Behandlung gegen WahnWas Schizophrene und Grünen-Hasser gemeinsam haben
Von Sarah Platz
Gewalttaten gegen Politiker nehmen zu, die Fronten zwischen den politischen Lagern sind verhärtet. Ein Forscherteam aus Hamburg und Augsburg will das ändern - und setzt dafür bei Anhängern der AfD und der Grünen auf eine Methode, die eigentlich bei psychischen Störungen eingesetzt wird. Mit Erfolg.
Morddrohungen, Brandanschläge, Prügelattacken: Gewalt und Hass gegen Politiker in Deutschland nehmen weiter massiv zu, wie Daten des Bundeskriminalamts zeigen. Obwohl die Gewaltkriminalität insgesamt im vergangenen Jahr sank, stieg die Zahl der Straftaten gegen Amts- und Mandatsträger erneut - und zwar um zwölf Prozent. Verbale Attacken gehören längst zum Berufsalltag; im Darknet kursieren "Todeslisten" mit Kopfgeldern auf Politiker; gleich mehrfach kommt es zu Übergriffen beim Anbringen von Wahlplakaten und an Wahlkampfständen. Autos von Kommunalpolitikern werden in Brand gesetzt und ein EU-Spitzenkandidat krankenhausreif geschlagen. Als die Zahl an politisch motivierten Straftaten vor der Bundestagswahl 2025 die Zehntausender-Marke reißt, sprechen Polizeivertreter schließlich von einer "neuen Dimension".
Ein Trend mit fatalen Folgen - auch für die Demokratie, wie eine neue Studie des Weizenbaum-Instituts zeigt. Die Mehrheit der Deutschen sorgt sich angesichts der Gewalt gegen Politikerinnen und Politiker um die Interessenvertretung und Meinungsvielfalt im Land. Denn: Mit Blick auf die aggressive Stimmung sind deutlich weniger Menschen bereit, ein politisches Amt zu übernehmen, so ein weiteres Ergebnis der Studie.
Der Staat setzt als Reaktion in erster Linie auf Strafverschärfungen und Schutzmaßnahmen für Politiker. Zwar wird zur Prävention auch auf Faktenchecks und Austausch etwa durch Bürgerdialoge gepocht. "Aber wir können feststellen, dass diese in der Praxis immer in der eigenen Bubble bleiben", erklärt der Psychologe Steffen Moritz im Gespräch mit ntv.de. Grundsätzlich sei ein Austausch zwischen den Lagern die Lösung, um Feindseligkeiten und Hass abzubauen. "Man sieht aber, dass in den gängigen Formaten meist die gegenseitige Belehrung vorherrscht", so der Experte. "Wir wissen, dass die Gegner so nicht überzeugt werden. Der Effekt geht gen Null."
Das Element der Übergewissheit
An diesem Punkt hat Moritz, der den Bereich Neuropsychologie und Psychotherapie in der Psychiatrie der Universitätsklinik Hamburg leitet, angesetzt. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Hamburg und Augsburg forschte er an einer Methode, um Feindseligkeiten gegenüber gegnerischen politischen Lagern abzubauen und so das Gewaltpotenzial zu senken. In der Studie "Bridging the divide" ("Gräben überwinden") haben sie dafür Gegner der AfD und Grünen ins Visier genommen. "Nicht, weil wir die Parteien des rechten und linken Spektrums gleichsetzen", erklärt Moritz. Sondern weil die Anhänger und Politiker der AfD am meisten Gewalt erfahren, wie Statistiken belegen. Dicht gefolgt von Anhängern und Politikern der Grünen.
Rund 1000 Probanden wurden zunächst anonym zu ihrer politischen Orientierung befragt. Anschließend wandten die Wissenschaftler eine Methode an, die eigentlich zur Behandlung von schweren psychischen Störungen eingesetzt wird: die Metakognitive Therapie (MKT) - eine Art Frage-Antwort-Technik, die zur Behandlung von Schizophrenie entwickelt wurde.
Ausschlaggebend für den Versuch der Zweckentfremdung der MKT sei eine wichtige Parallele gewesen. "Selbstverständlich können extreme politische Einstellungen nicht mit Psychosen gleichgesetzt werden", sagt Moritz dazu. "Gemeinsam ist ihnen jedoch das Element der Übergewissheit." An dieser Stelle, der oft falschen Gewissheit, setzt die MKT an. "Es geht darum, feste Überzeugungen zu erschüttern." Die Studie spricht von einem "Samen des Zweifels" als zentralem Mechanismus der Therapie.
Die Grünen als "Verräter"
Betroffenen von Schizophrenie fällt es oft schwer, richtige von falschen Überzeugungen anhand ihrer Urteilssicherheit zu unterscheiden, wie die Studie deutlich macht. Es bestehe ein übermäßiges Vertrauen in die eigenen Fehler. Sie neigen daher dazu, Entscheidungen auf Basis weniger Informationen zu treffen. Mit der MKT sollen diese Denkprozesse geändert werden, erklärt Moritz. "Am Ende geht es darum, zu erkennen, dass man nicht vorschnell urteilen, sondern erst weitere Informationen sammeln und in die Bewertung einbeziehen sollte." Patienten werden dafür etwa sukzessive Cartoon-Sequenzen gezeigt, bei denen sich die vermeintlich sichere Interpretation nach neuen Bildern offensichtlich ändert.
Einen ähnlichen Mechanismus nutzten die Wissenschaftler bei den Anhängern der AfD und den Grünen. Die Probanden wurden mit zwölf scheinbar leichten Fragen und jeweils drei Antwortmöglichkeiten konfrontiert. Sie sollten beispielsweise beantworten, ob das Gerücht stimmt, dass die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt sexuelle Übergriffe durch einen Geflüchteten in Schorndorf relativiert habe (Stimmt nicht). Eine andere Frage lautete, ob es die Vereinigung "Juden in der AfD" innerhalb der Partei gibt (Ja).
Die Forscher wählten gezielt für die Gruppen relevante Fragen, die stark auf Stereotypen basieren, etwa das Bild der Grünen als "Verräter" oder der AfD-Anhänger als "Nationalsozialisten". Ebenso essenziell war der Studie zufolge, dass die Fragen besonders unkompliziert erschienen und bei den Probanden damit "ein hohes subjektives Vertrauen in ihre Antworten" auslösten. So sollten die Teilnehmer auch bewerten, wie sicher sie ihre Antworten einschätzten.
In der zweiten Phase wurden die Teilnehmer mit den meist unerwarteten - mit ihren Vorurteilen unvereinbaren - Antworten konfrontiert. Gleichzeitig erhielten sie Feedback zu ihren eigenen Antworten und eine Reflexion über ihre eigene Sicherheit im Urteil.
Der Erfolg
Die von Moritz ursprünglich für psychische Störungen entwickelte Methode zeigte auch im politischen Kontext Wirkung. Rund 70 Prozent der rund 1000 Teilnehmenden gaben an, neue Perspektiven gewonnen zu haben. "Unsere Haupterkenntnis war, dass die feindseligen Einstellungen gegenüber der gegnerischen Gruppe bei den vielen Probanden reduziert werden konnte", sagt Moritz. Zudem sank die Gewaltbereitschaft - sowohl bei den Grünen-nahen Befragten als auch bei den AfD-Anhängern. "Die Studie unterstreicht das Potenzial von MKT zur Verringerung gesellschaftlicher Konflikte", schreiben die Wissenschaftler.
Nur, was machen die Forscher um Moritz anders? Faktenchecks, in denen mit gängigen Vorurteilen verschiedener politischer Lager aufgeräumt wird, sind alles andere als neu. "In den gängigen Beiträgen oder Gesprächen geht es oft darum, die gegnerische Seite zu entlarven", erklärt Moritz. Doch Belehrung rufe eher als Reaktanz hervor, die Türen bleiben geschlossen. "Du befreist Menschen mit Schizophrenie auch nicht aus ihrem Wahn, indem du sagst: Überleg doch mal, das kann ja nicht sein …"
Statt auf die reine Wissensvermittlung zu setzen, "gehen wir metakognitiv vor". Ein Beispiel: Bei einer Studie mit derselben Methode unter religiösen Gruppen, wurde ein Vers aus einer Heiligen Schrift zitiert, der die besondere Stellung Israels betont. "Wir hätten edukativ sagen können: 'Das steht übrigens im Koran'. Aber bei dieser Methode setzt oft ein Rückschaufehler ein - man imaginiert, das schon vorher gewusst zu haben oder hält es für irrelevant." Stattdessen geht es darum, “die Leute, wenn man so will, in flagranti zu erwischen".
Keine Therapie gegen AfD-Hass
Was klingt wie ein simples Quiz, ist also auf bestimmte Reaktionen konzipiert, die es braucht, um Überzeugungen aufzuweichen: Wenn die Antworten präsentiert werden und die Menschen merken, dass ihre hochsicheren Antworten häufig falsch sind, entsteht ein Aha-Erlebnis. Das Verständnis für die Fehlbarkeit der eigenen Meinung werde verbessert, heißt es in der Studie. "Das Aha-Erlebnis ist wie ein Schlüssel", erklärt Moritz. "Es öffnet dafür, seine Einstellungen zu überdenken, was wiederum Gewaltbereitschaft verringern kann." Wichtig sei auch, dass es jeweils sechs Fragen zur AfD und sechs Fragen zu den Grünen gab. "Wenn die Menschen das Gefühl haben, es geht nur gegen die Partei, der sie nahe stehen, verlieren sie das Interesse."
Moritz versteht die Ergebnisse der Studie weder als endgültige Lösung gegen Extremismus noch als "Therapie gegen AfD-Hass", wie Medien irrtümlich titelten. "Unsere Methode ist ein vielversprechender Ansatz", so der Forscher. An den ersten Erkenntnissen müsse nun jedoch weitergearbeitet werden - auch, um Manipulation zu verhindern. "Im Prinzip ließen sich mit unserer Fragetechnik auch eine Terrororganisation oder Unrechtsstaaten in ein besseres Licht rücken."
Vor diesem Hintergrund sei es eben auch nicht Ziel der Methode, die AfD, die in Teilen laut Verfassungsschutz und Gerichten gesichert rechtsextrem ist, reinzuwaschen, betont Moritz. Entscheidend sei, zwischen extremen Positionen und dialogfähigen Personen zu unterscheiden. Denn wer zuhöre und einen Dialog nicht sofort abwehre, so der Psychologe, verstehe, wie der andere tickt. "Das macht es möglich, Argumente zu entkräften und Gewissheiten aufzuweichen." Denn: Gewaltbereitschaft steigt nachweislich durch Feindseligkeiten und falsche Überzeugungen.
"Wir wollten mit unserer Methode also nicht erreichen, dass AfD-Anhänger die Grünen gut finden oder umgekehrt", sagt Moritz. Das Ziel sei einzig die Reduktion von Gewalt. "Ich habe das schon ein paar Mal gesagt: Meine Hoffnung ist, dass Menschen vielleicht den Kopf schütteln, wenn sie beispielsweise die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt oder auch AfD-Chefin Alice Weidel treffen. Sie sollen beide Frauen aber nicht mehr mit Gewalt oder Vergewaltigung bedrohen, sie mit Hass überschütten oder abfällige Bemerkungen über ihr Aussehen machen."