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Deutsche und Schweizer profitieren Warum Bern das Gurlitt-Erbe annimmt

Als Cornelius Gurlitt seine umfangreiche Kunstsammlung nach Bern vererbte, waren die Schweizer völlig unvorbereitet. Inzwischen hatten sie Zeit, sich mit der delikaten Gabe zu befassen. Sie abzulehnen, war schließlich keine Option mehr.

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Das Kunstmuseum Bern erbte überraschend den gesamten Besitz von Cornelius Gurlitt.

(Foto: dpa)

Anfang Dezember läuft die gesetzliche Frist ab, innerhalb derer das Berner Kunstmuseum das Erbe ausschlagen könnte, das ihm überraschend der Kunstsammler Cornelius Gurlitt zugedacht hat. Offenbar haben sich die Berner entschlossen, die rund 1600 Gemälde, Zeichnungen und Grafiken anzunehmen. Zu verlockend ist es wohl für das auf Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts spezialisierte Museum, in den Besitz von Werken von Max Beckmann, Marc Chagall, Ernst Ludwig Kirchner, Franz Marc, Pablo Picasso, Pierre-Auguste Renoir oder Carl Spitzweg zu kommen.

Es ist ein großes, aber auch äußerst unwägbares Erbe. So enthält die Sammlung einige Kunstwerke, die von den Nazis als "entartete Kunst" aus Museen entfernt worden waren. Es haben sich bereits Museen gemeldet, die die Rückführung von Werken in ihre Sammlungen fordern. Unklar ist zudem, wie viele Arbeiten schließlich als Raubkunst eingestuft werden. Auch für die Rückgabe von Bildern, die die Nazis ihren jüdischen Eigentümern geraubt haben oder die diese in höchster Not verkaufen mussten, muss ein Weg gefunden werden.

Hinter den Kulissen wurde in den vergangenen Wochen an einer Lösung gefeilt, von der sowohl das Museum in Bern als auch die Bundesrepublik profitieren sollen. Auf den ersten Blick sieht es dabei so aus, als machten vor allem die Berner ein gutes Geschäft. Glaubt man dem, was Schweizer Medien herausgefunden haben wollen, bleibt die deutsche Taskforce mit der Erforschung früherer Besitzverhältnisse der einzelnen Werke betraut. Das würde für den Bund als auch den beteiligten Freistaat Bayern eine Menge Arbeit und erhebliche Kosten bedeuten. Angeblich trägt der deutsche Staat auch die Risiken möglicher Prozesskosten und kommt den Schweizern steuerlich entgegen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters bestätigte lediglich Verhandlungen mit den Schweizern, ohne sich jedoch zu Details zu äußern. "Ich bin überzeugt, wir werden zu einer guten und vernünftigen Lösung kommen", sagte sie dem "Spiegel".

Neuer Umgang mit Raubkunst

Trotzdem zitierte die "Süddeutsche Zeitung" die Leiterin der Taskforce, Ingeborg Berggren-Merkel, mit den Worten: "Ich bete täglich, dass Bern annimmt." Und auf die Schweizer kommt auch ohne die Kosten für die Herkunftsforschung einiges zu. Die Betreuung, Lagerung und Versicherung einer so umfangreichen Sammlung verschlingt sicher Zehntausende Euro. Ob sich der Schweizer Staat an diesen Kosten beteiligen würde, ist noch nicht klar. Zum Gurlitt-Erbe gehören aber neben der Kunstsammlung auch Geld und Immobilien, die für diese Kosten eingesetzt werden könnten. Ein mögliches Vorgehen in dieser Richtung kündigte der Berner Museumsdirektor Matthias Frehner bereits nach der Bekanntgabe der Erbschaft an.

Schweizer Experten geben aber auch zu bedenken, dass die Annahme des Gurlitt-Erbes in ihrem Land einen Zeitenwechsel im Umgang mit den Washingtoner Prinzipien für den Umgang mit Raubkunst bedeuten könnte. Bisher werden in der Schweiz nur unmittelbar geraubte oder abgepresste Werke als Raubkunst betrachtet. Deutschland wendet den Begriff längst auf alle "verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgüter" an. Darunter fallen auch Verkäufe, mit denen die Flucht, die "Reichsfluchtsteuer" oder der Unterhalt in der Emigration bestritten wurden. Im Zuge einer Lex Gurlitt könnte dies auch in der Schweiz künftig gang und gäbe werden.

Kunstexperten mutmaßen, das Museum in Bern könnte das Erbe wohl kaum annehmen, ohne deutschen Museen zuzugestehen, dass sie die ihnen entzogenen Kunstwerke wenigstens als Leihgaben zurückerhalten. Zwar gelten die Werke, die als "entartete Kunst" verkauft wurden, als rechtmäßig erworben. Doch was juristisch recht ist und was moralisch, sind in diesem Fall zwei sehr unterschiedliche Dinge. Das Entgegenkommen gegenüber den deutschen Museen könnte der Beginn einer umfassenderen Auslegung der Washingtoner Prinzipien auch in der Schweiz sein.

Bisher hatte das Museum in Bern seine Entscheidung für den 26. November angekündigt. Nun gibt es überraschend bereits zwei Tage früher einen gemeinsamen Termin des Museums mit dem Bund und dem Freistaat Bayern in Berlin. Das spricht dafür, dass man sich tatsächlich einig geworden ist.

Quelle: n-tv.de

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