Panorama

Alle Getesteten ohne Symptome Warum Aichach-Friedberg Corona-Hotspot ist

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Möglicherweise kamen die Erntehelfer bereits infiziert auf den Spargelhof.

(Foto: picture alliance / Jens Büttner/)

Aichach-Friedberg ist derzeit der einzige deutsche Landkreis, der die Obergrenze von neuen Corona-Infektionen überschreitet. 75 Fälle registrierten die Behörden dort in den vergangenen Tagen. Was ist da los und ist das ein Anlass zur Sorge?

Die ntv.de-Karte der aktuellen Virus-Lage in Deutschland wird immer grüner. Das heißt, die meisten Landkreise registrieren keine Neuinfektionen mehr oder sind auf dem besten Weg, "coronafrei" zu werden. Nur Aichach-Friedberg leuchtet alarmrot, weil er die von der Bundesregierung vorgegebene Obergrenze überschreitet. Ab 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen können die Behörden verschärfte Corona-Maßnahmen verordnen, in Bayern liegt die Grenze sogar nur bei 35. Aichach-Friedberg hat aktuell eine Sieben-Tage-Inzidenz von 56,14 (Stand: 11. Juni, 10 Uhr).

Auf den ersten Blick ist es erstaunlich, dass ein dünn besiedelter ländlicher Kreis in Bayern mit insgesamt gerade mal rund 135.000 Einwohnern zum einzigen Corona-Hotspot Deutschlands wird. Doch wenn man weiß, wo genau die Infektionen festgestellt wurden, ist es nicht mehr so außergewöhnlich. Wie das Landratsamt am 31. Mai mitteilte, wurden auf einem großen Spargelhof zwei Saisonarbeiter positiv getestet. 47 weitere Erntehelfer, mit denen die Betroffenen engen Kontakt hatten, wurden daraufhin vom örtlichen Gesundheitsamt unter Quarantäne gestellt und ebenfalls getestet, 19 von ihnen positiv.

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Quarantäne bedeutete in diesem Fall gesonderter Containerblock, separate Essensausgabe, Zweibettzimmer, zweimal täglich Temperatur messen, Mund-Nasen-Schutz beim Verlassen des Zimmers. Die Maßnahmen seien kontrolliert und eingehalten worden, schreibt das Gesundheitsamt.

Am 1. Juni äußerte sich der Chef des Gesundheitsamts noch optimistisch. Er erwarte nicht, dass alle Erntehelfer getestet werden müssen, sagte er der "Augsburger Allgemeinen". Dabei lobte er ausdrücklich die gute Zusammenarbeit mit dem Inhaber der Lohner Agrar GmbH in Inchenhofen. Sie würden alle Vorgaben hervorragend und penibel genau umsetzen. So würden etwa Listen geführt, wer mit wem Kontakt hat und eigene Wege für die Essensausgabe eingerichtet. Auch vorher habe sich der Betrieb bereits bemüht, eine Corona-Ausbreitung vorzubeugen und beispielsweise in extrakleinen Gruppen arbeiten lassen.

Mehr als 500 Tests

Letztendlich sah das Gesundheitsamt Aichach-Friedberg dann doch die Notwendigkeit, alle Erntehelfer des Spargelhofs zu testen, was immerhin mehr als 500 Personen sind. Das Gesamtergebnis will die Behörde erst kommenden Montag bekannt geben. Aber Testlabore sind verpflichtet, positive Ergebnisse innerhalb von 24 Stunden an die Gesundheitsämter zu melden, die diese dann an die Landesämter schicken, die wiederum die Zahlen dem Robert-Koch-Institut übermitteln.

Durch Verzögerungen können die Zahlen schwanken, eine Inzidenz kann auch deutlich sinken, obwohl neue Infizierte hinzukommen, wenn vorangegangene Meldungen nicht mehr im zugrunde gelegten Zeitfenster passierten. Für Aichach-Friedberg verzeichnete das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit vom 10. auf den 11. Juni 41 neue Fälle, insgesamt wurden in dem Kreis in den vergangenen sieben Tagen 75 Neuinfizierungen registriert. Pro 100.000 Einwohnern entspricht dies einer Inzidenz von 56,14.

Blickt man stur auf die Obergrenzen, könnte man sich deswegen Sorgen machen. Doch Aichach-Friedberg ist ein gutes Beispiel dafür, dass ein Hotspot noch lange kein Grund sein muss, Corona-Maßnahmen im ganzen Landkreis zu verschärfen. Denn wie das Gesundheitsamt mitteilt, sind "außerhalb des Spargelhofs die Infiziertenzahlen im Landkreis weiterhin völlig unauffällig, lagen zuletzt bei null." Dies würde in erster Konsequenz ausschließlich Maßnahmen für den Spargelhof nach sich ziehen, so die Behörde.

Kein positiv Getesteter zeigte Symptome

Doch auch die Infektionslage auf dem Spargelhof ist nicht so eindeutig, wie die Zahlen vermuten lassen. Auffällig sei, dass von den insgesamt mehr als 550 getesteten Personen keine einzige Covid-19-Symptome gehabt habe, schreibt der Leiter des örtlichen Gesundheitsamts. Nach derzeitigem Stand der Wissenschaft sei demnach nicht sicher, ob die positiv Getesteten auch wirklich ansteckend sind. Der Abstrichtest unterscheide nicht zwischen aktiven und bereits abgestorbenen Viren im Rachenraum.

An einer schlechten Unterbringung der vielen Saisonarbeiter kann der Ausbruch dem Amtsleiter zufolge eigentlich nicht liegen: "Das Konzept des Spargelhofes war bereits vorab vom Gesundheitsamt ausdrücklich gelobt worden, vor allem für die strikte Aufteilung in Kleingruppen." Er sieht eine mögliche Erklärung darin, dass die positiv Getesteten die eigentliche Erkrankung bereits früher durchgemacht haben, möglicherweise auch schon vor der Einreise. Dies würde auch dazu passen, dass es rund um den Hof praktisch keine Neuinfektionen gibt, auch in den umliegenden Landkreisen liegen die Inzidenzen zwischen 0 und 2,4.

Asymptomatisch = nicht ansteckend?

Vielleicht zeigten viele der infizierten Saisonarbeiter nie irgendwelche Corona-Symptome. Und bei solchen Krankheitsverläufen ist sich die Wissenschaft aktuell noch nicht sicher, wie ansteckend solche Personen überhaupt sind. So twitterte Maria Van Kerkhove von der WHO kürzlich, dass die Wahrscheinlichkeit, dass solche Patienten das Virus verbreiteten wesentlich geringer sei als bei Infizierten mit Symptomen. Sie bezog sich dabei auf ein Papier der WHO vom 5. Juni, das den Forschungsstand zu dieser Problematik zusammenfasste. Sie betonte, dass damit nicht Infizierte gemeint seien, die noch keine Symptome zeigten, später aber sehr wohl.

Trotzdem bekam sie in der Fachwelt viel Gegenwind und musste ihre Aussage präzisieren. Sie sei missverstanden worden und habe nicht behaupten wollen, dass Ansteckungen durch asymptomatische Infizierte weltweit sehr selten seien, sagte sie laut dpa-Faktencheck. Vielmehr hätten einzelne WHO-Mitgliedsstaaten gemeldet, bei Nachverfolgungen von Infektionsketten seien solche Ansteckungen nur "sehr selten" aufgefallen. Wissenschaftliche Modelle und Schätzungen gingen hingegen davon aus, dass bis zu 40 Prozent aller Ansteckungen auf asymptomatisch Infizierte zurückgehen könnten. Diese Art der Verbreitung sei eine sehr komplexe Frage und vieles sei noch unbekannt. "Wir haben noch keine Antwort."

Quelle: ntv.de