
Der Frontalangriff Trumps auf den Papst ist beispiellos, er markiert einen Bruch zwischen Weißem Haus und Vatikan. Italien ist schockiert, die üblichen Trump-Verteidiger sind verstummt.
Ob es daran liegt, dass man in gewissen Kreisen erst einmal verdauen muss, was in Ungarn geschehen ist, oder ob es eher daran liegt, dass "man" einen Papst, wenn man eine einigermaßen gute Kinderstube genossen hat, einfach nicht so unverschämt beleidigt wie es der amerikanische Präsident getan hat - wir wissen es nicht. Was wir wissen, ist allerdings, dass Italien in einer Art Schockstarre ist. Dass man einen Papst und seine Aktionen kritisieren darf, kann und muss - mit dem gebotenen Respekt - ist vollkommen einleuchtend. Was sich Donald Trump mit seinem äußerst harten Beitrag auf Truth Social erlaubt - der amerikanische Präsident bezeichnet den Papst als "schwach im Umgang mit Kriminalität und miserabel in der Außenpolitik" - lässt tief blicken.
Der Vatikan ist geschockt und die Katholiken, die noch in Trump vertrauten, sind vom Glauben abgefallen. In Italien hat niemand diesen Angriff auf den Papst verteidigt. Was Trump schrieb, gab es so noch nie: "Er spricht von der Angst vor der Trump-Regierung, erwähnt aber nicht die Angst, die die katholische Kirche - und alle anderen christlichen Organisationen - während Covid empfunden haben, als Priester, Geistliche und alle anderen verhaftet wurden, weil sie religiöse Feiern abhielten", gab der US-Präsident zum Besten. Und: "Ich bevorzuge bei weitem seinen Bruder Louis, weil er vollkommen MAGA ist. Er hat alles verstanden", insistierte Trump und beschuldigte Papst Leo, es für akzeptabel zu halten, dass der Iran Atomwaffen besitzt.
"Ich will keinen Papst, der es schlimm findet, dass Amerika Venezuela angegriffen hat - ein Land, das enorme Mengen an Drogen in die Vereinigten Staaten schmuggelte und, noch schlimmer, seine Gefängnisse leerte und Mörder, Dealer und gewalttätige Kriminelle in unser Land schickte", griff der Tycoon weiter an. Er wolle außerdem "keinen Papst, der den amerikanischen Präsidenten kritisiert, denn ich tue genau das, wofür ich gewählt wurde - mit einem überwältigenden Sieg -, nämlich die Kriminalität auf historische Tiefstände zu bringen und den größten Aktienmarkt der Geschichte zu schaffen."
"Wäre ich nicht gewesen ..."
Doch damit ist Trumps Lobeshymne auf sich selbst noch lange nicht beendet, er beansprucht sogar den Verdienst für Leos Wahl: "Leo sollte mir dankbar sein, denn wie alle wissen, war seine Ernennung eine schockierende Überraschung. Er stand auf keiner Liste der Papstkandidaten und wurde ausschließlich deshalb gewählt, weil er Amerikaner ist; man hielt das für den besten Weg, die Beziehung zum Präsidenten Donald J. Trump zu handhaben. Wenn ich nicht im Weißen Haus wäre, wäre Leo nicht im Vatikan."
Wer das Konklave verfolgt hat, weiß natürlich, dass Trump lügt: Robert Prevost war einer der Favoriten, aber weniger, weil er US-Amerikaner ist, sondern weil er als Brückenbauer galt, sein halbes Leben als Missionar in Peru gelebt hat, dort auch Staatsbürger ist. Prevost Stärke war von Anfang die, für die Armen, Migranten und die gesamte "Dritte Welt" ein glaubwürdiger Ansprechpartner zu sein. Die deutschen Bischöfe, die mit Rom einigen Zwist wegen ihres Reformkurses auszuhalten hatten, fanden in Kardinal Prevost einen verständnisvollen Gesprächspartner im Vatikan. Und wieder ein paar Stimmen mehr im Konklave.
Pentagon drohte Vatikan bereits vorher
Trumps brutaler Frontalangriff auf Papst Leo XIV. hat natürlich ein Vorspiel: Bereits im Januar 2026 war der päpstliche Botschafter Kardinal Christophe Pierre im Pentagon empfangen worden. Im Verteidigungs-, nicht im Außenministerium. Schon die Wahl des Ortes war Teil der Botschaft an den Vatikan. Bei dem Treffen, so berichtete es zuerst "The Free Press", sei der Papstbotschafter regelrecht bedroht worden. Eine Darstellung, die der Vatikan übrigens nicht dementiert hat. Die USA, als stärkste Militärmacht der Welt, so sei ihm im Pentagon bedeutet worden, könnten überall eingreifen, wie sie es wollten, und Staatschefs - wie Venezuelas Maduro - einfach im Schlafe abholen. Die Katholische Kirche sei besser beraten, Trump zu folgen.
Ohne Trump namentlich erwähnt zu haben, prangert Papst Leo von Woche zu Woche die Trumpsche Politik der Gewalt an. Dabei sprach der amerikanische Papst zu den Gläubigen beinahe in der Sprache amerikanischer evangelikaler Prediger, als er den Propheten Jesaja zitierte: "Wenn ihr auch noch so viel betet, ich höre es nicht. Eure Hände triefen vor Blut." Mit dem Bild von Trump, Hegseth und Vance vor Augen, die gemeinsam für den Erfolg ihres Krieges beten - für Papst Leo ist das Gotteslästerung, Blasphemie. Und das sagt er immer deutlicher.
Absage an "heiligen Krieg"
Papst Leos Worte und die seiner Prediger zu Ostern waren eine direkte Absage an jede Form von "heiligem Krieg". Gott, so Leo, lasse sich nicht instrumentalisieren. Wer Gewalt ausübt, verliere den Anspruch, sich auf ihn zu berufen: "Unser Gott ist ein König des Friedens, der das Gebet derer, die Krieg führen, nicht erhört". Papst Leos Ton ist bemerkenswert direkt. Hinter der diplomatischen Sprache steht eine klare politische Botschaft: Die Spirale aus religiöser Aufladung, geopolitischer Eskalation und moralischer Rechtfertigung muss durchbrochen werden, der sich auf der Welt ausbreitende "Kriegswahn" müsse unterbrochen werden, denn "der Krieg sei wieder in Mode gekommen".
Für die Haltung Trumps ist ein spezieller Brief aus Rom von großer Bedeutung, und zwar der letzte Brief von Papst Franziskus an die US-Bischöfe vom 10. Februar 2025, der sich sehr kritisch mit der verschärften Migrationspolitik der USA auseinandersetzt. Die Massendeportationen der ICE-Behörde definierte Papst Franziskus darin als moralische Fehlentwicklung, er verteidigt die illegalen Migranten, die nicht automatisch als Kriminelle angesehen werden dürften. Die Massendeportationen würden die Menschenwürde verletzen.
Im Vatikan weiß es ein jeder: Diese harte und deutliche Verurteilung der ICE-Massendeportationen, die in den Morden von Minneapolis gipfelte, floss direkt aus der Feder von Kardinal Prevost, unterschrieben vom Argentinier, aber eben geschrieben vom amerikanischen Kardinal. Klare Worte, die ihm, unter anderem, auch den Weg zum Throne Petri eröffnet haben dürften. Die gesamte lateinamerikanische Kirche stand ab da geschlossen hinter Prevost, und viele US-Bischöfe, deren Kirchgänger nicht selten lateinamerikanische Wurzeln haben, gingen auf Distanz zu Trump. Schließlich ließ der gerade das eigene Kirchenvolk abholen. Prevost schrieb Franziskus dieses klare Urteil in den Brief: "Migration policies built on force (…) will end badly." Migrationspolitik, die auf Zwang basiert, wird böse enden.
Das übliche Geseiere?
Damit war die Grenzlinie schon gezogen. Das wird das Trump-Gefolge damals weder gelesen noch verstanden, sondern nur als das übliche Papst-Geseire angesehen haben. Nach dem Motto: So muss ein Papst eben reden. Wobei die evangelikal-rechtsradikal aufgehetzten Influencer, die damals noch alle hinter Trump standen, die Hoffnung hatten, mit Prevost einen Patrioten auf dem Thron im Vatikan zu finden.
Die klare päpstliche Sprache zu Ostern hat endgültig durchgeschlagen, die Drohkulisse im Pentagon hat nicht gefruchtet. Die Megalomanie, die Verherrlichung des Krieges, der Tanz um den Götzen Mammon, all das steht orthogonal auf den christlichen Minimalwerten. Der Papst konnte gar nicht anders, als deutlich zu widersprechen.
Vielleicht nimmt sich Papst Leo XIV. ja auch ein Beispiel an Papst Leo dem Großen, der sich im Jahre 452 dem Hunnenkönig Attila entgegenstellte: Als die Hunnen in das Gebiet des heutigen Italien einmarschiert waren, trat ihnen Leo bei Mantua entgegen und bewog sie zur Umkehr. Der Legende zufolge sollen dabei die Apostelfürsten Petrus und Paulus dem Hunnenkönig mit gezückten Schwertern erschienen sein und so der geistlichen Macht zum Triumph über die Hunnen verholfen haben.
Nicht immer mit-, aber nie ohneeinander
Es gehört zur politischen Folklore der Vereinigten Staaten, dass Präsidenten mit Päpsten differieren. Ronald Reagan rang mit Johannes Paul II. um die geopolitische Ordnung des Kalten Krieges - und fand einen Partner beim Sieg über den Kommunismus. Der polnische Papst und der US-Präsident Reagan fanden in der polnisch-katholischen Gewerkschaft Solidarność den Hebel, um den Kommunismus aus den Angeln zu heben. Barack Obama hatte mit Franziskus sehr ähnliche Diskussionen über Migration und soziale Gerechtigkeit, aber Obama suchte den Dialog.
Das, was sich zwischen Donald Trump und Leo XIV. abspielt, ist von einem anderen Ausmaß: Es ist keine Differenz, sondern ein offener politischer Angriff. Der Kampf des US-Präsidenten gegen das geistliche Oberhaupt von 1,4 Milliarden Menschen. Es geht dabei nicht nur um Animositäten oder Stilfragen. Hier steht ein gewaltverherrlichender Präsident, der seine Interessen rücksichtslos durchsetzen will, dessen Sprache vulgär, aggressiv, blasphemisch ist. Leo XIV. dagegen formuliert - ganz in der Tradition seiner Vorgänger - eine Ordnung, die auf Regeln, Institutionen und universellen Werten beruht. Seine Kritik bleibt abstrakt, aber präzise: gegen die "Diplomatie der Gewalt", gegen "Lügen und Propaganda", für Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde. Jeder weiß, wer damit gemeint ist.
Begonnen hat es noch beinah sanft, mit dem Brief vom 10. Februar 2025, von Papst Franziskus unterschrieben. Leo XIV. führt diese Linie fort. Wenn er die "Würde jedes Menschen" betont oder zur Stimme für Migranten aufruft, ist das keine parteipolitische Intervention - sondern eine Anwendung katholischer Soziallehre, die übrigens in direkter Nachfolge von Leo XIII. steht, dem Vater der katholischen Soziallehre.
Trumps Weltordnung ist Mittelalter
Die Brisanz des Konfliktes liegt darin, dass Trump eine 2000 Jahre alte, weltweite Institution angreift. Eine Institution, die sich ihm entzieht, die er nicht besetzen, deren Staatschef er nicht einfach entführen kann. Das alles gab es in der Geschichte der Katholischen Kirche, als Rom noch eine weltliche Macht war, ein eigenes Heer hatte, sich mit den Königen Europas auf dem Schlachtfeld maß. Trumps Weltordnung ist mittelalterlich.
Der Papst verteidigt die Weltordnung, die sich gerade unter amerikanischer Mitwirkung gebildet hat: "Das nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte Prinzip, das die Anwendung von Gewalt zur Verletzung fremder Grenzen verbietet, ist vollständig untergraben worden." Leo sucht nicht den Kampf mit Trump. Er kritisiert Trump auch als Amerikaner, indem er an die amerikanische Demokratie erinnert, deren Grundlagen gerade vom Trump demontiert werden: "Ein System, das Staatskunst höher bewertet als taktisches Spiel, das Gemeinwohl über nationale Expansion stellt und grundlegende Anständigkeit über chauvinistische Einschüchterung", wie es David Gibson von der Fordham-Universität beschreibt.
Papst Leo spricht über Verhaltensweisen, hat bisher keine Namen genannt. Gibson zitiert den Papst: "Das Kennzeichen jeder zivilisierten Gesellschaft besteht darin, dass Unterschiede mit Höflichkeit und Respekt ausgetragen werden". Vor dem diplomatischen Korps erklärte der Papst, dass Ehrlichkeit die größte Tugend sei und verurteilt den Krieg der Worte, der "bewaffnet mit Lügen, Propaganda und Heuchelei" ist.
Wir dürfen annehmen, dass diese Worte des Papstes dem Autokraten in Washington wie auf den Leib geschneidert wurden und dort nicht gefallen haben. Von einer Reise in seine alte Heimat hat der Papst erst einmal Abstand genommen. Er ist schließlich auch Peruaner.
