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"Es holt dich immer wieder ein"Warum der Tod ihres Peinigers Ute Cohen nicht befreit

15.03.2026, 16:49 Uhr dff697a9-ec36-4d60-a8dd-b9e0363450ecVon Sabine Oelmann
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Sie möchte anderen Mut machen, sich zu wehren: Ute Cohen. (Foto: privat)

Der Peiniger von Ute Cohen ist gestorben. Als Kind hat er sie missbraucht. Sie hat ihm einen Nachruf verfasst. Einen, der ihre Wahrheit ist. Nach seinem Tod dachte sie, es wäre nun "gut". Doch das ist es nicht.

Sie schreibt: "Er ist tot. De mortuis nihil nisi bene? Nichts als die Wahrheit, nichts als die Offenbarung des Bösen. Was bleibt von ihm, ist exorzierter Schmerz, ist Satans Spielfeld, auf dem er sein Unwesen getrieben hat. Natürlich war ich nicht die Einzige. Er zeigte mir Filme von anderen missbrauchten Mädchen, Fotos. Er wollte mich mitnehmen zu seinen Freunden, mich ausleihen, mich antreiben, ihm die noch jüngeren Mädchen ins Haus zu holen. Ich habe mich geweigert. Er hat mich dafür bestraft. Seine Frau verschloss die Augen, seine Kinder beschuldigten mich. Ich selbst krepierte fast unter dieser Ohnmacht. Er ist tot - und ich hoffe, sie nageln den Sarg mit donnernden Hammerschlägen zu und lassen ihn in Flammen aufgehen. Im Höllenfeuer fühlt er sich am wohlsten. Es sei ihm gegönnt."

Krass? Natürlich. Aber warum? Weil man über Tote nicht schlecht reden soll? Weil eine Frau sagt, wie es ist? Oder doch, weil das, was ein erwachsener Mann einem Mädchen angetan hat, unfassbar grausam ist?

Die Epstein-Files sind in aller Munde: Immer schlimmere Taten, immer menschenverachtendere Ansichten, immer mehr Menschen, meist Männer, von denen man nie gedacht hätte, dass sie zu einer Tat wie Kindesmissbrauch fähig sind, werden an die Oberfläche gespült. Soweit das nach den Schwärzungen der Akten noch möglich ist. Und ja, 14-jährige Mädchen, 15-jährige Jungs und auch 20-jährige Frauen sind schützenswerte Menschen.

Zu leise, zu zaghaft

Es ist eine vollkommene Täter-Opfer-Umkehr, Erklärungen dafür zu suchen, warum Männer - es sind meist Männer - sich an jungen Frauen - es sind meist junge Frauen - aber auch Kindern, vergehen. Die Stimmen der Missbrauchten sind noch viel zu leise, viel zu zaghaft, bekommen viel zu wenig Unterstützung. "Ist es erstaunlich, dass das Schicksal malträtierter, ausgebeuteter und vergewaltigter Mädchen wieder einmal als Anlass für journalistische Lieblingsgefechte dient", fragt Ute Cohen daher. Sie weiß, wovon sie spricht.

"Ist es verwunderlich, dass gelangweilte Hobbyermittler wie wild Namen von Prominenten in die Suchleiste der Akten eingeben?" Nicht im Geringsten, möchte man ihr antworten. "Es gibt immer diesen Punkt bei Gewaltverbrechen, wo ohnehin meist nur abstrakt empfundene Empathie in politisches Gemetzel und Schaulust umschlägt." Sie ist wütend. Sie äußert sich. Sie macht, was sie will. Sie ist erwachsen. Sie hat ein Leben, ein gutes. Und sie hat das, was in ihrer Jugend passiert ist, weitgehend verarbeitet.

Es gibt immer einen Mini-Machiavelli

"Dass es sich bei den Epstein-Files nicht um eine Ausnahmeerscheinung handelt, sondern um ein Grundmuster der Ausbeutung und sexuellen Gewalt, gerät in Vergessenheit", mahnt Cohen an, "der Maßstab ist freilich enorm: Die Befriedigung voyeuristischer Begierden, die Gelegenheit, den wirklich Reichen und Mächtigen (und damit gefahrlos Unnahbaren) vom Sofa aus eins auf die Mütze zu geben, zu gut." Denn in Wahrheit finden diese Taten täglich statt, mitten unter uns. "Es gibt immer einen Dorfkrösus, einen Kleinstadtherrscher und einen Mini-Machiavelli, der die Miserablen ausnutzt, dem die feinen Damen zu Füßen liegen und die Herren den Hof machen", sagt Ute Cohen ntv.de.

Diese Situation kennt die Journalistin und Schriftstellerin nur zu gut: Sie ist aufgewachsen in einem Dorf im Süden Deutschlands, mit Eltern, die nicht der Elite angehörten, sondern hart für ihr Geld arbeiten mussten und wollten, dass es ihrer Tochter besser geht. Die hatten diese nichts dagegen, dass das Mädchen Ute viel Zeit mit der Tochter eines angesehenen Mannes aus der Umgebung verbringt. Der angesehene Bürger jedoch hatte anderes vor, als die Kinder beim Spielen zu beobachten. Er wollte mitspielen. Auf seine "erwachsene" Art und Weise.

"Ich war ihr Spielzeug"

In ihrem Buch "Satans Spielfeld" beschreibt Cohen die Mechanismen, wie sie in die Fänge des Vaters ihrer Freundin geriet. "Es interessierte niemanden, denn hätte man die Augen geöffnet, hätte man handeln müssen", so Cohen. Ihr Elend war nur eine Armlänge entfernt, und doch hatte sie das Gefühl, nichts tun zu können. Ähnlich wie bei Virginia Giuffre: Sie wurde schon als Kind im Elternhaus misshandelt, kam dann in die "Mar-A-Lago"-Connections eines gewissen Donald Trump. In diesem Umfeld kam sie in Kontakt mit Ghislaine Maxwell und Jeffrey Epstein – und ab da wurde es bitter für sie. Dass sie es dort anfangs besser fand als auf der Straße, dürfte niemanden verwundern. Sie dachte, in einem Safe Space zu sein, sie dachte, jetzt eine Chance zu bekommen. Innerhalb der ganzen Scheiße, die sie bereits erlebt hatte, erschien ihr dieser Ort fast wie ein Neustart.

Dass Giuffre Jahr später keinen Ausweg mehr sah als den Suizid, zeigt, wie tief Kinder und Jugendliche in diesen Strudel geraten können. "Ich war ihr Spielzeug. Mehr nicht", schrieb Giuffre in ihrem Buch "Nobody's Girl". "Ich empfinde so sehr mit ihr", sagt Cohen. "Dass sie ihrem Leben ein Ende setzte, schockiert mich nicht zuletzt deswegen so sehr, weil sie sich den Falschen verwundbar zeigte."

Es holt dich immer wieder ein

Cohen hat es geschafft, dem Teufelskreis zu entkommen. Sie wird nicht müde, die Zustände anzuprangern, die immer noch herrschen, obwohl wir doch so viel mehr wissen. Als ihr Buch erschien, hatte sie eher damit gerechnet, dass sich Publikationen wie "Emma" oder andere Feministinnen bei ihr melden würden. Doch anstatt den sexuellen Missbrauch Minderjähriger in den Fokus zu rücken, befasste man sich weiterhin mit den #metoo-Machtgefällen zwischen Erwachsenen. "Der Blick richtete sich auf das Filmbusiness, und die KritikerInnen verloren die wahrhaft Ohnmächtigen, die Kinder, aus den Augen", so Cohen. Das Anliegen der Schwächsten geriet somit in eine erstaunliche Schieflage, zu viele Trittbrettfahrerinnen und Möchtegern-Opfer traten auf den Plan. #metoo wurde für die 59-Jährige unglaubwürdig. "Und wenn du endlich die Kraft hast, dich zu offenbaren, deine Schwachstellen hinterfragt hast – dann wirst du sofort angegriffen. Dann kommen diese ganzen Klischees raus. 'Warum erst jetzt?', 'Du willst doch nur profitieren davon', 'Es geht dir doch nur ums Geld'. Es holt dich immer wieder ein. Da kannst du noch so stark sein."

Ihren Eltern hat Cohen nie etwas erzählt. Erst, als sie tot waren, fand sie die Kraft dafür, sich ihren Dämonen zu stellen. "Ich habe ihnen keine Schuld gegeben", resümiert sie. Hätten sie etwas merken können damals, wenn ihre Tochter von den reichen Leuten zurückkam? "Ich denke nicht. Meine Eltern hatten so viel zu tun. Sie waren Außenseiter. Meiner Mutter hätte ich vielleicht etwas erzählen können, aber als ich dazu in der Lage war, ging es ihr so schlecht, das wollte ich ihr nicht mehr zumuten."

Epstein für Arme

Cohen machte es sich zur Aufgabe, aus dem Privaten das Allgemeine zu machen. Ihr Ziel: "Wie kann ich es verhindern, dass andere dasselbe wie ich erleben müssen?" Die Zeichen zu erkennen ist ihr wichtig: "Den Epstein für Arme, den gibt es überall. Und immer noch ist es so, dass reiche Menschen eine unglaubliche Anziehungskraft haben auf andere, dass sie wirken, als stünden sie über dem Gesetz, als können sie sich alles erlauben. Das ist für Jugendliche sehr anziehend."

Als ihr Peiniger von ihr verlangte, dass sie ihm andere, noch jüngere Mädchen vorstellt, weigerte sie sich. Von sich selbst dachte sie noch immer, dass sie alles besser wegstecken könne mit ihrer jungenhaften Power. Sie wurde dann bestraft. Inzwischen hat sich dafür der Begriff "Grooming" etabliert. "Die haben Strategien, dich da reinzuziehen, das ist unvorstellbar. Sie sehen deine Schwächen, deine familiäre Situation, sie schmeicheln dir, sie schenken dir Dinge, sie behandeln dich erwachsen", erinnert Cohen sich. "Bei mir ging der Missbrauch los mit neun, mit zwölf 'so richtig', da hat man noch keinen ausgeprägten Charakter. Du bildest ihn dann erst in einer Bedrohungssituation aus. Du bist ständig auf der Hut. Du darfst nie frei sein. Mein Peiniger hat mir damit gedroht, dass mir eh keiner glaubt. Man würde nur ihm, dem angesehenen Architekten glauben. Und wenn ich schreien wollte, sagt er: 'Schrei doch, es hört dich eh keiner'. Da musst du später Brüche in deinem Leben erzeugen, damit du eine Evolution möglich machst." Was Ute Cohen stört: "Es spricht keiner mehr über Kindesmissbrauch. Es gibt nur noch Epstein und Pelicot. Es ist das Extreme, das reizt."

"Natur" und "von Gott gewollt"

Warum nun aber hat der Tod des Mannes, der Ute Cohen als Kind jahrelang missbraucht hat, sie noch einmal so getroffen? Und auch, dass er von anderen so beweihräuchert wurde bei der Beerdigung: "Man sollte ja denken, dass man erleichtert wäre, jetzt ist er endlich weg, ausradiert aus meinem Leben. Aber es war überhaupt nicht so. Ich habe so oft versucht, dass er sich bei mir entschuldigt, dass er irgendein Zeichen der Wiedergutmachung oder Gerechtigkeit sendet. Für rechtliche Sachen war es eh zu spät." Jetzt ist es endgültig vorbei, und es gibt nie wieder eine Chance, dass er sie um Verzeihung bittet. Kein Eingeständnis seines Fehlers. "Ich habe viel an mir gearbeitet, aber ich würde behaupten, dass mich so etwas eine posttraumatische Belastungsstörung ereilt hat. Ich habe wieder sehr viel geträumt, viele Szenen sind wieder hochgekommen. Ich war in einer Phase der Zerbrechlichkeit, die ich nicht für möglich gehalten hätte."

Bei einem Umzug wurden, bereits vor Jahrzehnten, Fotos von mehreren Mädchen gefunden – was mit den Fotos passiert ist? Keiner weiß es. Seine erste Frau hatte ihr gesagt: "Ich hatte euch doch immer gewarnt. Gefahr droht im nächsten Umfeld." Ute Cohen wusste das damals aber nicht zu deuten. Die erste Frau offenbarte ihr auch, dass er sie erwürgen wollte und dass ihr vorschwebte, ihn umzubringen. Sie steckte der noch sehr jungen Ute aber auch, dass sie es gerade nochmal "zurechtbiegen konnte", als er eine 10-Jährige aus der Verwandtschaft belästigte. So sei dann nichts herausgekommen. Seine zweite Frau, eine sehr junge Frau, schwieg – um des lieben Friedens willen, ihrem Sohnes zuliebe, des Geldes, des Jobs, des Hauses und des Ansehens im Ort, hat sie lieber geschwiegen. "Der Täter sagte mir, ich solle nicht rumzicken, das sei ganz natürlich, von Gott gewollt."

Über Tote redet man nicht schlecht, heißt es. Ute Cohen findet nicht, dass man sich an alles halten muss, was normalerweise üblich ist.

Quelle: ntv.de

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