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Freitag, 08. September 2017

Bluttaten von Herne: Warum wurde Marcel H. zum Doppelmörder?

Von Christina Focken

Eiskalt tötet Marcel H. einen Nachbarsjungen und wenig später einen Bekannten. Sein Motiv für die Morde ist noch immer unverständlich. Vielleicht kann der Prozess vor dem Landgericht Bochum die Frage nach dem "Warum" beantworten.

Den Menschen, der die Tür aufmacht, wird er töten. Es ist Jaden, der neunjährige Nachbarsjunge, den das Schicksal trifft. Schnell willigt er ein, Marcel H. beim Tragen einer Leiter zu helfen. Zusammen steigen sie in den Keller. Dort zieht H. ein Messer und tötet den Jungen mit 52 Messerstichen. Dies ist sein erster, aber nicht sein letzter Mord. In den folgenden Tagen wird der 19-Jährige einen weiteren Menschen töten und schließlich dessen Wohnung in Brand setzen.

Zweifacher Mord und Brandstiftung lautet daher die Anklage des Landgerichts Bochum. 15 Jahre Gefängnis drohen Marcel H.. Noch steht nicht fest, ob der zum Tatzeitpunkt 19-Jährige nach dem Jugendstrafrecht verurteilt wird. Dies wird erst in der Hauptverhandlung entschieden. Doch bei besonderer Schwere der Schuld kann auch das Jugendgericht 15 statt zehn Jahre verhängen.

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Im Prozess geht es jedoch nicht nur um das Strafmaß, denn noch ist das Motiv für die Taten noch nicht restlos geklärt. Selbst H.s Pflichtverteidiger Michael Emde kann diese Frage nicht beantworten. "Mein Mandant hat mir dazu nichts oder zumindest nichts Nachvollziehbares geschildert.", zitieren ihn lokale Medien. Bei einer Pressekonferenz kurz nach der Verhaftung berichtet Klaus-Peter Lipphaus, Leiter der zuständigen Mordkommission, H. hätte am Tattag zunächst versucht, sich das Leben zu nehmen. Grund dafür sei unter anderem die Absage der Bundeswehr gewesen. Dort hatte er Sanitäter werden und später Medizin studieren wollen. Auf Grund seiner Sehschwäche wird Marcel H. abgelehnt.

Ein anderer Grund könnte den Ermittlungen zufolge der bevorstehende Umzug gewesen sein. H., der sich selbst als computer- und spielsüchtig bezeichnet, hatte befürchtet in der neuen Wohnung keinen Internetzugang zu bekommen.  Aus diesen Gründen, so gibt H. an, plante er Selbstmord zu begehen. Als ihm dies nicht gelingt, will er einen Mord begehen, um in den Knast zu kommen. Jaden war das Mittel zum Zweck.

Schulfreund mit 62 Messerstichen hingerichtet

Nach der Tat versteckt sich Marcel H. zunächst in einem Waldstück. Von dort hört er die Sirenen der anrückenden Polizeifahrzeuge. Da fällt ihm sein Bekannter Christopher W. ein. Die beiden kennen sich vom Berufskolleg und teilen die Leidenschaft für Computerspiele. Als H. vor seiner Tür steht und ihn bittet, einige Tage bei ihm übernachten zu dürfen, willigt Christopher W. ein. Am nächsten Morgen, so Marcel H., habe sein Bekannter auf Facebook von den Vorwürfen erfahren. W. droht die Polizei einzuschalten. H. greift daraufhin erneut zum Messer. 62 Mal sticht er zu, würgt seinen Bekannten.

Obwohl Marcel H. sich versteckt hält, weiß die Öffentlichkeit schon bald, wer der Täter ist. Beide Opfer fotografiert er mit seinem Telefon. Er posiert mit den Leichen.  Über WhatsApp schickt er Bilder und Sprachnachrichten an Bekannte. Kurz darauf landen diese auch auf der Internetseite 4chan. Das anonyme Internetforum gilt als Tummelstelle für Fans brutaler Bilder. Ob der Täter selbst dort seine Bilder teilt oder ein Bekannter sie verbreitet, ist noch unklar. Fest steht jedoch, dass Benutzer der Seite die grausamen Beiträge gespannt verfolgen, den Mörder sogar anfeuern.

Drei Tage bleibt H. in der Wohnung seines zweiten Opfers. Am Abend des 9. März setzt er diese dann in Brand und geht zu einem griechischen Schnellimbiss. "Ich bin Marcel H.. Die Polizei sucht mich. Ruft die Polizei!", erklärt er dem Inhaber. Dieser erkennt den gesuchten Mörder zunächst nicht, da H. seine Brille nicht trägt. Doch dann greift er zum Telefon. Nach wenigen Minuten erscheint die Polizei und nimmt Marcel H. fest. Er gesteht beide Taten. Seitdem wartet der mutmaßliche Doppelmörder in einer Einzelzelle auf seinen Prozess.

Das Gericht hat zehn Termine angesetzt, das Urteil soll voraussichtlich am 20. Oktober fallen. Vor Gericht werden auch die Eltern von Jaden anwesend sein. Eine Woche vor Prozessbeginn gaben sich die Mutter und der Stiefvater das Ja-Wort. Ein ungewöhnlicher Zeitpunkt, doch der Neunjährige hatte vor seinem Tod immer wieder darum gebeten. Seinen letzten Wunsch wollten sie ihm nun erfüllen.

Quelle: n-tv.de

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