Panorama

Mutmaßlicher Täter von Frankfurt Verdächtiger hat psychische Probleme

Nach dem Mann, der am Montag in Frankfurt ein Kind und dessen Mutter vor einen ICE gestoßen haben soll, wurde seit Tagen in der Schweiz gesucht. Er soll eine Nachbarin bedroht und gewürgt haben und wurde daraufhin zur Fahndung ausgeschrieben. Außerdem soll er an psychischen Problemen leiden.

Der mutmaßliche Angreifer vom Frankfurter Hauptbahnhof leidet nach Angaben der Züricher Polizei an psychischen Problemen und war in der Schweiz zur Festnahme ausgeschrieben. Er soll am vergangenen Donnerstag eine Nachbarin mit einem Messer bedroht und eingesperrt haben und danach geflüchtet sein, wie ein Sprecher der Kantonspolizei in Zürich sagte. Auch seine Frau und die drei gemeinsamen Kleinkinder im Alter von einem, drei und vier Jahren habe der 40-Jährige in der Wohnung in Wädenswil im Kanton Zürich eingeschlossen, hieß es. Bis dahin sei er nur wegen eines geringfügigen Verkehrsdelikts aufgefallen.

Der Mann habe "unter psychischen Problemen" gelitten und sei deswegen in Behandlung gewesen, sagte Staatsanwalt Thomas Brändli bei einer Pressekonferenz in Zürich. Nach Angaben der dortigen Polizei sei er wegen der psychischen Probleme krankgeschrieben gewesen und habe seit Anfang 2019 nicht mehr gearbeitet. Eine Hausdurchsuchung - die erst nach der Attacke in Frankfurt stattfand - habe "keine Hinweise auf Radikalisierung oder ein ideologisches Motiv des Täters" geliefert, sagte der Chef der Kantonspolizei Zürich, Bruno Keller. Er betonte zudem: "Für die Ehefrau und die Nachbarin waren der Gewaltausbruch des Mannes überraschend, sie sagten übereinstimmend, dass sie ihn noch nie so erlebt hatten."

Mann zuvor nicht auffällig

Am Montag hatte mutmaßlich derselbe Mann am Frankfurter Hauptbahnhof einen Jungen und dessen Mutter vor einen einfahrenden ICE gestoßen. Der achtjährige Junge starb noch im Gleisbett, die Mutter konnte sich retten und wurde verletzt. Eine dritte Person, eine 78-Jährige, die der Tatverdächtige auch attackiert hatte, konnte sich in Sicherheit bringen, ohne auf die Gleise zu stürzen. In Frankfurt wurde am Dienstagnachmittag Haftbefehl gegen den mutmaßlichen Täter erlassen. Wegen des Verdachts des Mordes und des zweifachen versuchten Mordes sitzt er nun in Untersuchungshaft, wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagte.

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Bundesinnenminister Horst Seehofer und Bundespolizeipräsident Dieter Romann bei der Pressekonferenz in Berlin.

(Foto: REUTERS)

Die Gewalt gegen die Nachbarin sowie die eigene Familie hätte die Schweiz zuvor bereits "zum Anlass genommen, ihn national zur Festnahme auszuschreiben", sagte Bundespolizeipräsident Dieter Romann. Zu dem mutmaßlichen Täter habe es in deutschen oder europäischen Datenbanken keinen Eintrag gegeben. Die Schweizer Ermittler hätten mittlerweile einen Sonderstab zur Unterstützung der deutschen Behörden eingerichtet, hieß es in Zürich.

Der in Eritrea geborene Mann war den Angaben Romanns zufolge im Jahr 2006 unerlaubt in die Schweiz eingereist. Im Jahr 2008 wurde ihm Asyl gewährt. Er sei lange einer festen Arbeit nachgegangen und gut integriert gewesen, "aus Sicht der Behörden vorbildlich", sagte Romann. Gegenüber n-tv teilte Romann mit, dass bisher nichts zum möglichen Motiv des Täters bekannt sei.

Seehofer: Sicherheit an Bahnhöfen verbessern

Mit Blick auf die Tat in Frankfurt sprach CSU-Bundesinnenminister Horst Seehofer von einem "kaltblütigen Mord" und "grässlichem Verbrechen". Es werde jetzt ein Spitzengespräch - vermutlich auch mehrere - zwischen seinem Ressort, dem Bundesverkehrsministerium und der Deutschen Bahn AG zu der Frage geben, wie sich die Sicherheit an Bahnhöfen erhöhen lasse. Seehofer forderte zunächst eine größere Polizeipräsenz an Bahnhöfen. Außerdem müsse man technische Möglichkeiten zur Verbesserung der Sicherheit prüfen - "und zwar vorurteilsfrei", sagte der CSU-Politiker. Geld dürfe dabei keine Rolle spielen. Er erneuerte auch seine Forderung nach einer stärkeren Videoüberwachung im öffentlichen Raum. Seehofer betonte, es handele sich um eine "komplexe Aufgabe", weil es in Deutschland rund 5600 Bahnhöfe mit völlig unterschiedlichen Strukturen gebe.

Seehofer hatte für das Gespräch mit den Sicherheitsbehörden seinen Urlaub unterbrochen. Er betonte mehrmals, dabei gehe es nicht nur um den Frankfurter Fall. Es habe in den vergangenen Wochen "verschiedene, schwerwiegende Delikte" gegeben. Obwohl die allgemeine Kriminalität zurückgehe, sei das Sicherheitsgefühl in Deutschland entsprechend "sehr angespannt". Er sprach von einer "Werte-Erosion" und einer "Polarisierung" der Gesellschaft. Der Innenminister verwies auf die Randale von rund 50 Jugendlichen vor einer Polizeidienststelle in Starnberg und auf wiederholte Tumulte von Jugendlichen und jungen Männern im Düsseldorfer Rheinbad.

Beim Ausländer- und Aufenthaltsrecht sehe er derzeit "keinen Änderungsbedarf", betonte der Minister. Denn der mutmaßliche Täter habe eine "Niederlassungserlaubnis" in der Schweiz und sei "legal in die Bundesrepublik Deutschland eingereist".

Am Abend erinnerten rund 400 Menschen mit einer Andacht an den getöteten achtjährigen Jungen. Der Tod des Kindes sei für die Angehörigen eine "sinnlose Katastrophe", sagte der Leiter der Frankfurter Bahnhofsmission, Carsten Baumann. Zunächst war geplant, die Andacht in der Bahnhofshalle abzuhalten, wegen des erwarteten großen Andrangs wurde sie aber auf den Vorplatz verlegt. "Wir dürfen nicht zulassen, dass jetzt Gedanken von Hass um sich greifen", sagte die Pfarrerin der Evangelischen Hoffnungsgemeinde, Jutta Jekel. An dem Gottesdienst nahmen Vertreter der katholischen und evangelischen Gemeinden in Frankfurt teil - darunter auch Mitarbeiter der Bahnhofsmission und der eritreischen Kirchengemeinden Frankfurt. Neben dem Gottesdienst gab es auf dem Bahnhofsvorplatz auch zwei Mahnwachen unterschiedlicher politischer Gruppierungen.

Quelle: n-tv.de, aeh/dpa/AFP

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