Jede Dritte betroffenWarum viele Mütter trotz ihrer Kinder vereinsamen

Sie werden ständig gebraucht, aber selten selbst aufgefangen: Viele Mütter fühlen sich trotz Familie einsam. Zwischen Kinderbetreuung, Job und endlosen Aufgaben bleibt ihr eigenes Leben auf der Strecke. Doch sie brauchen mehr als gute Ratschläge.
Rund jede dritte Mutter, die in Deutschland in einer klassischen Paarfamilie lebt, berichtet von Einsamkeitsgefühlen. Das zeigt FReDA, eine Bevölkerungsstudie zu Familie, Partnerschaft und Demografie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB). Bei Alleinerziehenden sind es sogar 47 Prozent aller Mütter, schreibt Sabine Diabaté in ihrem Buch "Mutterseelenallein", das gerade erschienen ist.
Dabei verbringen Mütter heute im Vergleich zu früheren Generationen deutlich mehr bewusste Zeit mit ihren Kindern. Laut einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) waren es bei Boomern täglich 107 Minuten, bei Millenials dagegen 201 Minuten.
Weniger Zeit allein - ist damit auch weniger Einsamkeit verbunden? Diabaté argumentiert klar dagegen. "Es geht ja auch darum, dass man nicht nur Mutter ist, sondern auch als Frau weiterhin existiert", sagt sie im Gespräch mit ntv.de. Die "Gespräche auf Augenhöhe mit einem anderen Erwachsenen" würden trotz der längeren Zeit mit Kindern fehlen und so das Gefühl von Einsamkeit bestärken.
"Allein sein und einsam sein sind nicht das Gleiche", sagt auch Dr. Mazda Adli, Psychiater an der Theodor Fliedner Stiftung. Während das Alleinsein wohltuende "Ruhe" bedeuten könne, entstehe "Einsamkeit, wenn die sozialen Beziehungen, die wir haben, nicht den Beziehungen entsprechen, die wir uns wünschen oder brauchen".
Für Diabaté entwickelt sich so bei Müttern häufig eine "Work-Kids-Balance ohne Life". Zwar sinkt laut der WZB-Studie auch die Zeit für Hausarbeiten im Vergleich zu früheren Generationen, die hohe mentale Last und damit einhergehende Erschöpfung verschwinde aber nicht: die eigene Arbeit, das Kind zur Kita bringen, Essen für die Familie kochen und den Tag organisieren. Es bleibe wenig Zeit für die eigenen Bedürfnisse, die im Kampf gegen die Einsamkeit aber so entscheidend seien.
Mehr Verantwortung für den Partner
Diese zusätzliche mentale Last, intensiver Energie in neue oder bestehende Beziehungen zu investieren, soll aber eben nicht auch noch bei der Frau landen, sagt die Wissenschaftlerin, die beim BiB arbeitet. "Mir geht es in meinem Buch darum, nicht zu sagen, dass Frauen sich selbst noch mehr optimieren müssen. Frauen, Mütter sind, glaube ich, die effizienteste Spezies in unserer Gesellschaft, weil Zeit und Kraft ein knappes Gut sind."
In die Pflicht nimmt sie hier auch die Partner. Häufig spiele sich in Beziehungen ein Muster der Frau "als Regisseurin des Alltags" ein -mit dem Mann als "Statisten im Familienleben", der stumpf Befehle befolgt. Wichtig sei es, die eigene Verletzlichkeit zu zeigen, sich zu öffnen und Gefühle anzusprechen. Die Verantwortung müsse gleichberechtigt aufgeteilt werden, um für tatsächliche Entlastung zu sorgen.
Mütter könnten sich auch gegenseitig unterstützen, eigene "Banden bilden". Diabaté spricht von "verschworenen Gemeinschaften, wo man weiß, da kann man Tag und Nacht aufeinander zählen". Feste Stützen im Alltag seien wichtig, denn auch strukturell sieht die Mutter von zwei leiblichen und zwei Stiefkindern Hindernisse.
Kritik an Berufswelt und öffentlicher Infrastruktur
Unzuverlässige Betreuung beispielsweise in der Kita belastet Eltern nachweislich, wie eine Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts (DJI) zeigt. Demnach waren 42 Prozent aller Kita-Kinder 2026 von ungeplanten Schließungen betroffen – ebenso folglich auch die jeweiligen Erziehungsberechtigten. "Das erzeugt bei Müttern sehr viel Stress, weil sie diese Systemlücken kompensieren müssen. Und das führt eben auch zu dieser erlebten Einsamkeit", sagt Diabaté. Alleinerziehenden fehle zudem häufig die finanzielle Unterstützung. Knapp 29 Prozent galten laut dem Statistischen Bundesamt 2025 als armutsgefährdet.
Hinzu kommt ein für die Forscherin veraltetes Berufssystem. Rund zwei Drittel der erwerbstätigen Mütter mit Kindern unter 18 Jahren arbeiten dem Statistischen Bundesamt zufolge in Teilzeit, Homeoffice und flexible Arbeitszeiten seien aber noch zu selten möglich. Zudem entstehe für Diabaté häufig der Anspruch, dauerhaft verfügbar zu sein – und das bereits beim Wiedereinstieg nach der Schwangerschaft. "Mütter stehen oft vor der Herausforderung, im Beruf so zu funktionieren, als hätten sie keine Familie, und gleichzeitig im Familienalltag so präsent zu sein, als hätten sie keine Erwerbsarbeit", schreibt die Wissenschaftlerin in ihrem Buch.
Auch der Alltag in Städten sei nicht auf Barrierefreiheit für Mütter mit Kinderwagen ausgelegt, zum Beispiel in Hinblick auf den ÖPNV. Orte für Kinderbetreuung, das Wohnen und soziale Treffpunkte sind räumlich häufig getrennt, Kitas wirken mehr wie "durchgetaktete Übergabeorte" und liefern keine Aufenthaltsqualität für Beziehungen. Vom beliebten Sprichwort "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen" sei nur noch wenig zu spüren. Mutterschaft ist für die Autorin immer mehr zu einem Solo-Projekt geworden, dabei braucht es Partner, Freunde und die von ihr beschriebenen "Banden". Die Verantwortung müsse auf mehrere Schultern verteilt werden, auch, um den Kindern weitere vertraute Bezugspersonen zu geben.
Für Diabaté steht fest: Die Entlastung von Müttern ist ein gesellschaftliches Anliegen, das gemeinsamer Fokussierung bedarf. Sie fordert Hilfe auch vom Staat. "Wünschenswert wäre, dass Fürsorgearbeit, Pflegearbeit nicht nur hauptsächlich Frauen zugeschrieben wird, sondern dass sich alle dafür verantwortlich fühlen." Sie fordert, diese Verantwortung als Diskriminierungsmerkmal im Grundgesetz zu verankern. So sollen Gesetze stärker darauf geprüft werden, ob sie Betroffene bei Care-Arbeit benachteiligen. Politisch geplant ist dieser Schritt bislang nicht.

