Panorama

Maßnahme versagt in Frankreich Une Ausgangssperre? Mais non …

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In Bordeaux treffen sich die Menschen wegen der Ausgangssperre abends in ihren Wohnungen.

(Foto: imago images/Hans Lucas)

Nun also der nächste Streich: Eine Ausgangssperre von 21 bis 5 Uhr, wenn Bundesländer die Inzidenzgrenze von 100 reißen. In Frankreich gibt es auch eine Ausgangssperre, allerdings eine viel strengere. Und funktioniert sie? Ein Abend in Bordeaux gibt Aufschluss.

Ich bin sehr spät in Bordeaux angekommen. Deshalb galt die Ausgangssperre für mich nicht. Es gibt einen Zettel, den man ausfüllen muss - eine sogenannte Selbsterklärung. Darauf steht, warum ich am Tage den Zehn-Kilometer-Radius um meine Wohnung überschreite. Und warum ich nachts überhaupt rausgehe. Dafür kann es viele Gründe geben: Für die Arbeit, kann man ankreuzen. Für einen Arztbesuch. Oder: Für den Sport. Auch, weil ich zu Gericht muss. Ich kreuzte an: Reise. Aus dienstlichen Gründen.

Und dann ging ich um kurz nach 22 Uhr durch die Stadt, vom Bahnhof in mein Quartier an der alten Oper. 22 Uhr. Das ist drei Stunden, nachdem die Ausgangssperre beginnt. Die gilt hier nämlich zwischen 19 und 6 Uhr am Morgen.

Tatsächlich ist Bordeaux wie ausgestorben. Besonders all die Plätze, die sonst voller Menschen sind, erst recht an einem warmen Wochenendabend. Auf dem Place de Parlement, wo sie sonst sitzen, bei Champagner und baskischen Tapas, ist es menschenleer. Am Wasserspiegel am Flussufer der Garonne, durch den sonst die Kinder tollen, ist das Wasser abgelassen, niemand hier, wirklich: niemand. Die einzigen, die mit halsbrecherischer Geschwindigkeit auf der Rue Sainte-Catherine unterwegs sind, sind die Fahrer der Lieferdienste auf Rädern und Elektrorollern. Die für UberEats oder Deliveroo für einen Hungerlohn das Essen der Anderen ausfahren.

Feiernde an den Fenstern

Erst denke ich, es ist ein Einzelfall, aber nach zwanzig Minuten Fußweg wird mir langsam klar: Diese Stadt ist nicht ausgestorben, sie wirkt nur so. Denn erst höre ich es nur von einem Balkon, dann von noch einem, dann gehe ich um eine Straßenecke und wieder: Musik. Laute Musik. Viele Stimmen, fröhlich, schwatzend, rufend, jubelnd. So, wie es sonst beim Apéro auf der Place du Parlement klingt.

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Bald sehe ich sie auch, die Feiernden: Sie stehen an den Fenstern und rauchen, es sind junge Menschen und nicht mehr ganz so junge. Sie halten Gläser in den Händen, Zigaretten, Joints, es riecht nach Essen, nach Cannabis, es ist ein Duftteppich in den Straßen. Das Wochenende wird gefeiert, egal, ob nun Confinement ist oder nicht. Es ist Geselligkeit, es ist Frankreich. Nur irgendwie müssen sie ja auch nach Hause kommen, nachher, in der Ausgangssperre. Ich kann einer Frau auf dem Balkon zurufen, wie sie das anstellt.

"Ach, wir machen einfach durch bis Morgen früh", ruft sie und lacht. Andere werden es einfach so versuchen, nach Hause zu kommen. Man kann ja auf seinem Zettel irgendwas ankreuzen. Außerdem kann die Polizei ja nicht überall gleichzeitig sein.

Und das ist das Problem mit der Ausgangssperre - es ist wieder so ein Instrument, das nach irrsinniger Verschärfung aussieht - aber es funktioniert eben nicht. Wenn nicht mal mehr die Menschen in Frankreich Sorgen haben, erwischt zu werden. Denn in Frankreich gibt es patrouillierende Polizisten. Und die Flics der Police Nationale, der CRS, auch der Gendarmerie, die greifen durch - dagegen sind die Polizisten zwischen Lübeck und Garmisch freundliche Herren in adretter Uniform, mit denen man noch angenehm plaudern und verhandeln kann.

Ausgangssperre in homöopathischen Dosen

Was soll also eine Ausgangssperre bringen, noch dazu in homöopathischen Dosen, zwischen 21 und 5 Uhr? Ehrlich? Sie bringt gar nichts, vielleicht sogar noch das Gegenteil von dem, was sie erreichen soll. Im tiefsten Winter, da wäre sie vielleicht eine Maßnahme gewesen, die Menschen zwischen dem frühen Abend und dem Morgen daheim zu halten. Aber nun? Nun hätte man die Möglichkeit, die Außengastronomie zu öffnen, um bei den höheren Temperaturen sich endlich wieder unter freiem Himmel treffen zu können, auf ein oder zwei Gläser und mit dem außerordentlich guten Schutz der frischen Luft - denn in Biergärten, auf Caféterrassen, überhaupt draußen sind Ansteckungen sehr selten.

Stattdessen zwingt die Politik die Menschen genau ins Gegenteil: Die Menschen treffen sich in den Wohnungen, in großen Gruppen, bei viel Alkohol, unbeobachtet, ohne Hygienekonzept. Und nach vier, fünf Stunden gibt es quasi die Garantie gratis dazu, dass man sich angesteckt hat, sollte doch jemand in der Wohnung coronapositiv gewesen sein. Meine Beobachtung an diesem Abend bezog sich dabei natürlich nur auf die herrliche Altstadt von Bordeaux, mit ihren herrschaftlichen Wohnungen, groß und reich. Wie es in den weniger wohlsituierten Vororten zugeht, kann ich nur ahnen - weniger Partys, weniger Treffen, weniger Ansteckungen wird es dort sicher nicht geben.

Das Confinement dauert nun schon eine gute Woche, doch die Neuinfektionen sinken nicht, im Gegenteil: Es waren wieder über 41.000 am Freitag. Die Inzidenz in Bordeaux liegt bei 228, rund um Paris deutlich über 400, mancherorts bei 660. Allein das wäre also ein gutes Argument gegen eine Ausgangssperre.

Massen von Menschen - glücklichen Menschen

Aber einen Tag später bin ich noch weitergereist. Nach Spanien. Genauer nach San Sebastián, das sind von der Grenze 15, vielleicht 20 Minuten Fahrtzeit. Ich muss ehrlich zugeben: Ich war kurz erschrocken, habe mich auf den engen Gehwegen der Altstadt ganz klein gemacht. Von der schieren Masse der Menschen war ich überwältigt. Von vollen Außenbereichen der Cafés. Von den Terrassen, Stuhl an Stuhl, Menschen mit Gläsern und Flaschen und Masken vor den Gesichtern. Ich muss sagen: glücklichen Menschen. Lange habe ich in Deutschland nicht mehr so viel Lachen gesehen, so viele Gespräche, die nicht die Worte Lockdown, Inzidenz und Intensivbetten beinhalteten.

Bis 20 Uhr darf jede Bar, jedes Café, jedes Restaurant geöffnet haben, innen und außen. Darf Geld verdienen, in diesen schweren Zeiten. Es gibt Regeln: Nur wer sitzt, wird bedient, es gibt genügend Abstände, wenn man nicht isst oder trinkt, setzt man die Maske auf. Es ist gesittet und lustig. Und es ist würdevoll. Niemand muss sich seine Pizza oder sein Steak holen und daheim aus Plastikverpackungen essen. Es gibt Besteck und echte Teller, echte Gläser, allein das verändert eine ganze Welt.

Das ist nicht etwa ein neuer Versuch: In den meisten Regionen Spaniens ist das nun schon seit langem so. In der ersten Welle hatte das Land einen der härtesten Lockdowns: Wochenlang saßen die Spanier daheim in ihren Wohnungen, sogar Spaziergänge waren verboten. Das soll nie wieder passieren. Schon im Januar, als wir noch in Portugal im Lockdown waren, konnte man in Spanien drinnen und draußen einkaufen, konsumieren, essen gehen.

Keine Explosion der Zahlen

Und nun kommts: Es gibt keine Explosion der Zahlen. Trotz dieser Zustände. Die Inzidenz im Baskenland liegt bei 150, im ganzen Land bei gerade mal 90, in Galizien bei 33 - obwohl auch hier alle Läden, Bars, Restaurants geöffnet sind. In sieben Tagen gab es knapp 50.000 neue Fälle, so viel wie an zwei Tagen in Deutschland. Und es gibt keinerlei Anzeichen, dass sich das ändert.

Vielleicht es ja doch mal eine gute Idee, den Tellerrand zu überblicken - und von denen zu lernen, die die Zahlen gesenkt haben. Deutschland aber will es derzeit den Ländern nachmachen, die trotz strenger Lockdowns immer noch viel zu große Probleme haben.

Quelle: ntv.de

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