann! Schneiden Sie die Szene aus dem Film, jetzt, heute noch, und diskutieren Sie DANACH weiter.

Quelle: ntv.de

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