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Sind Corona-Leugner schuld? Warum Sachsen zum Corona-Hotspot wird

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Verschwörungsideologien und Protestbewegungen stoßen in Sachsen auf fruchtbaren Boden.

(Foto: imago images/opokupix)

Sachsen ist die neue Corona-Hochburg Deutschlands: In mehreren Landkreisen liegt der Inzidenzwert inzwischen bei mehr als 400 - die kritische Grenze ist bereits bei 200 erreicht. Seit Wochen meldet der Freistaat immer höhere Infektionszahlen. Doch warum gerade hier? Dazu gibt es verschiedene Theorien.

In Sachsen wütet das Coronavirus scheinbar ungebremst: In keinem anderen Bundesland breitet sich Sars-CoV-2 derzeit schneller aus als im Freistaat. Aktuell meldet Sachsen 1763 Neuinfektionen. Am Montag waren es sogar mehr als 4800 neue Fälle - ein bundesweiter Höchstwert. 10 der 13 Landkreise und kreisfreien Städte liegen derzeit über der kritischen Grenze von 200 Infektionen auf 100.000 Einwohner in sieben Tagen. Bei zwei Kreisen liegt der Inzidenzwert sogar bei mehr als 400 - im Landkreis Bautzen und im Erzgebirgskreis. Auffällig dabei: Große Städte wie Dresden oder Leipzig kommen vergleichsweise glimpflich davon.

*Datenschutz

Einen Grund, warum von der Corona-Ausbreitung vor allem die ländlichen Regionen Sachsens betroffen sind, sieht Gesundheitsministerin Petra Köpping im engen Familien- und Freundesleben auf dem Land. In den Dörfern sei das Sicherheitsgefühl größer und die Leute somit unvorsichtiger. Der starke Zusammenhalt sei zwar schön, sagte die Ministerin dem MDR, "doch diese engen freundschaftlichen Bande, diese engen Familienfeiern im Dorf, die führen dazu, dass man in diesen Kreisen sehr leichtsinnig wird".

Die meisten Neuinfektionen können, anders als im Frühjahr, nicht mehr genau zugeordnet werden. Man wisse aber, dass knapp 25 Prozent der Infektionen bei Familienfesten und Partys zustandekommen, mahnte Köpping. "Eben da, wo sich Menschen für längere Zeit treffen und näherkommen." Dazu gehören auch "kleine Dorffeste", so die Gesundheitsministerin. Daher sei das oberste Gebot: Kontakteinschränkung.

Jeder vierte Sachse ist älter als 65

Die Altersstruktur in Sachsen könnte ebenfalls ausschlaggebend sein. "In der Altersgruppe über 80 Jahre steigt die Zahl der Infektionen stark an", sagte Markus Scholz von der Universität Leipzig der "Bild"-Zeitung. "Das erklärt, warum die Pandemie-Lage in Sachsen mit dem höchsten Altersdurchschnitt aller Bundesländer aktuell besonders schlecht aussieht", so der Medizin-Informatiker. Laut Bundesfamilienministerium sind 24,9 Prozent der sächsischen Bevölkerung 65 Jahre oder älter.

Zudem würden die über 80-Jährigen in Sachsen "häufiger als im deutschen Schnitt" erkranken, sagte Scholz. Davon seien "insbesondere die Kreise Görlitz, der Erzgebirgskreis, Meißen und Bautzen betroffen, wo auch Ausbrüche in Pflegeheimen beschrieben wurden."

Tatsächlich nehmen die schweren Krankheitsverläufe deutlich zu. Vor allem in Ostsachsen geraten die Krankenhäuser wegen der Corona-Krise an ihre Grenzen. Durch den derzeitigen Zuwachs von 30 bis 40 Covid-19-Patienten pro Woche ist eine komplette medizinische Versorgung in der Oberlausitz akut gefährdet. "Unsere Krankenhäuser haben ihre Leistungen reduziert, um Personal für die Corona-Patienten freizustellen", sagte Jens Schiffner, der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes im Landkreis Görlitz. Auch im Nachbarlandkreis Bautzen sieht es nicht besser aus. Dort ist der Anteil an Covid-19-Patienten auf Intensivstationen mit rund 40 Prozent am höchsten. "Die Kapazitätsgrenze ist vor allem in personeller Hinsicht fast erreicht", warnt Norbert Heide, Ärztlicher Leiter des Klinikums Mittleres Erzgebirge in Zschopau. Die Ausfallquote im Pflegebereich liege bei etwa 30 Prozent.

Shopping-Touristen aus Tschechien

Der "kleine Grenzverkehr" nach Tschechien könnte ebenfalls zur schlechten Pandemielage beigetragen haben. Trotz stark steigender Zahlen in Tschechien durften Sachsen für 24 Stunden und ohne Testpflicht bei der Rückkehr ins Nachbarland fahren. Auch Tschechen war es lange Zeit erlaubt, für einen Tag testlos nach Sachsen einzureisen. Die Begründung der Staatskanzlei: Der kleine Grenzverkehr ist unerlässlich für Berufspendler und Menschen, die im Grenzgebiet leben und arbeiten. "Wenn diese wegfallen würden, sehe es in vielen Bereichen bei uns, wie dem Gesundheitswesen, sehr schlecht aus", so Regierungssprecher Ralph Schreiber.

Doch es kamen nicht nur Berufspendler. Für die von der Pandemie schwer getroffenen Nachbarn war die testlose Reisefreiheit eine willkommene Abwechslung im strengen Lockdown-Alltag mit geschlossenen Geschäften. Erst Mitte November erklärte Tschechien Deutschland zum Risikogebiet und schränkte die Reisefreiheit ein. Das 10-Millionen-Einwohner-Land hatte bis dahin eine der höchsten Infektionsraten in Europa zu beklagen. Zuletzt entspannte sich die Lage etwas. Ab dem 3. Dezember sollen die strengen Corona-Regeln sogar wieder gelockert werden. In Sachsen steigen die Infektionszahlen derweil weiter rasant an.

Mehr Corona-Leugner in Sachsen?

Eine gewagtere Parallele zu den drastisch steigenden Infektionszahlen in Sachsen zieht die "Sächsische Zeitung". Sie titelte vor Kurzem "Sachsen hat die meisten Corona-Leugner". Der Bericht bezieht sich auf eine Studie der Deutschen Bank. Darin heißt es: "Die Befragten in Sachsen sehen häufiger als in anderen Bundesländern keine Krise im Zusammenhang mit Corona." Genau genommen wären die Sachsen somit eher Krisen-Leugner als Corona-Leugner. Und dennoch: Verschwörungsideologien und Protestbewegungen stoßen im Freistaat durchaus auf fruchtbaren Boden.

Ähnlich wie in Baden-Württemberg seien in Sachsen "Renitenz und Protest seit Jahren gereift", sagte der Leipziger Historiker und Politikwissenschaftler Michael Lühmann dem "Spiegel". Das gehe einher mit einem aktiven konservativ-protestantischen Gemeindeleben - vor allem in Ostsachsen und dem Erzgebirge. Eben in jenen Gebieten, wo zurzeit die Infektionszahlen in die Höhe schnellen. Hinzu kommt laut Lühmann die Nähe zur AfD, die sich im Zuge der Pandemie zur Anti-Corona-Partei gemausert hat. In den betroffenen Regionen war die Zustimmung bei der letzten Landtagswahl für die rechtspopulistische Partei besonders hoch.

In der Oberlausitz protestieren Menschen seit Wochen entlang der B96 zwischen Zittau und Bautzen gegen Corona-Maßnahmen. Der stille Protest lockt Dutzende, manchmal sogar mehr als 100 Teilnehmer an. Neben Reichsflaggen und Nazi-Symbolen werden Transparente mit Verschwörungsthesen in die Luft gehalten. Eine Maske trägt hier niemand. Nach Angaben des CDU-Landtagsabgeordneten Stephan Meyer nehmen vor allem Einheimische aus den umliegenden Orten der B96 an den Aktionen teil. Dabei sehen die Infektionszahlen gerade in der Oberlausitz, die die Landkreise Görlitz und Bautzen umfasst, besonders dramatisch aus: In Bautzen liegt der 7-Tage-Inzidenzwert bei 407,3, in Görlitz nur knapp darunter bei 385,4.

"Wir müssen hier handeln"

Ob Corona-Leugner tatsächlich am dramatischen Infektionsgeschehen in Sachsen zumindest teilweise schuld sind, lässt sich nicht sagen. Fakt ist allerdings: Trotz des Teil-Lockdowns seit Anfang November sinken die Zahlen in Sachsen nicht - im Gegenteil. Während in der ersten Welle insgesamt knapp 5000 Infektionen registriert worden sind, hat sich die Zahl innerhalb der letzten zwei Monate auf rund 54.500 mehr als verzehnfacht.

"Wir müssen hier handeln", so Ministerpräsident Michael Kretschmer angesichts der in den Krankenhäusern erreichten Belastungsgrenze. In weiten Teilen des Landes dürfen Einwohner seit Dienstag ihre Wohnung nur in Ausnahmefällen wie zum Beispiel für den Weg zur Arbeit, zum Einkaufen, den Gang in die Schule verlassen. Sport und Freizeitaktivitäten sind nur noch im Umkreis von 15 Kilometer vom Wohnort erlaubt. Darüber hinaus gilt ein Alkoholverbot im öffentlichen Raum. Nur für die Feiertage soll es Ausnahmen geben.

Kretschmer appellierte an die Bürger, die nötigen größeren Einschränkungen mitzutragen und sich daran zu halten. "Wir brauchen mehr Umsicht. Es gibt keinen Grund zur Hysterie, aber auch nicht zur Beschönigung", so der Ministerpräsident. Denn: "Wenn die Sache nicht klappt, dann bleibt nur noch ein kompletter Lockdown. Um das zu vermeiden, müssen wir von der Zahl runterkommen."

Der Artikel ist eine aktualisierte und erweiterte Fassung von "Sachsen wird zum neuen Corona-Hotspot", der bereits am Montag, den 30. November 2020, auf ntv.de zu lesen war.

Quelle: ntv.de