Weibliche Genitalverstümmelung"Wer seine Tochter nicht beschneiden lässt, riskiert, dass sie ausgegrenzt wird"
Von Anna Kriller
Hierzulande ist es unvorstellbar, in mindestens 90 Ländern wird es täglich praktiziert: weibliche Genitalverstümmelung. Ein Chirurg macht es sich zur Aufgabe, die Genitalien betroffener Frauen zu rekonstruieren - und ihnen so ihre Würde zurückzugeben.
Es ist eine Menschenrechtsverletzung, die meist unter hygienisch katastrophalen Umständen stattfindet, traumatische Folgen für die Opfer haben kann - und trotzdem in rund 90 Ländern praktiziert wird: Mindestens 230 Millionen Mädchen und Frauen sind laut UNICEF weltweit von weiblicher Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation/Cutting, kurz FGM/C) betroffen. Allein in Deutschland leben laut einer Schätzung der Bundesregierung 123.000 Frauen und Mädchen, die bereits betroffen sind oder als bedroht gelten.
Was bei der weiblichen Genitalverstümmelung in einigen afrikanischen, arabischen, asiatischen und südamerikanischen Ländern passiert, hat oft lebenslange Auswirkungen auf betroffene Mädchen und Frauen - körperlich und seelisch: Im Kindes-, teilweise auch schon im Babyalter werden oft ohne Betäubung und mit unsterilen Gegenständen wie Rasierklingen, Glasscherben oder scharfkantigen Steinen die Klitorisspitze, die Klitorisvorhaut, die äußeren und inneren Schamlippen teilweise oder komplett entfernt und im extremsten Fall zusätzlich der Scheideneingang bis auf ein kleines Loch zugenäht. In einigen Ländern wird die Genitalverstümmelung unter dem Deckmantel der Medikalisierung - also unter Betäubung durch medizinisches Personal - vorgenommen. Das erweckt den Anschein eines "normalen" Eingriffs, die Menschenrechtsverletzung und die Folgen für die Betroffenen bleiben die gleichen.
"Medizinisch gesehen stehen der klitorale Gefühlsverlust, funktionelle Störungen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und der Menstruation sowie Geburtskomplikationen im Vordergrund. Emotional äußern viele Patientinnen, dass sie nicht verstehen können, warum ihnen die Beschneidung angetan wurde", erklärt PD Dr. Dan mon O'Dey im Interview mit ntv.de. Der Facharzt für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie hat sich mit der Entwicklung eigener Operationstechniken auf die anatomische Rekonstruktion der äußeren weiblichen Genitalien spezialisiert, erhielt 2025 sogar das Bundesverdienstkreuz für sein herausragendes Engagement im medizinischen Bereich.
Kommen betroffene Frauen in O'Deys Praxis, ist es sein Ziel, ihnen neben der Rekonstruktion des Genitals und den damit verbundenen Funktionen auch die sexuelle Empfindungsfähigkeit zurückzugeben. Die Rekonstruktion soll psychische und physische Belastungen mindern - und den Frauen ihre Weiblichkeit und Würde zurückgeben.
Familien droht soziale Ächtung und Gewalt
Angesichts der weitreichenden Folgen stellt sich die Frage, warum Mütter, die selbst von weiblicher Genitalverstümmelung (FGM/C) betroffen sind, ihren Töchtern wiederum das Gleiche antun. "FGM/C ist eine geschlechtsinterne Praktik, die den Frauen ursprünglich von Männern auferlegt wurde", erklärt O'Dey. Betroffene Mädchen und Frauen seien in einem System sozialisiert, in dem ein "unbeschnittenes" Mädchen beispielsweise als "unrein", "unverheiratbar" oder "ehrlos" gelte.
"Wer seine Tochter nicht beschneiden lässt, riskiert, dass sie ausgegrenzt wird, keinen Partner findet, nicht zu verheiraten ist oder die ganze Familie in 'Schande' bringt. Es ist letzten Endes 'so üblich' und wird als geschlechterspezifische Aufgabe angesehen, für deren Erfüllung die Gemeinschaft der Frauen selbst verantwortlich ist." Aus diesem Grund seien es auch hauptsächlich Frauen, die die Beschneidungen vornehmen.
Weigere man sich, haben die Familien mit entsprechenden Konsequenzen zu rechnen. "In vielen Herkunftsregionen ist der Druck enorm. Familien, die sich verweigern, riskieren soziale Ächtung, Gerüchte, Ausschluss aus Gemeinschaftsstrukturen, bis hin zur Gewalt", weiß der Mediziner. "Die Töchter gelten als 'schwer zu verheiraten', was in patriarchalen Systemen existenzielle Folgen haben kann."
Um in Deutschland lebende Familien bei Reisen in ihr Herkunftsland zu schützen, stellt die Bundesregierung seit 2021 einen "Schutzbrief gegen weibliche Genitalverstümmelung" in 16 verschiedenen Sprachen zur Verfügung. Dieser soll im Herkunftsland und vor Angehörigen klarstellen, dass die weibliche Genitalverstümmelung ein Straftatbestand in Deutschland ist - auch wenn sie im Ausland durchgeführt wird.
Dies soll auch sogenannte "Ferienbeschneidungen" - also Beschneidungen von in Deutschland lebenden Mädchen während familiären Auslandsaufenthalten in den Schulferien - verhindern. Da diese aber tatsächlich existieren und oft im Verborgenen geschehen, sei es laut O'Dey wichtig, frühzeitig in Kitas, Schulen, Arztpraxen und Jugendämtern zu sensibilisieren, um Betroffene zu erreichen, bevor ein solches Vorhaben wirklich umgesetzt werde.
Prävention muss aus Mitte der Gesellschaft kommen
In Deutschland steht FGM/C unter Strafe. 15 Jahre Freiheitsstrafe kommen im äußersten Fall auf die Täter zu. Zusätzlich droht Mitwirkenden der Entzug der Aufenthaltserlaubnis. Auch auf globaler Ebene müsse es eine konsequente Gesetzgebung und Strafverfolgung in den betroffenen Ländern geben, sagt O'Dey. Außerdem entscheidend: "Aufklärung, Schulung und Prävention, die Bildung und ökonomische Stärkung von Mädchen und Frauen, die Zusammenarbeit mit traditionellen Autoritäten, die FGM/C eindeutig verurteilen, sowie langfristige Programme statt kurzfristiger Kampagnen."
Um weibliche Genitalverstümmelung wirksam zu überwinden, brauche es dem Mediziner zufolge einen mehrschichtigen Ansatz. Hierzulande sei eine systematische Schulung von Ärztinnen und Ärzten, Hebammen, Lehrkräften, Jugendämtern, Polizei und Justiz, niedrigschwellige Beratungs- und Anlaufstellen für betroffene und gefährdete Familien, eine verbesserte medizinische, psychologische und rekonstruktive Versorgung bereits betroffener Frauen sowie die stärkere Einbindung der Communities selbst entscheidend. "Damit Prävention nicht 'von außen' kommt, sondern aus der Mitte der Gemeinschaft", betont O'Dey.
Langfristig werde FGM/C nur verschwinden, wenn Mädchen und Frauen ausgeglichene und gleichwertige Rechte erhalten, eine Stimme bekommen und reale ökonomische Alternativen haben. "Die Menschheit muss erkennen, dass 'Ehre' und 'Reinheit' von Mädchen und Frauen niemals auf ihrer Verletzung beruhen dürfen, sondern auf ihrer psychophysischen Unversehrtheit und ihrer unveräußerlichen Würde."