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In Haltern am See erinnert eine Gedenkstätte an die Opfer der Tragödie. 16 Schüler und zwei Lehrerinnen waren an Bord des Unglücksflugs 4U9525.
In Haltern am See erinnert eine Gedenkstätte an die Opfer der Tragödie. 16 Schüler und zwei Lehrerinnen waren an Bord des Unglücksflugs 4U9525.(Foto: dpa)
Donnerstag, 24. September 2015

Germanwings-Flug 4U9525 : Was nach der Tragödie in den Alpen bleibt

Von Diana Sierpinski

Vor einem halben Jahr zerschmettert ein Airbus A 320 an einem Felsen in den französischen Alpen. Keiner der 150 Insassen des Germanwings-Flugs 4U9525 überlebt. Was am 24. März geschah, ist eine der größten Katastrophen der Luftfahrtgeschichte.

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Was weiß man über den Hergang des Unglücks?
Die Germanwings-Maschine war auf ihrer üblichen Route zwischen Barcelona und Düsseldorf unterwegs. Um 10.30 Uhr bestätigt die Crew den von der Flugsicherung vorgegebenen Kurs. Es ist der letzte Funkspruch. Gegen 10.31 Uhr, kurz nach Erreichen der Reisehöhe, beginnt die Maschine zu sinken. Bei nahezu gleichbleibender Geschwindigkeit sinkt das Flugzeug in etwa acht Minuten auf weniger als 3000 Meter. Um 10.41 Uhr zerschellt die Maschine an einem Felsen im französischen Massiv des Trois-Évêchés.

Wer trägt die Schuld an der Katastrophe?
Nach der bisherigen Bilanz der Ermittler hat die Katastrophe nur einen Verantwortlichen: Andreas Lubitz. Der 27 Jahre alte Copilot soll den Germanwings-Airbus A320 absichtlich auf Crashkurs programmiert haben. Es wird wohl nie ganz geklärt werden, was in den letzten Minuten im Airbus passierte. Aus den Aufzeichnungen des Stimmenrekorders geht jedoch hervor, dass der Kapitän kurz nach Erreichen der Reisehöhe das Cockpit verlassen hat. Als er zurückkehrt, hält Lubitz die Tür verschlossen. Den Erkenntnissen zufolge muss er auch aktiv den Sinkflug eingeleitet haben. Die Auswertung des Flugdatenschreibers bestätigt diese These: Um 10.31 Uhr stellt der Copilot die Zielhöhe auf das Minimum von 100 Fuß (30 Metern) ein. Während des Sinkflugs erhöht er zudem mehrfach die Geschwindigkeit. Aus der Auswertung des Stimmenrekorders geht hervor, dass der Copilot während der letzten Minuten an Bord kein einziges Wort gesagt hat. Nur seine Atemgeräusche sind zu hören. Mehrere Versuche der Flugsicherung, Kontakt zum Cockpit herzustellen, bleiben unbeantwortet.

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Was weiß man über Andreas Lubitz?
Zwei Monate vor dem Absturz soll sich Lubitz in Psychotherapie begeben haben. Seine Eigendiagnose "Depression" wird jedoch nicht ärztlich bestätigt. Laut französischem Staatsanwalt hatte Lubitz eine Sehschwäche und befürchtete zu erblinden. Er soll deshalb in den letzten fünf Jahren 41 Ärzte aufgesucht haben. Einige hätten eine Angststörung diagnostiziert und Lubitz als nicht flugtauglich eingestuft. 2009 musste Lubitz seine Pilotenausbildung wegen einer schweren Depression monatelang unterbrechen. Er war suizidgefährdet. Die Depression galt schließlich als abgeklungen und er durfte seine Ausbildung mit Sondergenehmigung fortsetzen. Danach wurde ihm mehrmals volle Flugtauglichkeit attestiert.

Warum wusste  Germanwings nichts von Lubitz' Erkrankung?
Wegen der Schweigepflicht wurden die Informationen über die diagnostizierte Angststörung nicht an die Fluggesellschaft oder den flugmedizinischen Dienst der Lufthansa weitergegeben. Nach seiner schweren Depression 2009 hing Lubitz' Fluglizenz am seidenen Faden. Ein Rückfall, der seinem Arbeitgeber bekannt wird, hätte das berufliche Aus bedeutet. Seine Angst, zu erblinden könnte Teil einer Depression gewesen sein oder aber, wie seine Hausärztin vermutet, Symptom einer drohenden Psychose. In dem Fall könnte Lubitz nach strafrechtlichem Maßstab vermindert schuldfähig oder schuldunfähig gewesen sein: als Opfer einer wahnhaften Erkrankung, mit der er zwar ein Flugzeug steuern konnte, aber nicht mehr sich selbst.

Sind die sterblichen Überreste identifiziert?
Ja. Die rechtsmedizinische Aufarbeitung ist vollständig abgeschlossen. Die Experten konnten alle 150 Insassen identifizieren. Allerdings konnten nicht alle Leichenteile zugeordnet werden. Sie wurden in einem Gemeinschaftsgrab nahe der Unglücksstelle beigesetzt.

Was bekommen die Angehörigen der Opfer?
Auch ein halbes Jahr nach dem Unglück sind die Schadenersatzfragen immer noch nicht geregelt. Die Anwälte der Hinterbliebenen drohen der Lufthansa mittlerweile mit einem teuren Rechtsstreit in den USA. "Wir kommen in Deutschland auf keinen grünen Zweig. Deswegen gehen wir raus aus Deutschland nach Amerika und haben auch schon eine Kanzlei gefunden", sagt etwa Anwalt Elmar Giemulla, der 125 Angehörige von 40 Opfer-Familien vertritt. Die Verhandlungen könnten noch ein Jahr dauern. Gebe es kein Ergebnis, werde geklagt. Die Lufthansa hatte den deutschen Hinterbliebenen neben 50.000 Euro Soforthilfe pauschal 25.000 Euro als Schmerzensgeld angeboten. Dieses soll für die Todesangst entschädigen, die die Passagiere vermutlich in den letzten Minuten an Bord erlitten haben. Nächste Angehörige sollten dazu ohne weitere Prüfung jeweils ein Schmerzensgeld von 10.000 Euro bekommen. Die Opfer-Anwälte lehnten das Angebot aber als zu niedrig ab.

Wer legt fest, was ein Menschenleben wert ist?
Dazu gebe es bei den deutschen Behörden verschiedene Modelle, die auf unterschiedliche Werte kommen, sagt Jörn Klare, Autor des Buchs "Was bin ich wert? Eine Preisermittlung". Bei seinen Recherchen hat er herausgefunden, dass sich viele Institutionen - darunter die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin - auf den sogenannten Durchschnittswert eines statistischen Lebens beziehen. "Er ist für alle Menschen gleich und liegt in Deutschland aktuell bei zwei Millionen Euro." Die Bundesanstalt für Straßenwesen beziffert die volkswirtschaftlichen Kosten durch jeden Verkehrstoten auf rund 1,2 Millionen Euro.

Welche Folgen hat das Unglück für die Flugsicherheit?
Piloten dürfen in Europa nicht mehr allein im Cockpit sein. Ein EU-Gremium empfahl nach dem Unglück eine psychologische Untersuchung für alle Piloten. Zudem sollten Details zu Arztbesuchen in einer europaweiten Datenbank gespeichert werden. Sollte sich Deutschland nicht den Forderungen der EU beugen, ist ein Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof möglich. Die EU ist der Ansicht, dass die Regeln zur Erneuerung von Pilotenlizenzen nicht mit EU-Gesetz vereinbar sind, da der Schutz der Privatsphäre schwerer wiege als die Sicherheit. Derzeit werden die flugmedizinischen Standards hierzulande überarbeitet. Psychiatrische und psychologische Aspekte sollen einen höheren Stellenwert bekommen. Angedacht ist für psychische Krisen ein Hilfsprogramm wie für Alkoholprobleme, berichtet Matthias Wirth, Vizepräsident des Deutschen Fliegerarztverbandes: Wer sich rechtzeitig Hilfe holt, dem wird sie umfangreich gewährt. Wer vertuscht und auffliegt, fliegt aus dem Cockpit.

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Quelle: n-tv.de