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Lena Gorelik: Alle meine MütterMütter sind mehr als die "Summe ihrer Versehrtheit"

10.05.2026, 12:12 Uhr IMG-20181022-173026Von Solveig Bach
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Mütter stehen "allein vor einem Felsen an Erwartungen". (Foto: picture alliance / Shotshop)

Lena Gorelik erzählt von Müttern zwischen Liebe, Schuld und Überforderung. Ihr Buch versammelt Geschichten von Verlust, Migration und Krankheit - und zeigt ganz ohne Kitsch, wie widersprüchlich und prägend Mutterschaft ist.

In dem Land, aus dem Lena Gorelik mit ihren Eltern gekommen ist, bekommen am Geburtstag ihrer Kinder die Mütter Blumen. Das wissen Goreliks Kinder, weil an diesem Tag nicht nur sie selbst geboren sind, sondern auch die Mutter aus dem Menschen, der ihre Mutter davor war. Sie wissen es von ihrer Oma, in deren Körper jetzt der Krebs wütet. Die Freundinnen der Mutter wissen es auch.

"Die Liebe der Mutter hat ein Wunder zu sein, es ist in dieser Liebe kein Fragezeichen vorgesehen", schreibt Gorelik und taucht dann tief in dieses Meer von Ambivalenzen ein, ohne die das Muttersein nicht denkbar ist. Ihre eigene Mutter und ihr eigenes Muttersein sind nur der Anfang, während sie betont, sie habe das Buch weder für ihre Mutter noch für die eigenen Kinder geschrieben.

Wie eine Patchworkdecke fügt sie in ihrem Roman "Alle meine Mütter" zusammen, was die verschiedenen Mütter und ihr Sein ausmacht. Sie beginnt in den Abtreibungskliniken der Sowjetunion. Hierher kommen die Frauen, die keine Mutter werden wollen oder gerade nicht oder nicht schon wieder. Sie treffen auf andere Mütter, die nur gerade Krankenschwestern, Ärztinnen oder Rezeptionsangestellte sind und die nur zu gut wissen, wie es sich anfühlt auf diesen Fluren. Die Sowjetunion hielt den "Weltrekord an Schwangerschaftsabbrüchen". Gorelik wurde 1981 in St. Petersburg geboren, emigrierte 1992 mit ihren Eltern nach Deutschland.

Es folgen migrantische Mütter, die ihren Kindern die Sehnsucht nach der alten Heimat ebenso mitgegeben haben wie den Willen, in der neuen Heimat anzukommen. Inzwischen ist diese Mutter alt, die Demenz nimmt jeden Tag etwas vom Muttersein und die Erinnerungen gleich mit. Aber die Tochter erinnert sich noch. An das allsonntägliche Lackieren der Fußnägel, den gemeinsamen Urlaub, der vielleicht viel zu teuer war, an die Einsamkeit der Mutter, ihr Schweigen und den Trotz, den wenigen guten Tagen alles abzugewinnen.

Unmenschliches aushalten

"Mütter prägen uns, auch wenn wir es nicht wollen, sie nisten sich in unseren Köpfen und Herzen ein, flüstern uns zu, schimpfen, trösten, tun es auch noch, wenn sie verstorben sind, tun es selbst dann, wenn wir sie nicht oder kaum kannten. Wir setzen unsere Schritte auf das, was wir dank oder trotz unserer Mütter wurden. Tragen sie darin für immer mit uns", schreibt Gorelik.

Sie hat die Müttergeschichten über Jahre gesammelt, auch die der Mütter, deren Kinder "behindert" oder "beeinträchtigt" sind. Schon diese beiden Worte machen einen Unterschied, auch wenn diese Frauen irgendwie mit einer ähnlichen Mischung aus Glück, Belastung und Scham leben. Leben müssen. Wenn das Kind, auf welche Weise auch immer, nicht "gesund" ist, fragen die anderen: "Wie schaffst Du das nur?" Und die Mütter haben keine Antworten. "Sie halten aus und durch, weil sie aushalten müssen, sie können ja nicht einfach aufstehen und gehen."

Und selbst, wenn es nicht mehr auszuhalten ist, wenn die Kinder vor ihren Müttern sterben, ist das Aushalten nicht zu Ende. Sie erinnern sich an die Geburten, an die Eigenarten dieser kleinen Menschen, die sie zu Müttern und so verletzlich gemacht haben. Die Kinder werden zu Männern und zu Soldaten und sterben in den Kriegen, in die sie ziehen wollen oder müssen. Zurück bleiben Mütter, deren Schutz dann doch noch versagt hat und die lange Listen mit den Fehlern führen, die sie gemacht haben, als sie noch konnten.

Mütter wissen, dass Milch mit Honig gegen Erkältung hilft und haben auch für längst erwachsene Kinder noch immer Kosenamen, die auf dem schmalen Grat zwischen absoluter Peinlichkeit und unendlicher Liebe wandeln. "Ich zähle auf, versammle Geschichten von Mutterschaft, von Versehrtheit", schreibt Gorelik. "Ich zähle auf und weiß: Dies ist ein Versuch. An der Vollständigkeit werde ich scheitern. Weiß: Die Mütter, sie sind mehr als die Summe ihrer Versehrtheit."

Sich zeigen, ohne Kitsch

Auch wenn es auf dem Cover steht, ist "Alle meine Mütter" nicht wirklich ein Roman, eher ein essayistischer Text über Frauen, die Mütter sein "müssensollendürfenkönnenwollen", wie es Gorelik beschreibt. Ihre Ich-Erzählung von der Mutter, in deren Brust der Krebs wuchert, durchzieht das Buch. Sie habe dieses Ich immer wieder eingewoben, weil sie ihren Figuren nicht abverlangen wollte, was sie selbst verweigert: "sich zu zeigen".

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Auf 270 Seiten entsteht so ein Kaleidoskop von gelebter echter Mütterlichkeit - mit allen Abgründen, Gipfeln und Mühen der langen Ebenen. Dass Gorelik das ganz ohne Kitsch gelingt, ist ihrer sprachlichen Präzision zu verdanken und ihrer Fähigkeit, die Leerstellen, das Scheitern und die Unsicherheiten auszuhalten.

Sie selbst sei Mutter geworden, schreibt Gorelik, aber nicht an dem Tag, an dem das Kind geboren wurde. Die Blumen will sie trotzdem und die Ehre, obwohl sie weiß, dass es "um Ehre nicht geht". Denn die Liebe, "die unbezwingbare, die überwältigende, die einzig wahre" werde immer den Müttern zugeordnet. "Um sie dann allein zu lassen vor diesem Felsen an Erwartungen."

Quelle: ntv.de

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